Freitag, 23. Oktober 2015

6.) Wegstaub der Vergangenheit

6. Kapitel:
Wegstaub der Vergangenheit


Als wir am Freitag zu Mittag von Bad Deutsch Altenburg zurückkamen, stellte mir Margit eine sehr ernste Frage: "Ennio, kannst du mir sagen, ob sich meine Kurventechnik schon so verbessert hat, daß wir uns über eine steile, kurvige Straße hinunter- und wieder hinauf trauen können, oder sollen wir noch ein bisserl auf der Geraden üben?"
"Wenn ich dir NICHT die Wahrheit sage", antwortete ich, "tu ich dir nichts Gutes, ich bringe dadurch nur uns beide in Gefahr, das ist klar. Du willst mir Hardegg zeigen, stimmt's?" Margit nickte nur. "Ich habe Strolchi gefragt", antwortete ich, "er hat mir die Strecke beschrieben. Klar schaffst du das! Wir fahren beim ersten Mal schön langsam, ich gebe das Tempo vor, schließlich gibt es viel zu schauen!" "Duuuu?" wunderte sie sich, "Du gibst das Tempo vor?" "Ja, ich", bekräftigte ich, "und du wirst sehen, ich kann nicht nur Gas geben! Du sagst ja selbst, vor dem Gasgeben Hirn einschalten. Du hast mir eine Persönlichkeit gegeben, deshalb kann ich auch mitdenken und vor allem fühlen."
Obwohl es am Samstagmorgen einige Probleme gegeben hatte - in unserem Grätzel war der Strom ausgefallen, Margit konnte sich durch einige Telefonate mit dem Stromanbieter wichtig machen und die Hausbewohner informieren - konnten wir einigermaßen pünktlich gegen halb neun die Straße unter die Räder nehmen. In Stockerau Ost verließen wir kurz die A22 für ein gutes Frühstück. Das heißt, ich frühstückte eine ordentliche Portion Super-Bleifrei, während mir meine Margit herrliche Streicheleinheiten mit einem feuchten Schwamm verpaßte.
Da wir in Znojmo noch etwas erledigen wollten, fuhren wir über Znojmo. Ich erledigte das, was ich zu erledigen hatte - das heißt, ich bat Margit, die Erledigung für mich zu übernehmen: Auch in Tschechien sieht man es nicht gerne, wenn ein Motorrad allein einkaufen geht. Ich selbst hatte ein ausnehmend hübsches Moped-Mädchen kennengelernt: Sie trug eine Nummer, die mit "6B" beginnt! Klar, das war ein Grund, sich ausführlich zu unterhalten! Leider ging Margit zuerst zum Bankomaten, statt ein Erinnerungsfoto zu schießen. Als sie wieder kam, hatte sich der Chef meiner neuen Freundin diese geschnappt und war weggefahren, bevor Margit ein Foto machen konnte.
Himmel, Donnerwetter, wie viele hübsche Motorräder und Mopeds laufen in Znojmo noch herum? Sowas müßte man mal abschleppen können! Vor dem Supermarkt, in dem Margits Lieblingstrafik untergebracht ist, lud mich eine ausnehmend hübsche Suzuki aus Jihlava ein, mit ihr gemeinsam einen Autoparkplatz zu besetzen und den Autos klar zu machen, daß auch wir Motorräder nicht nur ein Anrecht auf einen Sitzplatz haben, sondern einen Sitzplatz zu zweit nutzen können. Allerdings interessierte Zuzanka mehr, daß meine Margit in Wien zwar keine Großmutter, dafür eine richtige Babička gehabt hatte, die aus ihrer Heimatstadt Jihlava stammte…
Von Znojmo aus sollte es über Hnanice und Retz in eine Stadt gehen, mit der Margit wundervolle Kindheitserinnerungen verbindet: Nach Hardegg an der Thaya.
Die Strecke von Znojmo über Novy Šaldorf, Havranky, Hnanice, Mitterretzbach und Retz war recht kurvig, aber nicht sonderlich steil. Ein ideales Übungsgelände für Margit, dachte ich bei mir. Wenn Strolchi (in Tschechischen nennt er sich übrigens >Tulačik<) nicht übertrieben hat - und er übertreibt selten bis nie - würde die Strecke Merkersdorf-Hardegg zu einer haarigen Angelegenheit werden.
 Retz liegt nur 12 Kilometer von der Stadtgrenze Znojmo entfernt und ist eine Stadtgemeinde im nordwestlichen Weinviertel, Bezirk Hollabrunn, Niederösterreich. (Ich habe Margit gebeten, demnächst Retz besichtigen zu dürfen, das heißt, mit mir nach Retz zu fahren, die schöne Stadt zu besichtigen und zu fotografieren, weil es sich in jeder Weise lohnt - auch wenn man kein Weintrinker ist. Sie hat gesagt, ja, das machen wir!)
Hardegg an der Thaya hingegen ist, hab ich mir sagen lassen, eine Stadtgemeinde im Waldviertel, die direkt an der Grenze zu Tschechien liegt. Von Hardegg direkt nach Tschechien führt nur die Thayabrücke Hardegg – Čížov. Bis zum Fall des Eisernen Vorhanges war Hardegg sehr isoliert. Als einziger Wirtschaftsfaktor ist der zunehmende Tourismus zu nennen - was ich bestätigen kann: Zwar nicht den Wirtschaftsfaktor, dafür den Tourismus. Aber davon später.
Ich hatte Strolchi nicht nach der Beschaffenheit der restlichen Strecke gefragt. Das war zwar kein Fehler gewesen, aber die Strecke von Retz nach Merkersdorf erwies sich mit ihren zahlreichen, etwas steileren Kurven gleichfalls als Übungsgelände erster Güte.


Nur noch 4 Kilometer!

Von Retz aus ging es auf einer wundervoll kurvigen, gut asphaltierten Straße durch einen herrlichen, grünen Wald. Hinter dem Wald kam eine längere freie Strecke. Auf einem Feld sah ich bremsseitig einen Haufen weißlicher Erde. "Das ist Kaolin", erklärte Margit, "man verwendet es zur Porzellanherstellung."
Porzellan ist ein Material, das man zertrümmert, wenn man wütend ist.
Gemütlich ging es weiter bis Niederfladnitz. Hier teilte sich die Thayatal-Bundesstraße (B30), wir fuhren auf der "B38" weiter und erreichten schließlich Merkersdorf. Knapp vor dem großen, schattenspendenden Wald sah ich kupplungsseitig ein Gebäude: Das Nationalpark-Museum! Das notierte ich mir lieber auf der Bremsscheibe, denn gleich hinter diesem Gebäude begann die "heikle" Strecke: Enge, zum Glück nach innen hängende, Kurven prägten das Bild. Selbst wenn Margit mehr Gas gegeben hätte, schneller als 30 km/h hätte ich sowieso nicht bewilligt. Es war eine wundervolle Übungsstrecke. Bergauf würde ich auch nicht schneller sein.
Schon bald grüßte uns die Burg Hardegg. Die kann man besichtigen. Wieder wurde eine Notiz auf meiner Bremsscheibe fällig…



Die Burg Hardegg grüßt von weitem…

Dann hatten wir die Ortstafel "Ortsanfang Hardegg" passiert. Igitt! Das ist vielleicht ein Straßerl, hinein nach Hardegg! Am Zeughaus der Feuerwehr fuhren vorbei. Nur Idioten fahren hier mehr als 30 km/h. Wir wandten uns nach rechts - hier wurde es noch enger. Aber dann standen wir vor einer recht übersichtlichen Weggabelung: Ein Teil führte direkt auf die Thayabrücke, der andere auf einen Parkplatz…

Als ich die Thayabrücke sah, fühlte ich eine seltsame Ergriffenheit. Jetzt mußte Margit Farbe bekennen: Kindheitserinnerungen, schön und gut, aber da war noch etwas, und darauf sprach ich Margit an:
"Margit, bitte erzähl mir mehr! Diese Brücke spielt doch nicht nur in deinen Kindheitserinnerungen eine Rolle, sie hat bestimmt eine interessante Geschichte!"


Margits geliebte Thayabrücke
"Ja, sicher", erklärte Margit, "wobei meine Kindheitserinnerungen für die Brücke nicht soooo furchtbar wichtig sind. Die Thayabrücke zwischen Hardegg im Bezirk Hollabrunn und Cižov in Südmähren besteht seit 1874. Vorher mußte man die Thaya oberhalb der Stadt an einer Furt überqueren. 1873/1874 wurde eine Straße nach Hardegg neu errichtet, die heute >LH 38 von Niederfladnitz nach Hardegg< heißt. In Niederfladnitz wurde übrigens am 27.9.1931 der Sänger Freddy Quinn geboren. Er hieß damals Manfred Nidl-Petz und wurde mit "Brennend heißer Wüstensand…" weltbekannt."
"Durch Niederfladnitz sind wir doch durchgefahren", warf ich ein, "und den Freddy Quinn kenn ich, ich mag seine Lieder!"
Inzwischen hatte mich Margit an einen schönen, schattigen Platz nahe dem Wehr gestellt. Ich hörte die Thaya rauschen und erzählen…



Ennio geht's gut, er sitzt im Schatten
Einige andere Motorräder, unter anderem eine dicke BMW und eine ebenso schwere Yamaha, mußten vor dem öffentlichen WC in der Sonne schwitzen. Verständlich, daß sie relativ neiderfüllt zu Margit und mir hinübersahen. Ich hörte ihre Überlegungen, ob sie vielleicht ein bisserl streiken sollten. Ausgerechnet vor dem Scheißhaus hatten ihre Chefs sie geparkt! So eine Sauerei!
"Ich hör den Freddy Quinn mit seinen Liedern von Heimweh und Fernweh auch sehr gern", gab Margit zurück. "Er singt in verschiedenen Sprachen, nicht nur auf Deutsch und Englisch. Aber hör weiter: Die Zollhäuser an beiden Ufern wurden erst nach dem Ersten Weltkrieg und der endgültigen Grenzziehung zwischen Österreich und der Tschechoslowakei errichtet. Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges wurde die Thayabrücke fast durchgehend und ohne wesentliche Einschränkungen benutzt. Ab 1945 war der Grenzübergang am Eisernen Vorhang geschlossen. Der Prager Frühling brachte zwar Bemühungen um eine neuerliche Öffnung, doch kam diese nicht zustande - noch nicht.
Inzwischen war der aus Pfosten bestehende Fahrbahnbelag, die wie Bahnschwellen aussahen, zuerst auf tschechischer, dann auch auf österreichischer Seite entfernt worden. Es wurden nur die notwendigsten Erhaltungsarbeiten durchgeführt.



Das war einmal das österreichische Zollhäuschen
Aber dann kam die große Wende! Die Berliner Mauer war gefallen, am Prager Wenzelsplatz hatten Menschen mit Blumen in den Händen die bewaffneten Soldaten besiegt. Gerade daran hatte ich an jenem Gründonnerstag, dem 12. April 1990, nicht gedacht, als ich wieder einmal mit meinem Motorrad (ich nannte ihn Charly) nach Hardegg gefahren war und meine Gitarre mitgenommen hatte. Es war der Tag, an dem die Thayabrücke mit einem Fest herüben und drüben wieder eröffnet wurde. Meine Empfindungen - ich kann sie nur so beschreiben:
Meine Kinderzeit zu suchen kam ich von Süden her,
Am Kirchweihfest vorbeizufahren, das fiel mir gar zu schwer:
Eine Handvoll Türkenhonig nahm ich mit mir nur,
Und ein Herz voll Kirtagsfreude, eh ich weiterfuhr:
Türkischer Honig ist nicht mehr, was er war,
Und die kleine Stadt an der Grenze starb vor einem Jahr.
Nur die alte Brücke, die zwei Länder nie verband,
Blickt noch wie ein stummer Zeuge über Fluß und Land.
Nach verlor‘ner Kinderzeit
Sah ich hier mich um,
Hab‘ gesucht, hab‘ nicht gefunden,
Schau‘ mich nimmer mehr um!

Kam in die Stadt an der Grenze - was ist da gescheh‘n?
Seh‘ die Menschen fröhlich tanzen, über die Brücke geh‘n!
Kleine Stadt an der Grenze, jetzt bist du erwacht!
Keine Mauer, keine Feindschaft, nur die Brücke wacht!
Türkischer Honig, der ist der Feind der Nacht,
Und die kleine Stadt an der Grenze ist wieder aufgewacht!
Auf der alten Brücke, die zwei Länder nie verband,
Kann ich Menschen tanzen sehen, sie reichen sich die Hand!
Nach vergangener Kinderzeit
Sah ich heut‘ mich um:
Nicht gesucht und doch gefunden,
Schau‘ mich verwundert um!

Eine Melodie zu den Worten, die ausdrückten, was ich beim Anblick der restaurierten Thayabrücke empfand, war schnell zusammengestohlen. Ich schäme mich nicht zu gestehen, daß ich die Tränen meiner Freude nicht zurückhalten konnte: "Meine" Thayabrücke - so wunderschön restauriert… Die Sami, die im höchsten Norden Skandinaviens zu Hause sind, können meine Tränen erklären: Tiefstes Leid und höchste Freude sind Schwestern. Und deshalb müssen Menschen, wenn sie unendlich glücklich sind, oftmals weinen.

Ich erinnere mich noch genau, wie damals, an jenem 12. April 1990, auf der Wiese rechts der Thayabrücke ein Fuhrwerk mit zwei herrlichen, kohlschwarzen Pferden ankam und Fässer voll Bier brachte, während ich im Kreise vieler junger Leute auf der Thayabrücke etwas tat, was ich zuvor noch nie gewagt hatte: Ich tanzte auf der Brücke eine gepflegte Polka!

Das Pferdefuhrwerk war Werbung von "Pivovar Hostan", und eben diese Znaimer Brauerei trug dazu bei, daß den Menschen, die die Neueröffnung der Thayabrücke Hardegg - Čižov feierten, die Kehlen nicht trocken wurden. Heute hätten mich die Bierfässer Dank einer Allergie kalt gelassen, aber damals überlegte ich, ob ich auf der österreichischen oder auf der tschechischen Seite mein müdes, möglicherweise bierseliges, Haupt zur Ruhe betten sollte, wenn ich wirklich ein Glas oder mehrere Gläser Bier trinken wollte.
Ich fand im tschechischen Zollhaus einen Platz und genoß nicht nur ein Glas, sondern "mehrere" Gläser gutes tschechisches Faßbier. Ehrlich gesagt, ich hatte ordentlich einen sitzen! Aber schon ein Bier trinken und dann Motorrad fahren ist sowieso Scheiße, warum dann nicht mehrere Gläser…
Daß ich einen Schlafplatz gefunden hatte und meine Kehle feucht halten konnte, wurde besonders wichtig, als eine Fünf-Mann-Band aufzuspielen begann. Nennen wir es Déjà-vu, nennen wir es wie auch immer: Im Sommer 1957 hatte ich schon einmal erlebt, daß beliebte Melodien Texte in unterschiedlichen Sprachen haben können. Und jetzt, im Jahre 1990, spielte und sang eine tschechische Fünf-Mann-Band Lieder in tschechischer Sprache, die mir auf Deutsch nicht nur geläufig waren, nein, die ich von Herzen liebte! Völkerverständigung der musikalischen Art war angesagt: Ich wäre nicht ich gewesen, hätte ich mich nicht umgehend zu der Band gesellt und vorgeschlagen, die Lieder strophenweise abwechselnd auf tschechisch und auf deutsch vorzutragen. Zugegeben, manche Texte waren nicht ganz zimmerrein, aber trotzdem - oder gerade deswegen?- war es ein voller Erfolg!
Es war ungefähr 4 Uhr 30 am Karfreitagmorgen, dem 13.4.1990, als ich am tschechischen Ufer der Thaya dem Thaya-Wassermann ein Ständchen brachte: "Meine Kinderzeit zu suchen…"

Siehst du, Ennio, das ist auch ein Grund, daß ich in Znojmo am Ufer der Thaya oft eine Pause mache und den Fluß frage: "Liebe Thaya, weißt Du noch…?" Und das Rauschen des Flusses gibt mir Antwort…"
"Und du hast später nie wieder getanzt?" wollte ich wissen. "Doch, unlängst bei einem Karaoke-Abend", erinnerte ich mich, "ein sehr lieber Mensch hat mich einfach geschnappt und in die tanzende Runde integriert. Es war sehr lustig." Dann streichelte Margit noch einmal über meinen Tank und wandte ich dem Gasthaus "Zur Thayabrücke" zu. Ich vertraue ihr und weiß, daß sie unterwegs keinen Alkohol trinkt. (Karaoke? Wann ist der nächste Termin? Notiz auf meiner Bremsscheibe...)




Gasthaus "Zur Thayabrücke"
Beim Essen mußte sich Margit keine großartigen Gedanken machen: Den Geruch der in Butter gebratenen "Hardegger Forelle", mit Petersilienkartoffeln und gemischtem Salat konnte ich bis zu meinem Platz riechen. Und ihre >Halbe Soda-Zitron< ist sowieso schon sprichwörtlich. Margit konsumierte zwei 'Halbe' innerhalb kürzester Zeit, was bei dieser Hitze - 34°C im Schatten - verständlich ist.



Hardegger Forelle - ein supergutes Papperl
Über die zwei Halbe Soda-Zitron wunderte sich sogar der Chef persönlich: Einen ganzen Liter? Er hätte nämlich nur eine Halbe verrechnet. Aber da meine Margit ein ehrlicher Gauner ist, hat sie ihn drauf aufmerksam gemacht und ihre Zeche auf Heller und Pfennig - oder auf Euro und Cent - bezahlt.
Besonders erfreut war Margit, daß sie auch hier im Gasthaus Zur Thayabrücke ihr >schlechtestes Tschechisch aller Zeiten< Gassi führen konnte. Ein Tscheche hatte das leerstehende Gebäude vor einigen Jahren gekauft und das Gasthaus wiederbelebt. Aber was soll's, sie wurde verstanden, die Wirtsleute freuten sich über ihre Bemühungen.
Sobald sie wieder zu mir kam, bedankte ich mich noch einmal ausführlich, daß sie mich in den Schatten gestellt hatte und nicht in der Sonne schmachten ließ. Die anderen Motorräder, die so neiderfüllt zu uns hinübergeschaut hatten, hatten die Vermutung geäußert, daß dieses Vorgehen nur von einer Frau zu erwarten sei. Sie selbst seien schon lange mit Männern als Chefs unterwegs, aber die putzen nur und kümmern sich nicht um das andere Wohlbefinden. "Wir möchten unsere Chefs auch mal mit ihren Frauen betrügen", war nur eine schräge, wenn auch etwas zornige, Meldung.
"Ennio", meinte Margit nach einer Zeit des Kuschelns, "Du wolltest doch wissen, wo ich als Kind gespielt habe!" Ich nickte nur. Sie setzte ihren Sturzhelm auf und startete mich an. Durch die enge Gasse, durch die wir gekommen waren, fuhren wir auch wieder zurück. Jetzt wurde es noch enger! Vorbei an der Bäckerei über ein Brückerl, Höchstzulässige Belastung 20 Tonnen, ging's über die Fugnitz. Aber jetzt! Doppelkurve, rechts beginnend, aber bitte im Schrittempo - hier teilen sich Fußgänger und Kraftfahrzeuge einen sehr schmalen Weg. Ich fühlte, wie Margits Herz einen wahren Trommelwirbel schlug. Aber keine Bange, übergroße Freude bringt keine Lebensgefahr…
Nach dieser Doppelkurve hätte Margit ohne Probleme mehr als Schrittempo mit mir fahren können, sie tat es aber nicht: So langsam wie möglich schlichen wir durch die Gasse. Bremsseitig lockte eine Grünfläche mit einigen Bänken, kupplungsseitig standen schmucke Häuschen. Ein paar Meter weiter konnte man auch kleine Häuschen am Ufer der Thaya sehen. Ich störte Margits Gedanken nicht. Der Wegstaub der Vergangenheit war zu ihr gekommen, und sie badete ihre Gedanken darin - Gedanken an die schönsten Tage ihrer Kindheit…
Nach einer Fahrbahnkuppe sah ich nun einen kreisrunden, betonierten Platz am Ufer der Thaya. Außerhalb der Betonfläche hatte sich's jemand gemütlich gemacht, den ich nicht kannte: "Das ist der Thaya-Wassermann", erklärte mir Margit, "du mußt keine Angst vor ihm haben. Er frißt wohl kleine, ungehorsame Kinder, aber weder die Friedl noch die Rosi, die Inge oder mich hat er damals gefressen. Ich glaub, ihm war unsere Musik lieber. Und heute bin ich ihm zu alt und zu fett!" über diese launige Meldung mußte ich lachen.




Der Thaya-Wassermann.
"Weißt Du, Ennio, was sich die Menschen vom Hardegger Wassermann erzählen? Hör gut zu:
Vor langer, langer Zeit hauste in den tiefsten Stellen der Thaya, von den Ortsbewohnern Tümpel genannt, ein Wassermann. Wer sich bei Vollmond in die Nähe der Thaya wagte, hörte vom Flusse her erst leises Rauschen, dann plätscherte und spritzte es, der Wassermann stieg empor aus der Tiefe und setzte sich ins Schilf. Der Mond leuchtete auf das Wasser, das wie Silber glitzerte. Bedächtig kämmte der Wasserman mit einem goldenen Kamm aus seinem grünen Bart und seinen langen grünen Haaren silberne Tropfen, die dann am Ufer zurückblieben, sobald er wieder in die Fluten getaucht war. Die Silbertropfen mußte man holen, solange der Tag noch nicht erwacht war. Und gar mancher Hardegger Bürger soll davon reich geworden sein. Aber es war nicht ganz ungefährlich, die Tropfen aus Silber zu holen, denn manchmal lauerte der Wassermann, im Schilf verborgen, den Menschen auf, um sie mit sich in die Tiefe zu ziehen.
So sah man ihn oft am Granitztümpel unter dem Turmfelsen sitzen oder am Grundlostümpel beim Umlaufberg. Desgleichen hat er sich auf den Wehren der Neuhäusl- und Teufelsmühle gezeigt. Vor allem lockte er kleine, ungehorsame Kinder bis zu einer Größe von einem Meter zu sich und zog sie dann in die unheimliche Tiefe der Thaya. Meistens zeigte er ihnen durch das spiegelnde Wasser am Grunde des Flusses eine versunkene Stadt. Jener Teil von Hardegg soll es gewesen sein, der sich, wie man sagt, dereinst vom Brandlesturm bis über die Breiten erstreckt haben soll und durch ein furchtbares Erdbeben zerstört worden war. Der Wassermann zeigte den Kindern eine große, silberne Glocke unten im Wasser, sie sahen viele Menschen in unbekannten bunten Trachten lustig durch alte Gassen wandeln. Dann lud er die Kinder ein, doch mit ihm die fremde Stadt zu besuchen und zog sie mit sich in den Fluß.
Nur einem Buben soll es einmal gelungen sein, den Wassermann zu überlisten. Dort, wo dieser zumeist aufzutauchen pflegte, hatte der Knabe an einem Baum des Ufers einen Strick befestigt, dessen anderes Ende er sich um seinen Leib knüpfte. Als dann der Wassermann aus den Thayafluten gestiegen war, bat ihn der Knabe um die silberne Glocke vom Grunde des Flusses. Der Wassermann versprach sie ihm auch, wenn er mit ihm in den Fluß steigen wollte. Das Büblein tat es, fand die Glocke und konnte sich mit Hilfe des Strickes wieder ans Ufer ziehen - sehr zum Verdruß des Wassermanns. Die silberne Glocke aber, die der Knabe mit aus dem Wasser heraufgeholt hatte, schmolz am Ufer dahin wie Eis, und zurück blieb nur eine kleine Pfütze. Sonst aber blieben alle Kinder, die zu nahe am Ufer der Thaya gespielt hatten, für immer verschwunden."
"Bitte jetzt keine Analysen", schlug ich vor, "lassen wir den Zauber der Mythen und Sagen auf uns wirken und machen wir uns lieber gemütlich auf den Heimweg!" "OK", meinte Margit, hielt mich am Scheitelpunkt der Fahrbahnkuppe an und machte ein Foto.




1957 war links ein Tennisplatz.
Im vorletzten Haus lebten Oma und Opa Schulz…
"Im vorletzten Haus", erklärte Margit, "lebten Oma und Opa Schulz, später dann Onkel Peter und Tante Friedl. Meine Schulkollegin Friedl hatte sicherlich kein Interesse an dem Haus." Fragen, wer jetzt in dem Haus wohnte - nein, das wollte sie nicht.
Ich muß zugeben, die Steigung zur Burg und dann weiter in Richtung Merkersdorf war hart. Freilich, ich habe es geschafft, aber ich war sehr froh, daß mich Margit nicht hetzte, sondern die Heimfahrt gemütlich anging.
Unterwegs hat Margit nur gesungen und gesungen - ein Lied nach dem anderen. Wir waren rundherum glücklich.
In Stockerau stillte ich noch einmal meinen Durst, bevor es endgültig nach Hause ging. An diesem herrlichen Sommertag hatten wir tatsächlich fast 240 Kilometer gefressen. Margit macht sich!


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