6. Kapitel:
Wegstaub der Vergangenheit
Als wir am Freitag zu
Mittag von Bad Deutsch Altenburg zurückkamen, stellte mir Margit eine sehr
ernste Frage: "Ennio, kannst du mir sagen, ob sich meine Kurventechnik
schon so verbessert hat, daß wir uns über eine steile, kurvige Straße hinunter-
und wieder hinauf trauen können, oder sollen wir noch ein bisserl auf der
Geraden üben?"
"Wenn ich dir NICHT
die Wahrheit sage", antwortete ich, "tu ich dir nichts Gutes, ich
bringe dadurch nur uns beide in Gefahr, das ist klar. Du willst mir Hardegg
zeigen, stimmt's?" Margit nickte nur. "Ich habe Strolchi
gefragt", antwortete ich, "er hat mir die Strecke beschrieben. Klar
schaffst du das! Wir fahren beim ersten Mal schön langsam, ich gebe das Tempo
vor, schließlich gibt es viel zu schauen!" "Duuuu?" wunderte sie
sich, "Du gibst das Tempo vor?" "Ja, ich", bekräftigte ich,
"und du wirst sehen, ich kann nicht nur Gas geben! Du sagst ja selbst, vor
dem Gasgeben Hirn einschalten. Du hast mir eine Persönlichkeit gegeben, deshalb
kann ich auch mitdenken und vor allem fühlen."
Obwohl es am
Samstagmorgen einige Probleme gegeben hatte - in unserem Grätzel war der Strom
ausgefallen, Margit konnte sich durch einige Telefonate mit dem Stromanbieter
wichtig machen und die Hausbewohner informieren - konnten wir einigermaßen
pünktlich gegen halb neun die Straße unter die Räder nehmen. In Stockerau Ost
verließen wir kurz die A22 für ein gutes Frühstück. Das heißt, ich frühstückte
eine ordentliche Portion Super-Bleifrei, während mir meine Margit herrliche Streicheleinheiten
mit einem feuchten Schwamm verpaßte.
Da wir in Znojmo noch etwas
erledigen wollten, fuhren wir über Znojmo. Ich erledigte das, was ich zu
erledigen hatte - das heißt, ich bat Margit, die Erledigung für mich zu
übernehmen: Auch in Tschechien sieht man es nicht gerne, wenn ein Motorrad
allein einkaufen geht. Ich selbst hatte ein ausnehmend hübsches Moped-Mädchen kennengelernt:
Sie trug eine Nummer, die mit "6B" beginnt! Klar, das war ein Grund,
sich ausführlich zu unterhalten! Leider ging Margit zuerst zum Bankomaten, statt
ein Erinnerungsfoto zu schießen. Als sie wieder kam, hatte sich der Chef meiner
neuen Freundin diese geschnappt und war weggefahren, bevor Margit ein Foto
machen konnte.
Himmel, Donnerwetter, wie
viele hübsche Motorräder und Mopeds laufen in Znojmo noch herum? Sowas müßte
man mal abschleppen können! Vor dem Supermarkt, in dem Margits Lieblingstrafik
untergebracht ist, lud mich eine ausnehmend hübsche Suzuki aus Jihlava ein, mit
ihr gemeinsam einen Autoparkplatz zu besetzen und den Autos klar zu machen, daß
auch wir Motorräder nicht nur ein Anrecht auf einen Sitzplatz haben, sondern
einen Sitzplatz zu zweit nutzen können. Allerdings interessierte Zuzanka mehr,
daß meine Margit in Wien zwar keine Großmutter, dafür eine richtige Babička
gehabt hatte, die aus ihrer Heimatstadt Jihlava stammte…
Von Znojmo aus sollte es
über Hnanice und Retz in eine Stadt gehen, mit der Margit wundervolle
Kindheitserinnerungen verbindet: Nach Hardegg an der Thaya.
Die Strecke von Znojmo
über Novy Šaldorf, Havranky, Hnanice, Mitterretzbach und Retz war recht kurvig,
aber nicht sonderlich steil. Ein ideales Übungsgelände für Margit, dachte ich
bei mir. Wenn Strolchi (in Tschechischen nennt er sich übrigens
>Tulačik<) nicht übertrieben hat - und er übertreibt selten bis nie -
würde die Strecke Merkersdorf-Hardegg zu einer haarigen Angelegenheit werden.
Retz liegt nur 12 Kilometer von der
Stadtgrenze Znojmo entfernt und ist eine Stadtgemeinde im nordwestlichen
Weinviertel, Bezirk Hollabrunn, Niederösterreich. (Ich habe Margit gebeten,
demnächst Retz besichtigen zu dürfen, das heißt, mit mir nach Retz zu fahren,
die schöne Stadt zu besichtigen und zu fotografieren, weil es sich in jeder
Weise lohnt - auch wenn man kein Weintrinker ist. Sie hat gesagt, ja, das
machen wir!)
Hardegg an der Thaya hingegen
ist, hab ich mir sagen lassen, eine Stadtgemeinde im Waldviertel, die direkt an
der Grenze zu Tschechien liegt. Von Hardegg direkt nach Tschechien führt nur die Thayabrücke Hardegg – Čížov. Bis zum
Fall des Eisernen Vorhanges war Hardegg
sehr isoliert. Als einziger
Wirtschaftsfaktor ist der zunehmende Tourismus zu nennen - was ich bestätigen
kann: Zwar nicht den Wirtschaftsfaktor, dafür den Tourismus. Aber davon später.
Nur noch 4 Kilometer!
Von Retz aus ging es auf
einer wundervoll kurvigen, gut asphaltierten Straße durch einen herrlichen,
grünen Wald. Hinter dem Wald kam eine längere freie Strecke. Auf einem Feld sah
ich bremsseitig einen Haufen weißlicher Erde. "Das ist Kaolin",
erklärte Margit, "man verwendet es zur Porzellanherstellung."
Porzellan ist ein
Material, das man zertrümmert, wenn man wütend ist.
Gemütlich ging es weiter
bis Niederfladnitz. Hier teilte sich die Thayatal-Bundesstraße (B30), wir
fuhren auf der "B38" weiter und erreichten schließlich Merkersdorf.
Knapp vor dem großen, schattenspendenden Wald sah ich kupplungsseitig ein
Gebäude: Das Nationalpark-Museum! Das notierte ich mir lieber auf der
Bremsscheibe, denn gleich hinter diesem Gebäude begann die "heikle"
Strecke: Enge, zum Glück nach innen hängende, Kurven prägten das Bild. Selbst
wenn Margit mehr Gas gegeben hätte, schneller als 30 km/h hätte ich sowieso nicht
bewilligt. Es war eine wundervolle Übungsstrecke. Bergauf würde ich auch nicht
schneller sein.
Die Burg Hardegg grüßt von weitem…
Dann hatten wir die
Ortstafel "Ortsanfang Hardegg" passiert. Igitt! Das ist vielleicht
ein Straßerl, hinein nach Hardegg! Am Zeughaus der Feuerwehr fuhren vorbei. Nur
Idioten fahren hier mehr als 30 km/h. Wir wandten uns nach rechts - hier wurde
es noch enger. Aber dann standen wir vor einer recht übersichtlichen
Weggabelung: Ein Teil führte direkt auf die Thayabrücke, der andere auf einen
Parkplatz…
Als ich die Thayabrücke
sah, fühlte ich eine seltsame Ergriffenheit. Jetzt mußte Margit Farbe bekennen:
Kindheitserinnerungen, schön und gut, aber da war noch etwas, und darauf sprach
ich Margit an:
"Margit, bitte
erzähl mir mehr! Diese Brücke spielt doch nicht nur in deinen
Kindheitserinnerungen eine Rolle, sie hat bestimmt eine interessante
Geschichte!"
Margits geliebte Thayabrücke
"Ja, sicher", erklärte
Margit, "wobei meine Kindheitserinnerungen für die Brücke nicht soooo
furchtbar wichtig sind. Die Thayabrücke zwischen Hardegg im Bezirk Hollabrunn
und Cižov in Südmähren besteht seit 1874. Vorher mußte man die Thaya oberhalb
der Stadt an einer Furt überqueren. 1873/1874 wurde eine Straße nach Hardegg neu
errichtet, die heute >LH 38 von Niederfladnitz nach Hardegg< heißt. In
Niederfladnitz wurde übrigens am 27.9.1931 der Sänger Freddy Quinn geboren. Er
hieß damals Manfred Nidl-Petz und wurde mit "Brennend heißer
Wüstensand…" weltbekannt."
"Durch Niederfladnitz sind wir
doch durchgefahren", warf ich ein, "und den Freddy Quinn kenn ich,
ich mag seine Lieder!"
Ennio geht's gut, er sitzt im Schatten
Einige andere Motorräder,
unter anderem eine dicke BMW und eine ebenso schwere Yamaha, mußten vor dem
öffentlichen WC in der Sonne schwitzen. Verständlich, daß sie relativ
neiderfüllt zu Margit und mir hinübersahen. Ich hörte ihre Überlegungen, ob sie
vielleicht ein bisserl streiken sollten. Ausgerechnet vor dem Scheißhaus hatten
ihre Chefs sie geparkt! So eine Sauerei!
"Ich hör den Freddy Quinn mit
seinen Liedern von Heimweh und Fernweh auch sehr gern", gab Margit zurück.
"Er singt in verschiedenen Sprachen, nicht nur auf Deutsch und Englisch. Aber
hör weiter: Die Zollhäuser an beiden Ufern wurden erst nach dem Ersten
Weltkrieg und der endgültigen Grenzziehung zwischen Österreich und der
Tschechoslowakei errichtet. Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges wurde die
Thayabrücke fast durchgehend und ohne wesentliche Einschränkungen benutzt. Ab
1945 war der Grenzübergang am Eisernen Vorhang geschlossen. Der Prager Frühling
brachte zwar Bemühungen um eine neuerliche Öffnung, doch kam diese nicht
zustande - noch nicht.
Das war einmal das österreichische Zollhäuschen
Aber dann kam die große Wende! Die
Berliner Mauer war gefallen, am Prager Wenzelsplatz hatten Menschen mit Blumen
in den Händen die bewaffneten Soldaten besiegt. Gerade daran hatte ich an jenem
Gründonnerstag, dem 12. April 1990, nicht gedacht, als ich wieder einmal mit
meinem Motorrad (ich nannte ihn Charly) nach Hardegg gefahren war und meine
Gitarre mitgenommen hatte. Es war der Tag, an dem die Thayabrücke mit einem
Fest herüben und drüben wieder eröffnet wurde. Meine Empfindungen - ich kann
sie nur so beschreiben:
Meine Kinderzeit zu suchen kam ich von Süden her,
Am Kirchweihfest vorbeizufahren, das fiel mir gar zu
schwer:
Eine Handvoll Türkenhonig nahm ich mit mir nur,
Und ein Herz voll Kirtagsfreude, eh ich weiterfuhr:
Türkischer Honig ist nicht mehr, was er war,
Und die kleine Stadt an der Grenze starb vor einem
Jahr.
Nur die alte Brücke, die zwei Länder nie verband,
Blickt noch wie ein stummer Zeuge über Fluß und Land.
Nach verlor‘ner Kinderzeit
Sah ich hier mich um,
Hab‘ gesucht, hab‘ nicht gefunden,
Schau‘ mich nimmer mehr um!
Kam in die Stadt an der Grenze - was ist da gescheh‘n?
Seh‘ die Menschen fröhlich tanzen, über die Brücke
geh‘n!
Kleine Stadt an der Grenze, jetzt bist du erwacht!
Keine Mauer, keine Feindschaft, nur die Brücke wacht!
Türkischer Honig, der ist der Feind der Nacht,
Und die kleine Stadt an der Grenze ist wieder
aufgewacht!
Auf der alten Brücke, die zwei Länder nie verband,
Kann ich Menschen tanzen sehen, sie reichen sich die
Hand!
Nach vergangener Kinderzeit
Sah ich heut‘ mich um:
Nicht gesucht und doch gefunden,
Schau‘ mich verwundert um!
Eine Melodie zu den Worten, die ausdrückten, was ich
beim Anblick der restaurierten Thayabrücke empfand, war schnell
zusammengestohlen. Ich schäme mich nicht zu gestehen, daß ich die Tränen meiner
Freude nicht zurückhalten konnte: "Meine" Thayabrücke - so
wunderschön restauriert… Die Sami, die im höchsten Norden Skandinaviens zu
Hause sind, können meine Tränen erklären: Tiefstes Leid und höchste Freude sind
Schwestern. Und deshalb müssen Menschen, wenn sie unendlich glücklich sind,
oftmals weinen.
Ich erinnere
mich noch genau, wie damals, an jenem 12. April 1990, auf der Wiese rechts der
Thayabrücke ein Fuhrwerk mit zwei herrlichen, kohlschwarzen Pferden ankam und
Fässer voll Bier brachte, während ich im Kreise vieler junger Leute auf der
Thayabrücke etwas tat, was ich zuvor noch nie gewagt hatte: Ich tanzte auf der
Brücke eine gepflegte Polka!
Das
Pferdefuhrwerk war Werbung von "Pivovar Hostan", und eben diese
Znaimer Brauerei trug dazu bei, daß den Menschen, die die Neueröffnung der
Thayabrücke Hardegg - Čižov feierten, die Kehlen nicht trocken wurden. Heute
hätten mich die Bierfässer Dank einer Allergie kalt gelassen, aber damals
überlegte ich, ob ich auf der österreichischen oder auf der tschechischen Seite
mein müdes, möglicherweise bierseliges, Haupt zur Ruhe betten sollte, wenn ich
wirklich ein Glas oder mehrere Gläser Bier trinken wollte.
Ich
fand im tschechischen Zollhaus einen Platz und genoß nicht nur ein Glas,
sondern "mehrere" Gläser gutes tschechisches Faßbier. Ehrlich gesagt,
ich hatte ordentlich einen sitzen! Aber schon ein Bier trinken und dann
Motorrad fahren ist sowieso Scheiße, warum dann nicht mehrere Gläser…
Daß
ich einen Schlafplatz gefunden hatte und meine Kehle feucht halten konnte,
wurde besonders wichtig, als eine Fünf-Mann-Band aufzuspielen begann. Nennen
wir es Déjà-vu, nennen wir es wie auch immer: Im Sommer 1957 hatte ich schon
einmal erlebt, daß beliebte Melodien Texte in unterschiedlichen Sprachen haben
können. Und jetzt, im Jahre 1990, spielte und sang eine tschechische
Fünf-Mann-Band Lieder in tschechischer Sprache, die mir auf Deutsch nicht nur
geläufig waren, nein, die ich von Herzen liebte! Völkerverständigung der
musikalischen Art war angesagt: Ich wäre nicht ich gewesen, hätte ich mich
nicht umgehend zu der Band gesellt und vorgeschlagen, die Lieder strophenweise
abwechselnd auf tschechisch und auf deutsch vorzutragen. Zugegeben, manche
Texte waren nicht ganz zimmerrein, aber trotzdem - oder gerade deswegen?- war
es ein voller Erfolg!
Es war
ungefähr 4 Uhr 30 am Karfreitagmorgen, dem 13.4.1990, als ich am tschechischen
Ufer der Thaya dem Thaya-Wassermann ein Ständchen brachte: "Meine
Kinderzeit zu suchen…"
Siehst du, Ennio, das ist auch ein Grund, daß ich in
Znojmo am Ufer der Thaya oft eine Pause mache und den Fluß frage: "Liebe
Thaya, weißt Du noch…?" Und das Rauschen des Flusses gibt mir Antwort…"
"Und du hast später nie wieder getanzt?"
wollte ich wissen. "Doch, unlängst bei einem Karaoke-Abend",
erinnerte ich mich, "ein sehr lieber Mensch hat mich einfach geschnappt
und in die tanzende Runde integriert. Es war sehr lustig." Dann
streichelte Margit noch einmal über meinen Tank und wandte ich dem Gasthaus
"Zur Thayabrücke" zu. Ich vertraue ihr und weiß, daß sie unterwegs
keinen Alkohol trinkt. (Karaoke? Wann ist der nächste Termin? Notiz auf meiner
Bremsscheibe...)
Gasthaus "Zur Thayabrücke"
Beim Essen mußte sich
Margit keine großartigen Gedanken machen: Den Geruch der in Butter gebratenen
"Hardegger Forelle", mit Petersilienkartoffeln und gemischtem Salat
konnte ich bis zu meinem Platz riechen. Und ihre >Halbe Soda-Zitron< ist sowieso
schon sprichwörtlich. Margit konsumierte zwei 'Halbe' innerhalb kürzester Zeit,
was bei dieser Hitze - 34°C im Schatten - verständlich ist.
Hardegger Forelle - ein supergutes Papperl
Über die zwei Halbe
Soda-Zitron wunderte sich sogar der Chef persönlich: Einen ganzen Liter? Er
hätte nämlich nur eine Halbe verrechnet. Aber da meine Margit ein ehrlicher
Gauner ist, hat sie ihn drauf aufmerksam gemacht und ihre Zeche auf Heller und
Pfennig - oder auf Euro und Cent - bezahlt.
Besonders erfreut war
Margit, daß sie auch hier im Gasthaus Zur Thayabrücke ihr >schlechtestes
Tschechisch aller Zeiten< Gassi führen konnte. Ein Tscheche hatte das
leerstehende Gebäude vor einigen Jahren gekauft und das Gasthaus wiederbelebt.
Aber was soll's, sie wurde verstanden, die Wirtsleute freuten sich über ihre
Bemühungen.
Sobald sie wieder zu mir
kam, bedankte ich mich noch einmal ausführlich, daß sie mich in den Schatten
gestellt hatte und nicht in der Sonne schmachten ließ. Die anderen Motorräder,
die so neiderfüllt zu uns hinübergeschaut hatten, hatten die Vermutung
geäußert, daß dieses Vorgehen nur von einer Frau zu erwarten sei. Sie selbst
seien schon lange mit Männern als Chefs unterwegs, aber die putzen nur und
kümmern sich nicht um das andere Wohlbefinden. "Wir möchten unsere Chefs
auch mal mit ihren Frauen betrügen", war nur eine schräge, wenn auch etwas
zornige, Meldung.
"Ennio", meinte
Margit nach einer Zeit des Kuschelns, "Du wolltest doch wissen, wo ich als
Kind gespielt habe!" Ich nickte nur. Sie setzte ihren Sturzhelm auf und
startete mich an. Durch die enge Gasse, durch die wir gekommen waren, fuhren
wir auch wieder zurück. Jetzt wurde es noch enger! Vorbei an der Bäckerei über
ein Brückerl, Höchstzulässige Belastung 20 Tonnen, ging's über die Fugnitz.
Aber jetzt! Doppelkurve, rechts beginnend, aber bitte im Schrittempo - hier
teilen sich Fußgänger und Kraftfahrzeuge einen sehr schmalen Weg. Ich fühlte,
wie Margits Herz einen wahren Trommelwirbel schlug. Aber keine Bange, übergroße
Freude bringt keine Lebensgefahr…
Nach dieser Doppelkurve
hätte Margit ohne Probleme mehr als Schrittempo mit mir fahren können, sie tat
es aber nicht: So langsam wie möglich schlichen wir durch die Gasse.
Bremsseitig lockte eine Grünfläche mit einigen Bänken, kupplungsseitig standen
schmucke Häuschen. Ein paar Meter weiter konnte man auch kleine Häuschen am
Ufer der Thaya sehen. Ich störte Margits Gedanken nicht. Der Wegstaub der
Vergangenheit war zu ihr gekommen, und sie badete ihre Gedanken darin -
Gedanken an die schönsten Tage ihrer Kindheit…
Nach einer Fahrbahnkuppe
sah ich nun einen kreisrunden, betonierten Platz am Ufer der Thaya. Außerhalb
der Betonfläche hatte sich's jemand gemütlich gemacht, den ich nicht kannte:
"Das ist der Thaya-Wassermann", erklärte mir Margit, "du mußt
keine Angst vor ihm haben. Er frißt wohl kleine, ungehorsame Kinder, aber weder
die Friedl noch die Rosi, die Inge oder mich hat er damals gefressen. Ich
glaub, ihm war unsere Musik lieber. Und heute bin ich ihm zu alt und zu
fett!" über diese launige Meldung mußte ich lachen.
Der Thaya-Wassermann.
"Weißt
Du, Ennio, was sich die Menschen vom Hardegger Wassermann erzählen? Hör gut zu:
Vor
langer, langer Zeit hauste in den tiefsten Stellen der Thaya, von den
Ortsbewohnern Tümpel genannt, ein Wassermann. Wer sich bei Vollmond in die Nähe
der Thaya wagte, hörte vom Flusse her erst leises Rauschen, dann plätscherte
und spritzte es, der Wassermann stieg empor aus der Tiefe und setzte sich ins
Schilf. Der Mond leuchtete auf das Wasser, das wie Silber glitzerte. Bedächtig
kämmte der Wasserman mit einem goldenen Kamm aus seinem grünen Bart und seinen
langen grünen Haaren silberne Tropfen, die dann am Ufer zurückblieben, sobald
er wieder in die Fluten getaucht war. Die Silbertropfen mußte man holen,
solange der Tag noch nicht erwacht war. Und gar mancher Hardegger Bürger soll
davon reich geworden sein. Aber es war nicht ganz ungefährlich, die Tropfen aus
Silber zu holen, denn manchmal lauerte der Wassermann, im Schilf verborgen, den
Menschen auf, um sie mit sich in die Tiefe zu ziehen.
So
sah man ihn oft am Granitztümpel unter dem Turmfelsen sitzen oder am
Grundlostümpel beim Umlaufberg. Desgleichen hat er sich auf den Wehren der
Neuhäusl- und Teufelsmühle gezeigt. Vor allem lockte er kleine, ungehorsame
Kinder bis zu einer Größe von einem Meter zu sich und zog sie dann in die
unheimliche Tiefe der Thaya. Meistens zeigte er ihnen durch das spiegelnde
Wasser am Grunde des Flusses eine versunkene Stadt. Jener Teil von Hardegg soll
es gewesen sein, der sich, wie man sagt, dereinst vom Brandlesturm bis über die
Breiten erstreckt haben soll und durch ein furchtbares Erdbeben zerstört worden
war. Der Wassermann zeigte den Kindern eine große, silberne Glocke unten im
Wasser, sie sahen viele Menschen in unbekannten bunten Trachten lustig durch
alte Gassen wandeln. Dann lud er die Kinder ein, doch mit ihm die fremde Stadt
zu besuchen und zog sie mit sich in den Fluß.
Nur
einem Buben soll es einmal gelungen sein, den Wassermann zu überlisten. Dort,
wo dieser zumeist aufzutauchen pflegte, hatte der Knabe an einem Baum des Ufers
einen Strick befestigt, dessen anderes Ende er sich um seinen Leib knüpfte. Als
dann der Wassermann aus den Thayafluten gestiegen war, bat ihn der Knabe um die
silberne Glocke vom Grunde des Flusses. Der Wassermann versprach sie ihm auch,
wenn er mit ihm in den Fluß steigen wollte. Das Büblein tat es, fand die Glocke
und konnte sich mit Hilfe des Strickes wieder ans Ufer ziehen - sehr zum Verdruß
des Wassermanns. Die silberne Glocke aber, die der Knabe mit aus dem Wasser
heraufgeholt hatte, schmolz am Ufer dahin wie Eis, und zurück blieb nur eine
kleine Pfütze. Sonst aber blieben alle Kinder, die zu nahe am Ufer der Thaya
gespielt hatten, für immer verschwunden."
1957 war links ein Tennisplatz.
Im vorletzten Haus lebten
Oma und Opa Schulz…
Ich muß zugeben, die
Steigung zur Burg und dann weiter in Richtung Merkersdorf war hart. Freilich,
ich habe es geschafft, aber ich war sehr froh, daß mich Margit nicht hetzte,
sondern die Heimfahrt gemütlich anging.
Unterwegs hat Margit nur
gesungen und gesungen - ein Lied nach dem anderen. Wir waren rundherum
glücklich.
In Stockerau stillte ich
noch einmal meinen Durst, bevor es endgültig nach Hause ging. An diesem
herrlichen Sommertag hatten wir tatsächlich fast 240 Kilometer gefressen.
Margit macht sich!




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