Samstag, 5. Dezember 2015

15) Im Winterquartier

15. Kapitel:
Im Winterquartier

Ende November war es kalt geworden. "Ennio, es wird Zeit, daß Du Dich an Dein Winterquartier gewöhnst", fand meine Margit, "sonst verkühlst Du Dich noch!" "Iiiiich? Verkühlen?" widersprach ich, "Es ist doch noch nicht so kalt, und Strolchi darf auch noch draußen schlafen!" "Ennio!" Die Stimme meiner Margit klang streng, "Wenn Du Dich verkühlst, mußt Du Rum mit Tee trinken!"
Schon der Gedanke daran, daß ich Alkohol trinken müsse, ließ mich erbost aufschreien: "Waaas? Rum mit Tee? Pfudeixelhimmelkreuzdonnerwetter, das ist gemäß §107 StGB eine gefährliche Drohung! Kein anständiges Motorrad trinkt Rum mit Tee! Die anderen Motorräder in unserer Gasse dürfen auch noch draußen schlafen!"
"Ennio, mein Schatzerl, die müssen draußen schlafen, weil sie keine Garage haben", erklärte meine Margit und quittierte meinen wütenden Aufschrei mit einem Grinsen, "das sind im Grunde genommen ganz arme Motorräder."
"Ennio, mein Freund und Benzinbruder", ließ sich Strolchi vernehmen, "ich schlafe im Winter auch in der Garage! Das ist erstens viel gemütlicher, zweitens haben wir sicher sehr viel Spaß, und außerdem wohnen in der Garage einige Motorräder, die Du noch nicht kennst!"
"OK - überredet", gab ich klein bei.
Ein weiteres Argument, im Winter in der Garage zu wohnen, war das verfrühte Weihnachtsgeschenk, das ich bekommen habe: Heizbare Lenkergriffe! Es war nicht ganz einfach, weil man meiner Margit in dem Geschäft zweimal falsche Griffe gegeben hat! Leider wußte Margit nicht, daß es "zöllige" und "metrische" Griffe gibt. Norbert hat das sofort gewußt und das Problem erkannt. Margit ist noch einmal in das Geschäft gefahren, um die Griffe umzutauschen. Die richtigen waren aber nicht lagernd.
Nach einer Woche bekam Margit eine SMS: Die Griffe sind da. Leider hat man ihr schon wieder die falschen gegeben! Norbert hat sehr geschimpft, Margit hat auch getobt - aber nur ein bißchen! Dann hat Norbert die Sache selbst in die Hand genommen und die richtigen Griffe geholt. Margit durfte nicht mitfahren: wütend, wie sie war, hätte sie möglicherweise Hausverbot bekommen! "Die glauben wohl, weil ich eine Frau bin, können sie mich verarschen!" war noch harmlos. Margits restliche Anmerkungen wage ich nicht zu wiederholen: Ich bin ohnedies schon rot genug.
Norbert hat die richtigen Griffe besorgt und mir in unserer Garage montiert. Die Montage hat zwar ein bisserl weh getan, es war aber nicht wirklich schlimm. Dann hat Norbert meine Batterie ausgebaut! Jetzt kann Margit nicht mehr mit mir das Fahren in der Garage üben!
"Ennio", erklärte mir Norbert, "nur das Fahren über die steilen Auffahrten kannst Du nicht mit Margit üben. Das sind viel zu kurze Strecken, ganz schlecht für Deinen Motor. Außerdem bekäme Margit Probleme mit der Hausverwaltung. Margit hängt Deine Batterie ans Ladegerät, dort bleibt es bis zum Frühjahr, und wenn wieder schönes Motorradwetter ist, bekommst Du Deine Batterie gut vollgeladen zurück." Tja - was soll ich dazu sagen? Meiner Margit kann ich vielleicht einreden, daß wir auch im Winter herumzigeunern müssen, und sei es nur in der Garage, aber Norbert ist zu sehr Fachmann und kennt sich überdies mit den Gesetzen aus…
Wie dem auch sei: Jetzt bekommt meine Margit keine kalten Hände, wenn wir im nächsten Jahr zum Nordkap fahren…
Wenige Tage später zog auch Strolchi in unsere Garage: "Ich hab keine Lust auf gefrorene Scheiben", erklärte mein Freund und Benzinbruder, "und mir täglich die Scheiben abkratzen zu lassen, ist sehr unangenehm!"
Strolchi auf unserem Garagenplatz einzuparken war für unsere Margit nicht ganz einfach: Margit ist gewöhnt, Strolchi mit dem Hintern voran in die Garage zu stellen. Das geht ruck-zuck. Aber wir wollen ja plaudern und Unsinn aushecken, das geht einfacher, wenn Strolchi mit seiner Nase bei mir ist. Nach einigen Tagen hatte unsere Margit es geschafft, meinen Freund und Benzinbruder in einem Zug mit der Nase zu mir zu setzen, daß wir uns auch ganz leise unterhalten können und nicht in der Gegend herumschreien müssen.
"Wenn wir jetzt in der Garage schlafen", reklamierte ich, "erzählst Du uns dann auch jeden Tag eine Gute-Nacht-Geschichte?"
"Na, sicher mach ich das", versprach meine Margit, "und was es mit meinem Kardantunnel-Syndrom und so weiter auf sich hat, erklär ich Dir auch!"
"Und warum fluchst Du nicht mehr, seit Du auf Kur warst?" Mit meinen Fragen wollte ich verhindern, daß meine Margit sich schon wieder verabschiedete. "Das, mein Schatzerl", erklärte meine Margit, "ist eine ganz lange Geschichte. Und jetzt muß ich nach Hause gehen. Puppi und Burli haben bestimmt schon einen fürchterlichen Hunger!"






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