14. Kapitel:
Ennio
besucht Carnuntum
Seit ich meine Margit habe, bringe ich sie ein- bis zweimal
pro Woche nach Bad Deutsch-Altenburg. Das Kurzentrum Ludwigstorff ist auch
unter dem Namen Therme Carnuntum bekannt. Meistens mache ich es mir vor dem
Thermencafe vom Kurzentrum Ludwigstorff gemütlich und belausche die Gespräche
der Kurgäste. Allerdings: Meistens bedeutet nicht immer. Schließlich möchte ich
auch wissen, was sich in der Rezeption und sonst vor dem Haus tut!
In der Therme Carnuntum arbeiten viele fesche Damen!
Die möchte ich gerne mal auf Motorrad-Art abschleppen: Zuerst mit Kaffee oder
sonst 'nem alkoholfreien Drink abfüllen, und dann auf eine Runde auf meinem
Sozius einladen! (Bin ich froh, daß meine Margit nicht eifersüchtig ist, sondern
gerne mitmacht!)
Da ist beispielsweise die Mikel: Sie schaut drauf, daß
meine Margit nicht wie eine alte Hex daherkommt. Und geschminkt hat sie sie
auch schon. Strolchi sagt, das paßt Margit, aber sie kann es selbst nicht. Ich
hab nichts gegen motorradfahrende Hexen, so lang sie wissen, was einem
Oldtimer-Motorrad gut tut! Irgendwie hab ich das Gefühl, es gefällt meiner
Margit, hie und da einmal ganz anders auszusehen. Ich hab kein Problem damit,
schließlich ist meine Margit eine Frau…
Mikel bringt
die Haare meiner Margit auf Vordermann.
Die Frau
Gerlinde liebt Motorräder! Aber leider läßt sie mich nicht ins Thermencafe! Wo
ich sie doch so gerne auf ein Kaffeetscherl ("Käffchen") eingeladen
hätte - aber das hat alles nix genützt:
"Ennio, hier geht es nicht weiter!" Frau
Gerlinde läßt mich nicht ins Thermencafé!
OK - dann
versuch ich es mal bei Frau Priska! "Was meinen Sie, Frau Priska, gehen
wir ins Thermencafe auf einen Kaffee? Meine Margit hat bestimmt nichts dagegen,
wir könnten ja gemeinsam auf Margit warten!"
"Nein", sagt Frau Priska, "das kann ich
auch nicht erlauben!"
Dabei hätte
ich so gerne im Thermencafe auf meine Margit gewartet, während sie bei Frau Agi
ist!
Frau Agi macht aus Bartgeier-Margit eine Frau.
Darf ich
überhaupt erzählen, daß meine Margit unter "Damenbart" leidet? Das
ist doppelt so schlimm, weil meine Margit behauptet, nie eine Dame gewesen zu
sein - und trotzdem hat sie einen Bart, mit dem sie, wie sie behauptet,
Conchita Wurst Konkurrenz macht! Aber Margit übertreibt, ihr Ziegenbart nicht
wirklich eine Konkurrenz. Aber es fühlt sich für Margit so an. Dabei schätzt
sie Conchita Wurst sehr. Auf die Idee, eine Kunstfigur wie Conchita zu erschaffen
und zu leben, muß ein Mensch erst einmal kommen. "Conchita" ist eine
wirklich schöne Frau, die einen Vollbart trägt. Und eine Stimme hat sie -
großartig! Ohne diese tolle Stimme und die großartige Performance hätte
"sie" nie den Song Contest 2014 in Kopenhagen gewonnen. Letztendlich
muß man sich vor Augen führen, daß sich unter der Kunstfigur Conchita Wurst ein
junger Mann namens Tom Neuwirth verbirgt - ein begnadeter Künstler.
Wie auch
immer: Zum Glück gibt es Frau Agi, die meine Margit wieder froh und bartlos
macht! Wen wundert's, daß meine Margit so gerne nach Bad Deutsch-Altenburg
pilgert?
Aber Bad Deutsch-Altenburg besteht nicht
ausschließlich aus dem Kurzentrum Ludwigstorff. Ich habe Strolchi gefragt, was
denn "Bad Deutsch-Altenburg" und "Carnuntum" sind. Strolchi
hat Bad Deutsch-Altenburg mit seinem Bordcomputer gegoogelt und mir erklärt,
was ich wissen wollte:
Bad Deutsch-Altenburg ist eine Marktgemeinde im Bezirk
Bruck an der Leitha und liegt am rechten Donauufer, an der B9, der Preßburger
Bundesstraße. Die nächste größere Stadt ist die Mittelalter-Stadt Hainburg an
der Donau mit der großartigen Stadtmauer. Das Autokennzeichen ist BL.
Vom 1. bis zum 5. Jahrhundert n.Chr. lag im Raum Bad
Deutsch-Altenburg - Petronell das römische Legionslager und die zivile Stadt
Carnuntum. Carnuntum war zeitweise Hauptstadt der römischen Provinz Pannonien.
Carnuntum verfiel allerdings schrittweise nach einem schweren Erdbeben von 350
n.Chr.
Bad Deutsch-Altenburg entstand um eine Burg aus dem
11. Jahrhundert, wurde 1297 erstmals urkundlich erwähnt und erhielt 1579 das
Marktrecht. Der Namenszusatz "Deutsch-" dient der Unterscheidung von
Mosonmagyaróvár (Ungarisch-Altenburg) in Westungarn.
Die Hauptattraktion von Bad Deutsch-Altenburg ist die
stärkste Jod-Schwefel-Quelle in Mitteleuropa. Ihr Wasser wird in der Therme
Carnuntum zur Behandlung von Erkrankungen des Bewegungsapparates, Nervenleiden,
Hauterkrankungen und rheumatischen Erkrankungen eingesetzt. Schon die alten Römer - nicht die alten Damen und
Herren, die in Rom leben, nein, gemeint sind hier jene Römer, denen die
Gymnasiasten den oft verhaßten Lateinunterricht verdanken - nun, schon jene
alten Römer wußten die Quelle zu schätzen und zu nutzen. Archäologische
Ausgrabungen und Ruinen - sowohl der römischen Badekultur als auch andere -
beweisen es.
Mein Freund und Benzinbruder Strolchi hat erzählt, daß
Margit im vergangenen Jahr in Bad Deutsch-Altenburg auf Kur war: "Hundert
pro, die haben da auch Anwendungen gegen das Fluchen!" Strolchi zwinkerte
mir verschwörerisch zu, "Damals hättest du sie hören müssen! Geflucht hat
sie wie ein türkischer und ein rumänischer Brummifahrer zusammen, wenn sie beim
Schmuggeln erwischt werden! Was meinst du, woher ich meine schöne schamesrote
Farbe habe? Aber jetzt flucht sie gar nicht mehr so oft, dafür singt sie schon
in der Früh! Was sie sonst gemacht hat, weiß ich nicht so genau, aber sie hat
wieder regelmäßig zu singen begonnen. Nix mehr mit ihren Flüchen, sie singt und
hat immer gute Laune! Nicht einmal der Montagmorgen-Stau auf der
Süd-Ost-Tangente bringt sie aus der Ruhe!“
Naja - alles darf man meinem Freund nicht glauben, vor
allem dann, wenn er einen ganz bestimmten Gesichtsausdruck bekommt. Aber wie
dem auch sei, ich werde Margit gelegentlich fragen, was sie damals auf der Kur
gemacht hat. Auf jeden Fall macht man seither was gegen ihr Kardantunnel-Syndrom.
Das ist wichtig.
Das ganze Gebiet um Bad Deutsch-Altenburg herum ist
sehr interessant. Hier haben nämlich die alten Römer gehaust! Ein Überbleibsel
von denen ist das sogenannte Heidentor, ein spätantikes Siegesdenkmal aus dem
4. Jahrhundert n.Chr. Es steht in unmittelbarer Nähe des römischen Carnuntum,
eines bedeutenden Legionslagers am Limes Pannonicus und Hauptstadt der Provinz
Oberpannonien.
Das
Heidentor bei Carnuntum
Das Heidentor im Archäologischen Park Carnuntum ist
das Wahrzeichen von Petronell-Carnuntum und der gesamten Region. Obwohl die
Ruine zu zwei Dritteln zerstört ist, hinterläßt sie einen imposanten Eindruck
und hat die Zeiten besser als alle anderen Bauwerke der antiken Stadt
überdauert.
Zwischen 1998 und 2001 wurde das Denkmal aufwändig
untersucht und nach den neuesten wissenschaftlichen Methoden von Grund auf
restauriert und konserviert.
Nach der Besichtigung des Heidentores zuckelten wir
gemütlich heimwärts.

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