Samstag, 24. Oktober 2015

09) Die Batterie ist im Eimer...

9. Kapitel:
Die Batterie ist im Eimer

Sonntag ist Wellnesstag! Ich freue mich jedes Mal, wenn meine Margit mit ihrem Plastikstockerl und dem vollgefüllten Kübel mit den feinen Wellnessprodukten wie Lederpflege, Lackpflege und Chrompflege zu mir kommt. Während Margit mich hegt und pflegt, plaudern wir und planen, was wir in der kommenden Woche anstellen möchten.
Igitt! Sie poliert schon wieder meine Auspuffrohre! Himmel, Donnerwetter, das kitzelt! Jetzt hat sie es bemerkt! "Siehst Du, Ennio, so wie Dir geht es mir bei der Fußpflege! Das kitzelt auch, ich empfinde das als angenehm und könnte schnurren wie ein Kätzchen!" Ich hatte verstanden. Meine zwei Auspuffrohre sind doch nicht mit dem Rohr, das Menschenmänner haben, vergleichbar. Naja - kleine Babymopeds entstehen sowieso bei der Starthilfe.
Nach einer Zeit des Genießens räumte meine Margit meine Wellnessprodukte in den Kübel, trug selbigen und das Stockerl hinauf in ihre Wohnung und kam wieder zu mir zurück. Jetzt wollte ich endlich mein Frühstück haben! "Scheiße zum Quadrat", flucht Margit, irgendetwas stimmte mit meiner Batterie nicht!
Margit versuchte nur zweimal - einmal mit Choker, einmal ohne - mich zu starten. Dann kramte sie ihr Handy aus dem Hosensack und brüllte nach dem ÖAMTC. Naja - gebrüllt hat sie nicht gerade, sie hat ihre/n Gesprächspartner/in ganz höflich gebeten, einen Pannenhelfer vorbeizuschicken: "Ich habe immense Startprobleme!" Wieso sie? Die Startprobleme hatte doch ich! Ich bin sicher, sie hat zu Hause genug von ihrem Schönheitswässerchen geschlappert, da kommt sie gut auf Touren! (Strolchi hat mir verraten, daß meine Margit täglich eine Riesenmenge eisgekühlten Kaffee trinkt; von kaltem Kaffee wird man bekanntlich schön. Wenn Margit über dieses Thema eine Predigt hält, sagt sie meistens: "Entweder ist das ein Aberglaube, oder ich sollte mal überlegen, wie ich aussehe, wenn ich keinen kalten Kaffee trinke." Meistens hat sie die Lacher auf ihrer Seite, und deshalb sagt sie es ja.)
Der Pannenhelfer kam in Rekordzeit. Sofort machte er sich daran, meine Batterie durchzumessen. Was ich befürchtet hatte, wurde zur Wirklichkeit: Eine Zelle war hinüber. Und der ÖAMTC hat keine Ersatzbatterien für Motorräder.
"Ennio, mein Schatz", tröstete Margit mich, "jetzt haben wir wieder mal die Kacke am Dampfen. Du hast selbst gehört, daß dein Ex-Chef gesagt hat, die Batterie wird demnächst den Geist aufgeben. Jetzt ist es so weit. Sobald Du wieder laufen kannst, bekommst Du, je nach Tageszeit, ein ordentliches Frühstück oder Mittag- oder Abendessen. Aber zuerst brauchst Du eine neue Batterie, und die kann ich dir leider erst morgen besorgen!" Obwohl niemand etwas dafür konnte, ärgerte ich mich gewaltig und ließ meinem Ärger freien Lauf.
Nach einiger Zeit schien es Strolchi zu viel zu werden: "Ennio, heute ist Sonntag, da sind in Österreich alle Geschäfte zu, und in Tschechien - nun, Margit würde ich mit ihrem Tschechisch nicht raten, eine Batterie für Dich zu kaufen! Aber morgen sind die Geschäfte wieder offen, und spätestens am Nachmittag haben wir eine Batterie für Dich besorgt!" Er ist wirklich ein wundervoller Freund, mein Benzinbruder Strolchi.
Obwohl eigentlich ich an der Reihe gewesen wäre, mußte nun Strolchi meine Margit zuerst zur Therapie nach Bad Deutsch Altenburg und dann zu dem Geschäft bringen, wo es so viele Motorradbatterien gibt, daß sie verkauft werden müssen. Aber leider: Schon wieder konnte ich nicht loszwitschern! "Ennio, ich hab die beste Batterie besorgt, die du brauchst", erklärte Margit, "leider muß ich sie erst befüllen und laden." "Und warum hast du keine gebrauchsfertige genommen?" reklamierte ich.
"Ennio, ich kenne das Geschäft, wo ich Deine Batterie gekauft habe, sehr gut, es ist vertrauenswürdig. Aber ich kenne mich mit Batterien nicht besonders gut aus. Ich denk halt, eine frisch befüllte Batterie ist besser als eine, die schon lange im Geschäft herumsteht, auch wenn sie nur vorgeladen ist." Das sah ich ein.
Margit holte ihr Einkaufswagerl und füllte es mit der Batterie, Batteriesäure und einem neuen Ladegerät an. Und ich konnte nur warten!
Bei unserer allabendlichen Konferenz fragte ich Margit, warum denn das mit meiner neuen Batterie so lange dauert. "Ennio, alles braucht seine Zeit." Großartige Erkenntnis! "Ich gebe zu, ich hatte so meine Schwierigkeiten mit dem Befüllen der Batterie, aber ich hab es geschafft. Jetzt hängt die Batterie am Ladegerät. Es ist ein besonders gutes Ladegerät, weil die Batterie langsam geladen wird. Dadurch hält sie länger."
Das sah ich ein. Ich hab auch nicht mehr vor mich hingeflucht, sondern brav geschlafen, bis meine Margit in der Früh wieder zu mir gekommen ist!


10) Ennio vor der Apotheke

10. Kapitel:
Ennio vor der Apotheke

Jetzt war die Sache mit der Batterie endgültig ausgestanden: Unsere ganze Familie - Margit, Strolchi und letztlich auch ich - hatten zusammengehalten und letztendlich alles wieder ins rechte Lot gerückt. Dann hatte Margit den ÖAMTC gerufen, ein netter Pannenfahrer hatte meine Batterie fachgerecht montiert, und weil ich so brav gewesen war und gar nicht geschimpft hatte, hatte mich der Herr Brunner noch fünf Liter Super-Bleifrei schlappern lassen.
Aber mit 5 Litern ist mein Tank noch nicht voll. Das sagte ich meiner Margit sehr deutlich, sie kann mich ja nicht verhungern und verdursten lassen! "Ich mach dir einen Vorschlag, Ennio: Wir fahren zuerst zur Apotheke, und dann kriegst du ein gepflegtes Frühstück. Ist das OK für dich?"
Und ob das OK war! Nur: Was, zum Kuckuck, sollte die Apotheke sein? "Ich hab mal gehört, daß die Pferde vor die Apotheke kotzen gehen! Meine 50 Pferdchen müssen aber gar nicht kotzen!" Darauf bekam meine Margit einen regelrechten Lachkrampf! "Nein, Ennio", antwortete sie mir unter Lachtränen, "das ist doch nur ein Sprichwort! Meistens heißt es: >Ich hab schon Pferde vor der Apotheke kotzen sehen<. Und dieses Sprichwort drückt aus, daß man irgend etwas für ganz und gar unmöglich hält. Motorräder und Autos sagen in diesem Fall, der Leukoplastbomber singt eine Opernarie!" 
"Jetzt hast du mich auch neugierig gemacht", mischte sich mein Freund und Benzinbruder Strolchi ins Gespräch, "woher kommt denn diese Redensart? Ich hab gehört, Pferde können gar nicht kotzen!"
"Das stimmt, Strolchi", antwortete Margit, "daß Pferde nicht kotzen können, ist anatomisch bedingt. Bei Pferden sitzt zwischen Magen und Speiseröhre ein Schließmuskel, der die Bewegung des Speisebreis nur in eine Richtung zuläßt. Dazu kommt noch der lange Hals. Das alles verhindert, daß Pferde kotzen. Dadurch kommt es auch oft zu Koliken. In extremen Fällen, wenn der Darm des Tieres total verstopft ist, kann auch ein Pferd kotzen - allerdings nicht durch das Maul, sondern durch die Nasenlöcher. Aber kaum ein Tierarzt hat sowas mit eigenen Augen gesehen."
"Aber was hat das mit der Apotheke zu tun?" Wenn schon, dann wollte ich alles wissen! "Die Apotheke dient in dieser Redensart wohl nur zur Unterstreichung der Unmöglichkeit - wo doch in der Apotheke die Heilmittel parat wären!"
"Und was ist jetzt die Apotheke", wollte ich wissen, "müssen wir jetzt nach Znojmo fahren?"
"Aber nein, Ennio", beruhigte mich Margit, "Meine Lieblingsapotheke ist gar nicht weit von hier! Und weil Du alles genau wissen willst: Apotheke nennt man ein Geschäft - und jetzt kehre ich mal den Hobbyjuristen heraus - also, als Apotheke wird heute ein Ort bezeichnet, an dem Arzneimittel und Medizinprodukte abgegeben, geprüft und manchmal auch hergestellt werden. Soweit der Gesetzestext.
Das Wort 'Apotheke' kommt vom griechischen ἀποθήκη, gesprochen 'apothiki', und bedeutet wörtlich Aufbewahrungsort für Vorräte allgemein, besonders aber für das Weinlager, wo der Wein in Amphoren aufbewahrt wurde. In Klöstern wurde so oder auf Lateinisch 'apotheka', der Raum zur Aufbewahrung von Heilkräutern bezeichnet."
Jetzt war ich aber gespannt! Margit startete mich an, und schon ging es durch die ewiglange 30er-Zone in Richtung Bandl - womit ich hier die A2 -Südautobahn - meine. Aber bereits nach der zweiten Querung der Straßenbahnschienen wurde unsere Fahrt ein bißchen illegal - aber nur ein kleines bißchen! Anstatt die Straße wie üblich geradeaus zu fahren, bog Margit rechts ab und lenkte mich über eine Abschrägung und zwischen zwei Stangen hindurch auf einen riesigen Platz. Kupplungsseitig sah ich ein Kaffeehaus, vor dem einige seltsame Gestalten ihr Gesöff genossen, danach eine Bank und dann folgte ein Geschäftslokal, über dem groß und deutlich Wienerberg-Apotheke stand! Margit stellte meinen Motor ab, setzte mich auf meinen Ständer und stieg von mir ab. Wie eine Wrestler-Königin durchschritt sie die Türe. Was weniger königliches Benehmen war: meine Margit rief lauthals in die Apotheke hinein: "Will jemand das beste, schönste, effektivste Antidepressivum anschauen, das keine Krankenkasse verschreibt?" Postwendend kam ein junger Mann im weißen Apothekerkittel heraus und schaute mich bewundernd an. Selbstverständlich mußte meine Margit meine technischen Daten herunterbeten, und danach war natürlich Motorradfahrerlatein angesagt!
Dann mußte Margit noch ein Rezept über Metformin einlösen. Das gefällt diesem Allerwertesten Herrn Diabetes überhaupt nicht, er zieht sich schmollend zurück. Und das ist gut so. Mir war sonnenklar: Meine Margit hatte sich wieder einmal mit mir geschmückt! Und das freute mich.
Jetzt noch ungefähr 500 Meter - dann konnte ich mir den Tank mit einem ganz feinen Sprit vollschlagen. Margit führte mich von der Zapfsäule weg und betrat den Kiosk. Schließlich sind wir keine Zechpreller…



08) Ein bisserl Znojmo schauen

8. Kapitel:
Ein bisserl Znojmo schauen

Am Montag, den 13. Juli, hatte sich mein Freund und Benzinbruder Strolchi diese schreckliche Umleitung um Wildungsmauer auf dem Weg nach Bad Deutsch-Altenburg angesehen: gute beziehungsweise schreckliche 10 Kilometer Sch…otterstraße, dazu eine Geschwindigkeitsbeschränkung auf 30 km/h. Über die 30er-Zone sind Strolchi und ich geteilter Meinung, aber es ist nicht notwendig, daß Freunde immer einer Meinung sind: Unterschiedliche Meinungen kann man in aller Höflichkeit ausdiskutieren. Über die Umleitung selbst sind wir mit unserer Margit einer Meinung: Besch…eiden! Da ist es wirklich vernünftiger, am Bandl (A4) bis Bruck Ost und von dort über viele Dörfer nach Bad Deutsch Altenburg zu zockeln. Am Dienstag hatten wir frei, und am Mittwoch wollte ich Margit nach Znojmo bringen.
"Sind deine Zigaretten wieder auf Ausgang?" lästerte ich bei unserer abendlichen Diskussionsrunde. "Ja, unter anderem", erklärte Margit, "außerdem haben es meine Füße wieder bitter notwendig!" "Füße", wunderte ich mich, "also das, wo ich meine Reifen habe?" "Ja, meine Füße. Ich gehe alle vier Wochen zur Fußpflege, und bei Alena bekomme ich die beste Fußpflege, die es überhaupt gibt!"
Die Fahrt nach Znojmo verlief wie jedes Mal - bis auf die Tatsache, daß Margit es für dringend notwendig hielt, das WC an der Grenze zu kontrollieren. Nun noch drei Kilometer bis Chvalovice - dann lenkte mich Margit nach der Brücke über den Daniz auf die Kupplungsseite.
Selbstverständlich bewunderten mich sowohl Alena als auch ihr Mann gebührend. Dann marschierten sie alle durch die Türe. Während sich's Margit bei der Fußpflege wohlsein ließ, unterhielt ich mich mit dem netten Renault, der Alena und ihrem Mann gehört. Monsieur Renault hat mir ein bisserl was auf französisch beigebracht, aber das verrate ich Margit besser nicht - Fluchen, schön und gut, aber Monsieur Renault hat mir "Voulez-vous coucher avec moi?" beigebracht. Für ein Kraftfahrzeug bedeutet das: "Möchtest du mit mir Starthilfe machen?" Unter Menschen - naja!

"Strolchi hat gesagt, Znojmo besteht nicht nur aus Kaufland und Albert", reklamierte ich wenig später, nachdem Margit ihre Einkäufe im Kaufland erledigt hatte, "Bitte, zeig mir ein bisserl mehr von Znojmo!"
"Das, mein lieber Ennio, habe ich vor", lächelte sie, "zumindest ein bisserl was von der Altstadt möchte ich dir zeigen. Alles geht sich sowieso nicht aus!" Viel, muß ich vorausschicken, konnten wir uns nicht anschauen: Der chinesische Verkehrsminister Um-Lei-Tung feierte fröhliche Urständ'. Zum ersten Mal fluchten Margit und ich um die Wette…
Alle Städte, ob groß oder klein, verfügen über Stadtplaner, und die Stadtplaner wiederum verursachen Baustellen. Besonders kritische Punkte sind Brücken. Was auf der Wiener Süd-Ost-Tangente die Praterbrücke ist, ist in Znojmo die Brücke über die Bahn, gleich neben dem Friedhof. Aber das wußte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.
Zuerst führte mich Margit die "Vídeňská Třida" bergauf. "Wieso steht da >třida<", wollte ich wissen, "Heißt >Straße< nicht >ulica>?" "Ja, heißt es auch", erklärte Margit, ">třida< steht für eine größere Straße; Třida kann aber auch Schulklasse, Klassenzimmer, Art, Kategorie, Sparte oder Allee bedeuten." "Ich kann verstehen", antwortete ich, "daß dein Tschechisch nicht perfekt ist - es ist alles so furchtbar kompliziert!" Dann fuhren wir unter der Eisenbahnbrücke hindurch. "Rechts die Straße hinauf ist der Hauptbahnhof, Hlavní Nádraží!" erklärte Margit.
Nach geschätzten 100 Metern und einer Ampel erreichten wir Náměstí Republiky: den Platz der Republik. "Das Gebäude links ist keine Kirche. Heute ist es das Bezirksgericht, aber früher war es eine Schule. Das Besondere daran: Peter Alexander, der große Schauspieler, Sänger und Showmaster, legte hier in Znojmo die Matura ab. Und man erinnert sich noch heute an ihn…"

Heute ist hier das Bezirksgericht untergebracht
"Den Peter Alexander kenn' ich", bemerkte ich, "er hat wirklich schöne Lieder gesungen! Mehr weiß ich eigentlich nicht über ihn!" "Soll ich dir mehr über ihn erzählen?" bot Margit an, während wir uns kurz auf den Parkplatz am Platz der Republik stellten. "Ja, das wäre nett!" freute ich mich.
"Peter Alexander, bürgerlich Peter Alexander Neumayer, gehörte von Mitte der 1950er-Jahre bis Mitte der 1990er-Jahre zu den populärsten Unterhaltungskünstlern im deutschsprachigen Raum. Bereits während seiner Schulzeit zeigte sich sein Hang zum Parodieren. Nach dem Besuch der Volksschule wechselte er ans humanistische Gymnasium Döbling, das er wegen Schulverweis wegen diverser Streiche vorzeitig verlassen mußte. Daraufhin schickte ihn sein Vater nach Znojmo in die Verbannung, wo er kriegsbedingt per Notabitur die Matura ablegte. Zahllos sind seine Nachkriegsfilme, die Nr.1-Hits, die TV-Galas. Und wie er den Hans Moser imitiert hat - großartig! 1979 gab es die Goldene Super-Kamera als größter Star aller Zeiten…"
Ojemine! Margit weiß jede Menge über Peter Alexander - viel zu viel! Und sie scheint ihn zu mögen. Wenn sie mal anfängt, erzählt sie bestimmt noch bei der Heimreise von ihm. "Und was ist das da für ein Gebäude?" lenkte ich ab.


Městské Divadlo Znojmo - Das Stadttheater Znojmo
"Das", antwortete Margit, "ist das Stadttheater von Znojmo. Irgendwann schau ich mir hier eine Theatervorstellung an!"
"Du willst hier in Znojmo eine Theatervorstellung besuchen? Mit deinem Tschechisch?" Ich konnte mich nur wundern. "Vielleicht ist mein Tschechisch wirklich zu armselig, um von einem Theaterstück irgendetwas zu verstehen", bekannte Margit, "andererseits: Bei einer Oper in italienischer Sprache verstehe ich auch nur Bahnhof - trotzdem kenne ich mich aus, weil ich mich lange vorher mit der Materie beschäftige! Warum sollte ich nicht in Znojmo eine Theatervorstellung besuchen?" Jedenfalls brachen wir unsere Diskussion ab.
Hinter Náměstí Republiky heißt die Straße Čermaková - bis zum nächsten Kreisverkehr, dem Marianské Náměsti. Ab hier heißt die Straße Havličková, die aber nach der nächsten Ampel zur Sokolská wird. Dann stehe ich mit Margit auf dem Náměstí Svobody - dem Freiheitsplatz.
Gemütlich lenkt mich Margit durch die Velká Michalská (Große Michalská-Straße) in Richtung Divišovo Náměstí. Dann stehen wir am Horní Náměstí - dem "Oberen Platz".


"Das historische Stadtzentrum", erklärt Margit, "wurde bereits 1971 zum städtischen Denkmalreservat erklärt." "Donnerwetter", wundere ich mich, "Das war ja noch unter den Kommunisten!" "Naja, ganz blöd waren die auch nicht", grinst Margit. "Znojmo besitzt zahlreiche Renaissancebürgerhäuser wie das Palais Ugarte oder das Starhemberg-Palais am Übergang zwischen Horní Náměsti zum Václavske Náměsti. Aber Znojmo läuft uns nicht weg, und da das Gebiet von Praha sowieso bereits in der Steinzeit von den Bojern besiedelt wurde und Praha mittlerweile vollendet ist, brauchen wir uns mit der Entdeckung der Sehenswürdigkeiten der Altstadt von Znojmo nicht mehr zu beeilen."
 Man könnte auch sagen: Rom ist nicht an einem Tag erbaut worden, aber das behauptet jeder, und meine Margit ist eben nicht "jeder".
Die erste Sehenswürdigkeit, die uns auf dem Horní Náměsti entgegenlächelt, ist das Palais Ugarte. "Das Palais Ugarte", erklärt Margit, "war in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts ein einstöckiges Renaissancegebäude. Die Bürgerfamilie Peter Wallin erwarb das Haus zunächst von der Stadt und verkaufte es 1680 an die in Jevišovice ansässigen Herren de Souches. Die ließen das Palais im Barockstil mit einem besonders auffälligen Portal umbauen. Der Bau des zweiten Stockwerks erfolgte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
1736 starb die Familie de Souches aus, die Herrschaft Jevišov ging gemeinsam mit dem Znaimer Palais in das Eigentum der Grafen von Ugarte über.


Im November 1805 verbrachte Napoleon Bonaparte zwei Nächte im Palais Ugarte. Die Gedenktafel an der Fassade des Palais Ugarte erinnert an dieses Ereignis. Auf Deutsch heißt das >Im Jahre 1805 übernachtete vor der Schlacht von Austerlitz der französische Kaiser Napoleon Bonaparte. Es lebe der Kaiser<.
Die Schlacht bei Austerlitz, auch Dreikaiserschlacht genannt, ist eine der bekanntesten Schlachten der Napoleonischen Kriege. Am Pratzeberg zwischen Brünn und Austerlitz (Brno und Slavkov u Brna) besiegte Napoleon I. von Frankreich eine Allianz aus österreichischen Truppen unter Kaiser Franz I. und russischen Truppen unter Zar Alexander I.
Margit führt mich weiter über den Horní Náměsti. Das bedeutet "Oberer Platz". Die erste Abzweigung heißt Obroková.
"Gleich wirst du das Wahrzeichen von Znojmo, den Rathausturm, sehen", erklärte Margit. "Zwar ist die Rotunde der Heiligen Katharina, auch Heidentempel genannt, das wertvollste Denkmal; trotzdem wurde der 80 Meter hohe, in den Jahren 1445 bis 1448 erbaute Rathausturm in der Obroková zum Wahrzeichen der Stadt. Das Rathaus selbst wurde gegen Ende des Zweiten Weltkrieges 1945 zerstört.
Der Rathausturm (1445–1448) gehört zu den bedeutendsten spätgotischen Bauten in Tschechien und bildet gemeinsam mit dem gotischen Dom des Heiligen Nikolaus eine charakteristische Silhouette der Stadt."



Der Rathausturm


Kulturdenkmal

"Dieses spätgotische Gebäude" zitierte Margit, "wurde von Nikolaus von Sedlešovice in den Jahren 1445 bis 1448 erbaut und ist 66 m hoch. Auffällig sind zwei sich kreuzende Winkelstücke."
"Wieso kannst du das, was auf diesen Tafeln steht, so fließend übersetzen", wollte ich wissen, "Sonst ist dein Tschechisch nicht gerade das Gelbe vom Ei?"
"Ennio, ich habe mich vorbereitet", schmunzelte meine Margit und steckte sich ihre unvermeidliche Viceroy ins Gesicht, "schließlich kann ich dir doch nicht irgend einen Mist erzählen. Außerdem habe ich die Altstadt von Znojmo schon früher besichtigt. Irgendwas bleibt immer in dem Hohlraum unter meinen Haaren hängen! Außerdem kann ich Alena fragen, wenn ich mit einer Übersetzung nicht klarkomme."
Auch ich mußte grinsen: "Kann mir jemand sagen, warum du derart in Znojmo verschossen bist, daß so manches Mannsbild vor Eifersucht erblassen könnte?" "Ennio, du übertreibst", grinste Margit zurück, "es gibt keinen, der meinetwegen auf Znojmo eifersüchtig sein müßte. Fahren wir weiter!"
Margit lenkte mich durch einige Gäßchen, deren Namen ich mir unmöglich merken konnte, bis sie vor einem schmiedeeisernen Tor stehen blieb. Die Gebäude dahinter hatten schon bessere Tage gesehen: "Ennio, hier war einmal Hostan Pivovar - die Brauerei Hostan. Du erinnerst dich, was ich dir von der Party anläßlich der Neueröffnung der Thayabrücke erzählt habe. Damals brachten sie mit einem Pferdefuhrwerk Fässer voll Bier, daß den Feiernden die Kehlen nicht trocken werden. Aber heute gibt es da nichts mehr, die Produktion wurde 2010 nach Brno zur Brauerei Starobrno - Altbrünn - verlegt.


Das war einmal Hostan Pivovar…

Die Rückfahrt war nicht lustig: Vom Freiheitsplatz bis zur Bahnhofstraße ging es nur zentimeterweise weiter. Du lieber Herr Gesangsverein, das war ein Stau der Sonderklasse! Wieso es sich hier so erbärmlich staute - keine Ahnung. Nach der Bahnhofstraße über die Vídeňská ging es schon flüssiger, und nach der Stadtgrenze von Znojmo konnten wir locker und gemütlich weiterfahren. Trotzdem: Ich war richtig froh, daß Margit noch beim Excalibur abbog…

07) Ich hab Dir was versprochen!

7. Kapitel:

"Ich hab Dir was versprochen!"
Diese Woche hatte ich einige Tage frei. Am Montag war ich mit Margit nach Deutsch Altenburg gefahren und hatte mich gemeinsam mit ihr grün und blau über die Umleitung um Wildungsmauer geärgert. Dienstag regnete es, Mittwoch residierten bei Margit die Handwerker, Donnerstag mußte Strolchi aus Znojmo eine ordentliche Portion Kriminalwasser holen und am Freitag stand Streß in Form von TÜV für Strolchi und Behandlung für Margits linke Hand in Bad Deutsch Altenburg auf dem Programm. (Margit hat an ihrer linken Hand ein Kardantunnel-Syndrom, dagegen wird in Bad Deutsch Altenburg erfolgreich etwas unternommen. Aber wie kommt ein ganzer Kardantunnel, womöglich mit dazugehöriger Kardanwelle, in eine Menschenhand? Das muß ja höllisch weh tun! Mit meiner Kupplung kann ich Margits Hand gut trainieren. Es ist schon viel besser geworden! Bin ich jetzt auch Physio-Therapeut? Psychotherapeut bin ich ja schon, aber verratet mich, bitte, bitte, nicht bei Margit, sie kann Psychotanten und -onkel nicht ausstehen!)
Den TÜV hatte Strolchi locker hinter sich gebracht und wollte sich's nach dieser Anstrengung auf seinem Parkplatz wohlsein lassen. Von der Idee, daß Strolchi sein Mittagsschläfchen absolvieren wollte bis dahin, daß ich Margit nach Deutsch-Altenburg bringen könnte, war es nicht weit. Auf dem Rückweg lud mich Margit auf eine gepflegte Jause in mir unbekannter Umgebung ein: An der Autobahnraststätte Göttlesbrunn-Arbesthal!
Beim Jausnen kann man sich immer prima unterhalten. "Was meinst du, Ennio: Ich habe dir bei unserer ersten Ausfahrt etwas versprochen: Möchtest du morgen Sopron besichtigen?" Ja, meine Margit! Ein einmal gegebenes Versprechen vergißt sie nie! Ich möchte vorausschicken: Wir waren am Samstag in Sopron, aber von einer Besichtigung konnte keine Rede sein!
"Ja, gern", freute ich mich, "Ich bin schon sehr gespannt!" Leider hatte Margit vergessen, daß morgen Samstag und somit für viele Österreicher Shop-ping Time ist. Sopron ist ein aufstrebender, wirtschaftlich eng mit Österreich verbundener Wirtschaftsstandort in Westungarn. In den 1990er Jahren war Sopron ein attraktives Einkaufsziel für die Bewohner des Ballungsraumes Wien, was der Stadt auch den Spitznamen "Shop-ron" einbrachte. Das "Shop-" entspricht der ungarischen Aussprache.
Lange vor meiner Zeit, am 19. August 1989, fand bei Sopron das Paneuropäische Picknick statt, bei dem 661 DDR-Bürger über die Grenze nach Österreich in die Freiheit gelangten. Am Ort dieses Ereignisses werden jährlich Gedenkfeiern veranstaltet. (Hoffentlich erinnert sich Margit nicht an die Ereignisse um diese Tage! Ich mußte schon so viel darüber hören, daß ich möglicherweise dabei einschlafe, und das ist unhöflich.)
Sopron, das alte Ödenburg, kroatisch Šopron, ist eine Stadt im Nordwesten von Ungarn, südwestlich des Neusiedler Sees. Das Stadtgebiet wird von der Ikva durchflossen und ragt wie ein Sporn in österreichisches Staatsgebiet. Sopron liegt nur etwa 60 km von Wien, aber 220 km von der ungarischen Hauptstadt Budapest entfernt und zählt zu den ältesten Städten Ungarns. Sopron ist Universitätsstadt, die Westungarische Universität wurde hier im Jahre 1735 gegründet.
A propos Universitätsstadt: Der gute alte Ovid hat behauptet: "Tempora mutantur et nos mutamur in illis." Das ist Latein und bedeutet: Zeiten ändern sich, und wir ändern uns mit ihnen. Aber nicht nur Menschen, auch Städte (ver)ändern sich. Ganz Sopron schien Baustelle zu sein - zumindest der Bereich um die Altstadt!
"Varkerület", darunter "Grabenrunde", stand auf dem Straßenschild. "Seit wann gibt es denn hier Gegenverkehr?" meckerte Margit, "Früher war das eine Einbahn! Übrigens: Früher hieß diese Ringstraße >Lenin Köröt< - Lenin-Ring." Ob Einbahn oder nicht: Ortstafeln und Straßenschilder sind in Sopron zweisprachig. Und gleichgültig ob ein- oder zweisprachig: In ganz Sopron fanden Margit und ich keinen Platz zum Stehenbleiben und zum Fotografieren! In die Altstadt hineinfahren? Unmöglich.
Als wir vor einem Einkaufscenter Pause machen wollten, bemerkte ich einige seltsame Typen, die mich begehrlich anstarrten und die mir Angst machten. "Bitte, bleib bei mir!" Meiner Bitte an Margit hätte es gar nicht bedurft. Sie hatte diese unheimlichen, unguten Typen selbst bemerkt. "Fahren wir wieder", bestimmte sie, "ich hab keine Lust auf Kalamitäten!" Sprach's, steckte ihre Viceroy wieder ein und startete mich an. Welche Kalamitäten uns drohten, darüber ließ sich meine Margit nicht aus. Ich kann es mir aber vorstellen.
Nach einer Steigung mit etwa 20% und danach etwa 100 Meter mit 5% waren wir wieder auf der Straße Nr.84. Die führte uns direkt zur Grenze zu Österreich. In Österreich heißt die Straße übrigens B16 - Ödenburger Bundesstraße. Von nun an ging's bergab! Am Ende des Gefälles prunkte kupplungsseitig vor einem Kreisverkehr eine Tankstelle. Die beachteten wir aber nicht, sondern zogen weiter.
Nach der zweiten Tankstelle lockte bremsseitig ein Flohmarkt. Für Margit eine Möglichkeit, eine Rauchpause einzulegen!
Kaum war Margit von mir abgestiegen, himmelte mich ein junger Mann - bestimmt schon 10 Jahre jung - an. Der dazugehörende Großvater lächelte und schüttelte den Kopf. "Motorradfachmann!" schmunzelte er. Der Motorradfach-mann stellte eine Frage nach der anderen, die ich alle nicht verstand. Großvater dolmetschte. Der junge Motorradfachmann wollte alles, aber auch wirklich alles, über mich wissen! "Mein Motorrad hat 500 cm³ und 50 PS", erklärte Margit. "Und wie schnell kannst du mit deinem Motorrad fahren?" Statt groß anzugeben, erteile Margit dem jungen Motorradfachmann eine Lektion: "Angeblich kann mein Motorrad 160 km/h fahren", erklärte sie, "aber ich habe das noch nicht ausprobiert. Erstens gibt es in Österreich keine öffentliche Straße, auf der man 160 fahren darf, und zweitens habe ich mein Schatzerl jetzt etwas mehr als zwei Wochen." Ich bemerkte, wie der Großvater aufstrahlte. "Ich muß mich erst an dieses Motorrad gewöhnen, deshalb bin ich bisher höchstens 120 auf der Autobahn gefahren."


Ein Kind träumt einen Traum…
Margit und ich verstehen einander ohne große Worte. Ich mag Kinder. Margit mag Kinder. Deshalb durfte der junge Motorradfachmann - selbstverständlich mit Erlaubnis seines Großvaters - auf mich aufsteigen und einen Traum von einer langen, glücklichen Reise träumen…
Viel zu früh erklärte der Großvater seinem Enkel, daß sie jetzt weitergehen müßten - die Oma wartet sicher schon mit dem Mittagessen! Und auch wir machten uns auf den Weg: Margit startete mich an und zuckelte vorsichtig zwischen den Flohmarktständen vorbei Richtung Ausgang. Jetzt noch durch den Kreisverkehr hindurch, auf die B16 abgebogen, und anschließend zogen wir auf der A3 heimwärts.
Nicht weit von zu Hause, aber hübsch ein paar Kilometer von der A3 entfernt bekam ich mein Mittagessen: Super-Bleifrei vom Feinsten!
Morgen, versprach Margit, gibt es wieder Wellness…




Freitag, 23. Oktober 2015

6.) Wegstaub der Vergangenheit

6. Kapitel:
Wegstaub der Vergangenheit


Als wir am Freitag zu Mittag von Bad Deutsch Altenburg zurückkamen, stellte mir Margit eine sehr ernste Frage: "Ennio, kannst du mir sagen, ob sich meine Kurventechnik schon so verbessert hat, daß wir uns über eine steile, kurvige Straße hinunter- und wieder hinauf trauen können, oder sollen wir noch ein bisserl auf der Geraden üben?"
"Wenn ich dir NICHT die Wahrheit sage", antwortete ich, "tu ich dir nichts Gutes, ich bringe dadurch nur uns beide in Gefahr, das ist klar. Du willst mir Hardegg zeigen, stimmt's?" Margit nickte nur. "Ich habe Strolchi gefragt", antwortete ich, "er hat mir die Strecke beschrieben. Klar schaffst du das! Wir fahren beim ersten Mal schön langsam, ich gebe das Tempo vor, schließlich gibt es viel zu schauen!" "Duuuu?" wunderte sie sich, "Du gibst das Tempo vor?" "Ja, ich", bekräftigte ich, "und du wirst sehen, ich kann nicht nur Gas geben! Du sagst ja selbst, vor dem Gasgeben Hirn einschalten. Du hast mir eine Persönlichkeit gegeben, deshalb kann ich auch mitdenken und vor allem fühlen."
Obwohl es am Samstagmorgen einige Probleme gegeben hatte - in unserem Grätzel war der Strom ausgefallen, Margit konnte sich durch einige Telefonate mit dem Stromanbieter wichtig machen und die Hausbewohner informieren - konnten wir einigermaßen pünktlich gegen halb neun die Straße unter die Räder nehmen. In Stockerau Ost verließen wir kurz die A22 für ein gutes Frühstück. Das heißt, ich frühstückte eine ordentliche Portion Super-Bleifrei, während mir meine Margit herrliche Streicheleinheiten mit einem feuchten Schwamm verpaßte.
Da wir in Znojmo noch etwas erledigen wollten, fuhren wir über Znojmo. Ich erledigte das, was ich zu erledigen hatte - das heißt, ich bat Margit, die Erledigung für mich zu übernehmen: Auch in Tschechien sieht man es nicht gerne, wenn ein Motorrad allein einkaufen geht. Ich selbst hatte ein ausnehmend hübsches Moped-Mädchen kennengelernt: Sie trug eine Nummer, die mit "6B" beginnt! Klar, das war ein Grund, sich ausführlich zu unterhalten! Leider ging Margit zuerst zum Bankomaten, statt ein Erinnerungsfoto zu schießen. Als sie wieder kam, hatte sich der Chef meiner neuen Freundin diese geschnappt und war weggefahren, bevor Margit ein Foto machen konnte.
Himmel, Donnerwetter, wie viele hübsche Motorräder und Mopeds laufen in Znojmo noch herum? Sowas müßte man mal abschleppen können! Vor dem Supermarkt, in dem Margits Lieblingstrafik untergebracht ist, lud mich eine ausnehmend hübsche Suzuki aus Jihlava ein, mit ihr gemeinsam einen Autoparkplatz zu besetzen und den Autos klar zu machen, daß auch wir Motorräder nicht nur ein Anrecht auf einen Sitzplatz haben, sondern einen Sitzplatz zu zweit nutzen können. Allerdings interessierte Zuzanka mehr, daß meine Margit in Wien zwar keine Großmutter, dafür eine richtige Babička gehabt hatte, die aus ihrer Heimatstadt Jihlava stammte…
Von Znojmo aus sollte es über Hnanice und Retz in eine Stadt gehen, mit der Margit wundervolle Kindheitserinnerungen verbindet: Nach Hardegg an der Thaya.
Die Strecke von Znojmo über Novy Šaldorf, Havranky, Hnanice, Mitterretzbach und Retz war recht kurvig, aber nicht sonderlich steil. Ein ideales Übungsgelände für Margit, dachte ich bei mir. Wenn Strolchi (in Tschechischen nennt er sich übrigens >Tulačik<) nicht übertrieben hat - und er übertreibt selten bis nie - würde die Strecke Merkersdorf-Hardegg zu einer haarigen Angelegenheit werden.
 Retz liegt nur 12 Kilometer von der Stadtgrenze Znojmo entfernt und ist eine Stadtgemeinde im nordwestlichen Weinviertel, Bezirk Hollabrunn, Niederösterreich. (Ich habe Margit gebeten, demnächst Retz besichtigen zu dürfen, das heißt, mit mir nach Retz zu fahren, die schöne Stadt zu besichtigen und zu fotografieren, weil es sich in jeder Weise lohnt - auch wenn man kein Weintrinker ist. Sie hat gesagt, ja, das machen wir!)
Hardegg an der Thaya hingegen ist, hab ich mir sagen lassen, eine Stadtgemeinde im Waldviertel, die direkt an der Grenze zu Tschechien liegt. Von Hardegg direkt nach Tschechien führt nur die Thayabrücke Hardegg – Čížov. Bis zum Fall des Eisernen Vorhanges war Hardegg sehr isoliert. Als einziger Wirtschaftsfaktor ist der zunehmende Tourismus zu nennen - was ich bestätigen kann: Zwar nicht den Wirtschaftsfaktor, dafür den Tourismus. Aber davon später.
Ich hatte Strolchi nicht nach der Beschaffenheit der restlichen Strecke gefragt. Das war zwar kein Fehler gewesen, aber die Strecke von Retz nach Merkersdorf erwies sich mit ihren zahlreichen, etwas steileren Kurven gleichfalls als Übungsgelände erster Güte.


Nur noch 4 Kilometer!

Von Retz aus ging es auf einer wundervoll kurvigen, gut asphaltierten Straße durch einen herrlichen, grünen Wald. Hinter dem Wald kam eine längere freie Strecke. Auf einem Feld sah ich bremsseitig einen Haufen weißlicher Erde. "Das ist Kaolin", erklärte Margit, "man verwendet es zur Porzellanherstellung."
Porzellan ist ein Material, das man zertrümmert, wenn man wütend ist.
Gemütlich ging es weiter bis Niederfladnitz. Hier teilte sich die Thayatal-Bundesstraße (B30), wir fuhren auf der "B38" weiter und erreichten schließlich Merkersdorf. Knapp vor dem großen, schattenspendenden Wald sah ich kupplungsseitig ein Gebäude: Das Nationalpark-Museum! Das notierte ich mir lieber auf der Bremsscheibe, denn gleich hinter diesem Gebäude begann die "heikle" Strecke: Enge, zum Glück nach innen hängende, Kurven prägten das Bild. Selbst wenn Margit mehr Gas gegeben hätte, schneller als 30 km/h hätte ich sowieso nicht bewilligt. Es war eine wundervolle Übungsstrecke. Bergauf würde ich auch nicht schneller sein.
Schon bald grüßte uns die Burg Hardegg. Die kann man besichtigen. Wieder wurde eine Notiz auf meiner Bremsscheibe fällig…



Die Burg Hardegg grüßt von weitem…

Dann hatten wir die Ortstafel "Ortsanfang Hardegg" passiert. Igitt! Das ist vielleicht ein Straßerl, hinein nach Hardegg! Am Zeughaus der Feuerwehr fuhren vorbei. Nur Idioten fahren hier mehr als 30 km/h. Wir wandten uns nach rechts - hier wurde es noch enger. Aber dann standen wir vor einer recht übersichtlichen Weggabelung: Ein Teil führte direkt auf die Thayabrücke, der andere auf einen Parkplatz…

Als ich die Thayabrücke sah, fühlte ich eine seltsame Ergriffenheit. Jetzt mußte Margit Farbe bekennen: Kindheitserinnerungen, schön und gut, aber da war noch etwas, und darauf sprach ich Margit an:
"Margit, bitte erzähl mir mehr! Diese Brücke spielt doch nicht nur in deinen Kindheitserinnerungen eine Rolle, sie hat bestimmt eine interessante Geschichte!"


Margits geliebte Thayabrücke
"Ja, sicher", erklärte Margit, "wobei meine Kindheitserinnerungen für die Brücke nicht soooo furchtbar wichtig sind. Die Thayabrücke zwischen Hardegg im Bezirk Hollabrunn und Cižov in Südmähren besteht seit 1874. Vorher mußte man die Thaya oberhalb der Stadt an einer Furt überqueren. 1873/1874 wurde eine Straße nach Hardegg neu errichtet, die heute >LH 38 von Niederfladnitz nach Hardegg< heißt. In Niederfladnitz wurde übrigens am 27.9.1931 der Sänger Freddy Quinn geboren. Er hieß damals Manfred Nidl-Petz und wurde mit "Brennend heißer Wüstensand…" weltbekannt."
"Durch Niederfladnitz sind wir doch durchgefahren", warf ich ein, "und den Freddy Quinn kenn ich, ich mag seine Lieder!"
Inzwischen hatte mich Margit an einen schönen, schattigen Platz nahe dem Wehr gestellt. Ich hörte die Thaya rauschen und erzählen…



Ennio geht's gut, er sitzt im Schatten
Einige andere Motorräder, unter anderem eine dicke BMW und eine ebenso schwere Yamaha, mußten vor dem öffentlichen WC in der Sonne schwitzen. Verständlich, daß sie relativ neiderfüllt zu Margit und mir hinübersahen. Ich hörte ihre Überlegungen, ob sie vielleicht ein bisserl streiken sollten. Ausgerechnet vor dem Scheißhaus hatten ihre Chefs sie geparkt! So eine Sauerei!
"Ich hör den Freddy Quinn mit seinen Liedern von Heimweh und Fernweh auch sehr gern", gab Margit zurück. "Er singt in verschiedenen Sprachen, nicht nur auf Deutsch und Englisch. Aber hör weiter: Die Zollhäuser an beiden Ufern wurden erst nach dem Ersten Weltkrieg und der endgültigen Grenzziehung zwischen Österreich und der Tschechoslowakei errichtet. Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges wurde die Thayabrücke fast durchgehend und ohne wesentliche Einschränkungen benutzt. Ab 1945 war der Grenzübergang am Eisernen Vorhang geschlossen. Der Prager Frühling brachte zwar Bemühungen um eine neuerliche Öffnung, doch kam diese nicht zustande - noch nicht.
Inzwischen war der aus Pfosten bestehende Fahrbahnbelag, die wie Bahnschwellen aussahen, zuerst auf tschechischer, dann auch auf österreichischer Seite entfernt worden. Es wurden nur die notwendigsten Erhaltungsarbeiten durchgeführt.



Das war einmal das österreichische Zollhäuschen
Aber dann kam die große Wende! Die Berliner Mauer war gefallen, am Prager Wenzelsplatz hatten Menschen mit Blumen in den Händen die bewaffneten Soldaten besiegt. Gerade daran hatte ich an jenem Gründonnerstag, dem 12. April 1990, nicht gedacht, als ich wieder einmal mit meinem Motorrad (ich nannte ihn Charly) nach Hardegg gefahren war und meine Gitarre mitgenommen hatte. Es war der Tag, an dem die Thayabrücke mit einem Fest herüben und drüben wieder eröffnet wurde. Meine Empfindungen - ich kann sie nur so beschreiben:
Meine Kinderzeit zu suchen kam ich von Süden her,
Am Kirchweihfest vorbeizufahren, das fiel mir gar zu schwer:
Eine Handvoll Türkenhonig nahm ich mit mir nur,
Und ein Herz voll Kirtagsfreude, eh ich weiterfuhr:
Türkischer Honig ist nicht mehr, was er war,
Und die kleine Stadt an der Grenze starb vor einem Jahr.
Nur die alte Brücke, die zwei Länder nie verband,
Blickt noch wie ein stummer Zeuge über Fluß und Land.
Nach verlor‘ner Kinderzeit
Sah ich hier mich um,
Hab‘ gesucht, hab‘ nicht gefunden,
Schau‘ mich nimmer mehr um!

Kam in die Stadt an der Grenze - was ist da gescheh‘n?
Seh‘ die Menschen fröhlich tanzen, über die Brücke geh‘n!
Kleine Stadt an der Grenze, jetzt bist du erwacht!
Keine Mauer, keine Feindschaft, nur die Brücke wacht!
Türkischer Honig, der ist der Feind der Nacht,
Und die kleine Stadt an der Grenze ist wieder aufgewacht!
Auf der alten Brücke, die zwei Länder nie verband,
Kann ich Menschen tanzen sehen, sie reichen sich die Hand!
Nach vergangener Kinderzeit
Sah ich heut‘ mich um:
Nicht gesucht und doch gefunden,
Schau‘ mich verwundert um!

Eine Melodie zu den Worten, die ausdrückten, was ich beim Anblick der restaurierten Thayabrücke empfand, war schnell zusammengestohlen. Ich schäme mich nicht zu gestehen, daß ich die Tränen meiner Freude nicht zurückhalten konnte: "Meine" Thayabrücke - so wunderschön restauriert… Die Sami, die im höchsten Norden Skandinaviens zu Hause sind, können meine Tränen erklären: Tiefstes Leid und höchste Freude sind Schwestern. Und deshalb müssen Menschen, wenn sie unendlich glücklich sind, oftmals weinen.

Ich erinnere mich noch genau, wie damals, an jenem 12. April 1990, auf der Wiese rechts der Thayabrücke ein Fuhrwerk mit zwei herrlichen, kohlschwarzen Pferden ankam und Fässer voll Bier brachte, während ich im Kreise vieler junger Leute auf der Thayabrücke etwas tat, was ich zuvor noch nie gewagt hatte: Ich tanzte auf der Brücke eine gepflegte Polka!

Das Pferdefuhrwerk war Werbung von "Pivovar Hostan", und eben diese Znaimer Brauerei trug dazu bei, daß den Menschen, die die Neueröffnung der Thayabrücke Hardegg - Čižov feierten, die Kehlen nicht trocken wurden. Heute hätten mich die Bierfässer Dank einer Allergie kalt gelassen, aber damals überlegte ich, ob ich auf der österreichischen oder auf der tschechischen Seite mein müdes, möglicherweise bierseliges, Haupt zur Ruhe betten sollte, wenn ich wirklich ein Glas oder mehrere Gläser Bier trinken wollte.
Ich fand im tschechischen Zollhaus einen Platz und genoß nicht nur ein Glas, sondern "mehrere" Gläser gutes tschechisches Faßbier. Ehrlich gesagt, ich hatte ordentlich einen sitzen! Aber schon ein Bier trinken und dann Motorrad fahren ist sowieso Scheiße, warum dann nicht mehrere Gläser…
Daß ich einen Schlafplatz gefunden hatte und meine Kehle feucht halten konnte, wurde besonders wichtig, als eine Fünf-Mann-Band aufzuspielen begann. Nennen wir es Déjà-vu, nennen wir es wie auch immer: Im Sommer 1957 hatte ich schon einmal erlebt, daß beliebte Melodien Texte in unterschiedlichen Sprachen haben können. Und jetzt, im Jahre 1990, spielte und sang eine tschechische Fünf-Mann-Band Lieder in tschechischer Sprache, die mir auf Deutsch nicht nur geläufig waren, nein, die ich von Herzen liebte! Völkerverständigung der musikalischen Art war angesagt: Ich wäre nicht ich gewesen, hätte ich mich nicht umgehend zu der Band gesellt und vorgeschlagen, die Lieder strophenweise abwechselnd auf tschechisch und auf deutsch vorzutragen. Zugegeben, manche Texte waren nicht ganz zimmerrein, aber trotzdem - oder gerade deswegen?- war es ein voller Erfolg!
Es war ungefähr 4 Uhr 30 am Karfreitagmorgen, dem 13.4.1990, als ich am tschechischen Ufer der Thaya dem Thaya-Wassermann ein Ständchen brachte: "Meine Kinderzeit zu suchen…"

Siehst du, Ennio, das ist auch ein Grund, daß ich in Znojmo am Ufer der Thaya oft eine Pause mache und den Fluß frage: "Liebe Thaya, weißt Du noch…?" Und das Rauschen des Flusses gibt mir Antwort…"
"Und du hast später nie wieder getanzt?" wollte ich wissen. "Doch, unlängst bei einem Karaoke-Abend", erinnerte ich mich, "ein sehr lieber Mensch hat mich einfach geschnappt und in die tanzende Runde integriert. Es war sehr lustig." Dann streichelte Margit noch einmal über meinen Tank und wandte ich dem Gasthaus "Zur Thayabrücke" zu. Ich vertraue ihr und weiß, daß sie unterwegs keinen Alkohol trinkt. (Karaoke? Wann ist der nächste Termin? Notiz auf meiner Bremsscheibe...)




Gasthaus "Zur Thayabrücke"
Beim Essen mußte sich Margit keine großartigen Gedanken machen: Den Geruch der in Butter gebratenen "Hardegger Forelle", mit Petersilienkartoffeln und gemischtem Salat konnte ich bis zu meinem Platz riechen. Und ihre >Halbe Soda-Zitron< ist sowieso schon sprichwörtlich. Margit konsumierte zwei 'Halbe' innerhalb kürzester Zeit, was bei dieser Hitze - 34°C im Schatten - verständlich ist.



Hardegger Forelle - ein supergutes Papperl
Über die zwei Halbe Soda-Zitron wunderte sich sogar der Chef persönlich: Einen ganzen Liter? Er hätte nämlich nur eine Halbe verrechnet. Aber da meine Margit ein ehrlicher Gauner ist, hat sie ihn drauf aufmerksam gemacht und ihre Zeche auf Heller und Pfennig - oder auf Euro und Cent - bezahlt.
Besonders erfreut war Margit, daß sie auch hier im Gasthaus Zur Thayabrücke ihr >schlechtestes Tschechisch aller Zeiten< Gassi führen konnte. Ein Tscheche hatte das leerstehende Gebäude vor einigen Jahren gekauft und das Gasthaus wiederbelebt. Aber was soll's, sie wurde verstanden, die Wirtsleute freuten sich über ihre Bemühungen.
Sobald sie wieder zu mir kam, bedankte ich mich noch einmal ausführlich, daß sie mich in den Schatten gestellt hatte und nicht in der Sonne schmachten ließ. Die anderen Motorräder, die so neiderfüllt zu uns hinübergeschaut hatten, hatten die Vermutung geäußert, daß dieses Vorgehen nur von einer Frau zu erwarten sei. Sie selbst seien schon lange mit Männern als Chefs unterwegs, aber die putzen nur und kümmern sich nicht um das andere Wohlbefinden. "Wir möchten unsere Chefs auch mal mit ihren Frauen betrügen", war nur eine schräge, wenn auch etwas zornige, Meldung.
"Ennio", meinte Margit nach einer Zeit des Kuschelns, "Du wolltest doch wissen, wo ich als Kind gespielt habe!" Ich nickte nur. Sie setzte ihren Sturzhelm auf und startete mich an. Durch die enge Gasse, durch die wir gekommen waren, fuhren wir auch wieder zurück. Jetzt wurde es noch enger! Vorbei an der Bäckerei über ein Brückerl, Höchstzulässige Belastung 20 Tonnen, ging's über die Fugnitz. Aber jetzt! Doppelkurve, rechts beginnend, aber bitte im Schrittempo - hier teilen sich Fußgänger und Kraftfahrzeuge einen sehr schmalen Weg. Ich fühlte, wie Margits Herz einen wahren Trommelwirbel schlug. Aber keine Bange, übergroße Freude bringt keine Lebensgefahr…
Nach dieser Doppelkurve hätte Margit ohne Probleme mehr als Schrittempo mit mir fahren können, sie tat es aber nicht: So langsam wie möglich schlichen wir durch die Gasse. Bremsseitig lockte eine Grünfläche mit einigen Bänken, kupplungsseitig standen schmucke Häuschen. Ein paar Meter weiter konnte man auch kleine Häuschen am Ufer der Thaya sehen. Ich störte Margits Gedanken nicht. Der Wegstaub der Vergangenheit war zu ihr gekommen, und sie badete ihre Gedanken darin - Gedanken an die schönsten Tage ihrer Kindheit…
Nach einer Fahrbahnkuppe sah ich nun einen kreisrunden, betonierten Platz am Ufer der Thaya. Außerhalb der Betonfläche hatte sich's jemand gemütlich gemacht, den ich nicht kannte: "Das ist der Thaya-Wassermann", erklärte mir Margit, "du mußt keine Angst vor ihm haben. Er frißt wohl kleine, ungehorsame Kinder, aber weder die Friedl noch die Rosi, die Inge oder mich hat er damals gefressen. Ich glaub, ihm war unsere Musik lieber. Und heute bin ich ihm zu alt und zu fett!" über diese launige Meldung mußte ich lachen.




Der Thaya-Wassermann.
"Weißt Du, Ennio, was sich die Menschen vom Hardegger Wassermann erzählen? Hör gut zu:
Vor langer, langer Zeit hauste in den tiefsten Stellen der Thaya, von den Ortsbewohnern Tümpel genannt, ein Wassermann. Wer sich bei Vollmond in die Nähe der Thaya wagte, hörte vom Flusse her erst leises Rauschen, dann plätscherte und spritzte es, der Wassermann stieg empor aus der Tiefe und setzte sich ins Schilf. Der Mond leuchtete auf das Wasser, das wie Silber glitzerte. Bedächtig kämmte der Wasserman mit einem goldenen Kamm aus seinem grünen Bart und seinen langen grünen Haaren silberne Tropfen, die dann am Ufer zurückblieben, sobald er wieder in die Fluten getaucht war. Die Silbertropfen mußte man holen, solange der Tag noch nicht erwacht war. Und gar mancher Hardegger Bürger soll davon reich geworden sein. Aber es war nicht ganz ungefährlich, die Tropfen aus Silber zu holen, denn manchmal lauerte der Wassermann, im Schilf verborgen, den Menschen auf, um sie mit sich in die Tiefe zu ziehen.
So sah man ihn oft am Granitztümpel unter dem Turmfelsen sitzen oder am Grundlostümpel beim Umlaufberg. Desgleichen hat er sich auf den Wehren der Neuhäusl- und Teufelsmühle gezeigt. Vor allem lockte er kleine, ungehorsame Kinder bis zu einer Größe von einem Meter zu sich und zog sie dann in die unheimliche Tiefe der Thaya. Meistens zeigte er ihnen durch das spiegelnde Wasser am Grunde des Flusses eine versunkene Stadt. Jener Teil von Hardegg soll es gewesen sein, der sich, wie man sagt, dereinst vom Brandlesturm bis über die Breiten erstreckt haben soll und durch ein furchtbares Erdbeben zerstört worden war. Der Wassermann zeigte den Kindern eine große, silberne Glocke unten im Wasser, sie sahen viele Menschen in unbekannten bunten Trachten lustig durch alte Gassen wandeln. Dann lud er die Kinder ein, doch mit ihm die fremde Stadt zu besuchen und zog sie mit sich in den Fluß.
Nur einem Buben soll es einmal gelungen sein, den Wassermann zu überlisten. Dort, wo dieser zumeist aufzutauchen pflegte, hatte der Knabe an einem Baum des Ufers einen Strick befestigt, dessen anderes Ende er sich um seinen Leib knüpfte. Als dann der Wassermann aus den Thayafluten gestiegen war, bat ihn der Knabe um die silberne Glocke vom Grunde des Flusses. Der Wassermann versprach sie ihm auch, wenn er mit ihm in den Fluß steigen wollte. Das Büblein tat es, fand die Glocke und konnte sich mit Hilfe des Strickes wieder ans Ufer ziehen - sehr zum Verdruß des Wassermanns. Die silberne Glocke aber, die der Knabe mit aus dem Wasser heraufgeholt hatte, schmolz am Ufer dahin wie Eis, und zurück blieb nur eine kleine Pfütze. Sonst aber blieben alle Kinder, die zu nahe am Ufer der Thaya gespielt hatten, für immer verschwunden."
"Bitte jetzt keine Analysen", schlug ich vor, "lassen wir den Zauber der Mythen und Sagen auf uns wirken und machen wir uns lieber gemütlich auf den Heimweg!" "OK", meinte Margit, hielt mich am Scheitelpunkt der Fahrbahnkuppe an und machte ein Foto.




1957 war links ein Tennisplatz.
Im vorletzten Haus lebten Oma und Opa Schulz…
"Im vorletzten Haus", erklärte Margit, "lebten Oma und Opa Schulz, später dann Onkel Peter und Tante Friedl. Meine Schulkollegin Friedl hatte sicherlich kein Interesse an dem Haus." Fragen, wer jetzt in dem Haus wohnte - nein, das wollte sie nicht.
Ich muß zugeben, die Steigung zur Burg und dann weiter in Richtung Merkersdorf war hart. Freilich, ich habe es geschafft, aber ich war sehr froh, daß mich Margit nicht hetzte, sondern die Heimfahrt gemütlich anging.
Unterwegs hat Margit nur gesungen und gesungen - ein Lied nach dem anderen. Wir waren rundherum glücklich.
In Stockerau stillte ich noch einmal meinen Durst, bevor es endgültig nach Hause ging. An diesem herrlichen Sommertag hatten wir tatsächlich fast 240 Kilometer gefressen. Margit macht sich!