7. Kapitel:
"Ich hab Dir was versprochen!"
Diese Woche hatte ich einige Tage
frei. Am Montag war ich mit Margit nach Deutsch Altenburg gefahren und hatte
mich gemeinsam mit ihr grün und blau über die Umleitung um Wildungsmauer
geärgert. Dienstag regnete es, Mittwoch residierten bei Margit die Handwerker,
Donnerstag mußte Strolchi aus Znojmo eine ordentliche Portion Kriminalwasser
holen und am Freitag stand Streß in Form von TÜV für Strolchi und Behandlung
für Margits linke Hand in Bad Deutsch Altenburg auf dem Programm. (Margit hat
an ihrer linken Hand ein Kardantunnel-Syndrom, dagegen wird in Bad Deutsch
Altenburg erfolgreich etwas unternommen. Aber wie kommt ein ganzer
Kardantunnel, womöglich mit dazugehöriger Kardanwelle, in eine Menschenhand?
Das muß ja höllisch weh tun! Mit meiner Kupplung kann ich Margits Hand gut
trainieren. Es ist schon viel besser geworden! Bin ich jetzt auch
Physio-Therapeut? Psychotherapeut bin ich ja schon, aber verratet mich, bitte, bitte, nicht
bei Margit, sie kann Psychotanten und -onkel nicht ausstehen!)
Den TÜV hatte Strolchi locker
hinter sich gebracht und wollte sich's nach dieser Anstrengung auf seinem
Parkplatz wohlsein lassen. Von der Idee, daß Strolchi sein Mittagsschläfchen
absolvieren wollte bis dahin, daß ich Margit nach Deutsch-Altenburg bringen
könnte, war es nicht weit. Auf dem Rückweg lud mich Margit auf eine gepflegte
Jause in mir unbekannter Umgebung ein: An der Autobahnraststätte
Göttlesbrunn-Arbesthal!
Beim Jausnen kann man sich immer
prima unterhalten. "Was meinst du, Ennio: Ich habe dir bei unserer ersten
Ausfahrt etwas versprochen: Möchtest du morgen Sopron besichtigen?" Ja,
meine Margit! Ein einmal gegebenes Versprechen vergißt sie nie! Ich möchte
vorausschicken: Wir waren am Samstag in Sopron, aber von einer Besichtigung
konnte keine Rede sein!
"Ja, gern", freute ich
mich, "Ich bin schon sehr gespannt!" Leider hatte Margit vergessen,
daß morgen Samstag und somit für viele Österreicher Shop-ping Time ist. Sopron ist ein aufstrebender, wirtschaftlich eng mit
Österreich verbundener Wirtschaftsstandort in Westungarn. In den 1990er Jahren
war Sopron ein attraktives Einkaufsziel für die Bewohner des Ballungsraumes Wien, was der Stadt auch
den Spitznamen "Shop-ron" einbrachte. Das "Shop-"
entspricht der ungarischen Aussprache.
Lange vor meiner Zeit, am 19.
August 1989, fand bei Sopron das Paneuropäische Picknick statt, bei dem 661 DDR-Bürger über die
Grenze nach Österreich in die Freiheit gelangten. Am Ort dieses Ereignisses
werden jährlich Gedenkfeiern veranstaltet. (Hoffentlich erinnert sich Margit
nicht an die Ereignisse um diese Tage! Ich mußte schon so viel darüber hören,
daß ich möglicherweise dabei einschlafe, und das ist unhöflich.)
Sopron, das alte Ödenburg,
kroatisch Šopron, ist eine Stadt im Nordwesten von Ungarn, südwestlich des
Neusiedler Sees. Das Stadtgebiet wird von der Ikva durchflossen und ragt wie
ein Sporn in österreichisches Staatsgebiet. Sopron liegt nur etwa 60 km von Wien, aber 220 km von der ungarischen
Hauptstadt Budapest entfernt und zählt zu den ältesten Städten Ungarns. Sopron
ist Universitätsstadt, die Westungarische Universität wurde hier im
Jahre 1735 gegründet.
A propos Universitätsstadt: Der
gute alte Ovid hat behauptet: "Tempora mutantur et nos mutamur in
illis." Das ist Latein und bedeutet: Zeiten ändern sich, und wir ändern
uns mit ihnen. Aber nicht nur Menschen, auch Städte (ver)ändern sich. Ganz
Sopron schien Baustelle zu sein - zumindest der Bereich um die Altstadt!
"Varkerület", darunter
"Grabenrunde", stand auf dem Straßenschild. "Seit wann gibt es
denn hier Gegenverkehr?" meckerte Margit, "Früher war das eine
Einbahn! Übrigens: Früher hieß diese Ringstraße >Lenin Köröt< - Lenin-Ring."
Ob Einbahn oder nicht: Ortstafeln und Straßenschilder sind in Sopron
zweisprachig. Und gleichgültig ob ein- oder zweisprachig: In ganz Sopron fanden
Margit und ich keinen Platz zum Stehenbleiben und zum Fotografieren! In die
Altstadt hineinfahren? Unmöglich.
Als wir vor einem Einkaufscenter
Pause machen wollten, bemerkte ich einige seltsame Typen, die mich begehrlich
anstarrten und die mir Angst machten. "Bitte, bleib bei mir!" Meiner
Bitte an Margit hätte es gar nicht bedurft. Sie hatte diese unheimlichen, unguten Typen
selbst bemerkt. "Fahren wir wieder", bestimmte sie, "ich hab
keine Lust auf Kalamitäten!" Sprach's, steckte ihre Viceroy wieder ein und
startete mich an. Welche Kalamitäten uns drohten, darüber ließ sich meine
Margit nicht aus. Ich kann es mir aber vorstellen.
Nach einer Steigung mit etwa 20%
und danach etwa 100 Meter mit 5% waren wir wieder auf der Straße Nr.84. Die
führte uns direkt zur Grenze zu Österreich. In Österreich heißt die Straße
übrigens B16 - Ödenburger Bundesstraße. Von nun an ging's bergab! Am Ende des
Gefälles prunkte kupplungsseitig vor einem Kreisverkehr eine Tankstelle. Die
beachteten wir aber nicht, sondern zogen weiter.
Nach der zweiten Tankstelle lockte
bremsseitig ein Flohmarkt. Für Margit eine Möglichkeit, eine Rauchpause
einzulegen!
Kaum war Margit von mir
abgestiegen, himmelte mich ein junger Mann - bestimmt schon 10 Jahre jung - an.
Der dazugehörende Großvater lächelte und schüttelte den Kopf. "Motorradfachmann!"
schmunzelte er. Der Motorradfach-mann stellte eine Frage nach der anderen, die
ich alle nicht verstand. Großvater dolmetschte. Der junge Motorradfachmann
wollte alles, aber auch wirklich alles, über mich wissen! "Mein Motorrad
hat 500 cm³ und 50 PS", erklärte Margit. "Und wie schnell kannst du
mit deinem Motorrad fahren?" Statt groß anzugeben, erteile Margit dem
jungen Motorradfachmann eine Lektion: "Angeblich kann mein Motorrad 160
km/h fahren", erklärte sie, "aber ich habe das noch nicht
ausprobiert. Erstens gibt es in Österreich keine öffentliche Straße, auf der
man 160 fahren darf, und zweitens habe ich mein Schatzerl jetzt etwas mehr als
zwei Wochen." Ich bemerkte, wie der Großvater aufstrahlte. "Ich muß
mich erst an dieses Motorrad gewöhnen, deshalb bin ich bisher höchstens 120 auf
der Autobahn gefahren."
Ein
Kind träumt einen Traum…
Margit und ich verstehen einander
ohne große Worte. Ich mag Kinder. Margit mag Kinder. Deshalb durfte der junge
Motorradfachmann - selbstverständlich mit Erlaubnis seines Großvaters - auf
mich aufsteigen und einen Traum von einer langen, glücklichen Reise träumen…
Viel zu früh erklärte der
Großvater seinem Enkel, daß sie jetzt weitergehen müßten - die Oma wartet
sicher schon mit dem Mittagessen! Und auch wir machten uns auf den Weg: Margit
startete mich an und zuckelte vorsichtig zwischen den Flohmarktständen vorbei
Richtung Ausgang. Jetzt noch durch den Kreisverkehr hindurch, auf die B16
abgebogen, und anschließend zogen wir auf der A3 heimwärts.
Nicht weit von zu Hause, aber
hübsch ein paar Kilometer von der A3 entfernt bekam ich mein Mittagessen:
Super-Bleifrei vom Feinsten!
Morgen, versprach Margit, gibt es
wieder Wellness…
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