Samstag, 24. Oktober 2015

07) Ich hab Dir was versprochen!

7. Kapitel:

"Ich hab Dir was versprochen!"
Diese Woche hatte ich einige Tage frei. Am Montag war ich mit Margit nach Deutsch Altenburg gefahren und hatte mich gemeinsam mit ihr grün und blau über die Umleitung um Wildungsmauer geärgert. Dienstag regnete es, Mittwoch residierten bei Margit die Handwerker, Donnerstag mußte Strolchi aus Znojmo eine ordentliche Portion Kriminalwasser holen und am Freitag stand Streß in Form von TÜV für Strolchi und Behandlung für Margits linke Hand in Bad Deutsch Altenburg auf dem Programm. (Margit hat an ihrer linken Hand ein Kardantunnel-Syndrom, dagegen wird in Bad Deutsch Altenburg erfolgreich etwas unternommen. Aber wie kommt ein ganzer Kardantunnel, womöglich mit dazugehöriger Kardanwelle, in eine Menschenhand? Das muß ja höllisch weh tun! Mit meiner Kupplung kann ich Margits Hand gut trainieren. Es ist schon viel besser geworden! Bin ich jetzt auch Physio-Therapeut? Psychotherapeut bin ich ja schon, aber verratet mich, bitte, bitte, nicht bei Margit, sie kann Psychotanten und -onkel nicht ausstehen!)
Den TÜV hatte Strolchi locker hinter sich gebracht und wollte sich's nach dieser Anstrengung auf seinem Parkplatz wohlsein lassen. Von der Idee, daß Strolchi sein Mittagsschläfchen absolvieren wollte bis dahin, daß ich Margit nach Deutsch-Altenburg bringen könnte, war es nicht weit. Auf dem Rückweg lud mich Margit auf eine gepflegte Jause in mir unbekannter Umgebung ein: An der Autobahnraststätte Göttlesbrunn-Arbesthal!
Beim Jausnen kann man sich immer prima unterhalten. "Was meinst du, Ennio: Ich habe dir bei unserer ersten Ausfahrt etwas versprochen: Möchtest du morgen Sopron besichtigen?" Ja, meine Margit! Ein einmal gegebenes Versprechen vergißt sie nie! Ich möchte vorausschicken: Wir waren am Samstag in Sopron, aber von einer Besichtigung konnte keine Rede sein!
"Ja, gern", freute ich mich, "Ich bin schon sehr gespannt!" Leider hatte Margit vergessen, daß morgen Samstag und somit für viele Österreicher Shop-ping Time ist. Sopron ist ein aufstrebender, wirtschaftlich eng mit Österreich verbundener Wirtschaftsstandort in Westungarn. In den 1990er Jahren war Sopron ein attraktives Einkaufsziel für die Bewohner des Ballungsraumes Wien, was der Stadt auch den Spitznamen "Shop-ron" einbrachte. Das "Shop-" entspricht der ungarischen Aussprache.
Lange vor meiner Zeit, am 19. August 1989, fand bei Sopron das Paneuropäische Picknick statt, bei dem 661 DDR-Bürger über die Grenze nach Österreich in die Freiheit gelangten. Am Ort dieses Ereignisses werden jährlich Gedenkfeiern veranstaltet. (Hoffentlich erinnert sich Margit nicht an die Ereignisse um diese Tage! Ich mußte schon so viel darüber hören, daß ich möglicherweise dabei einschlafe, und das ist unhöflich.)
Sopron, das alte Ödenburg, kroatisch Šopron, ist eine Stadt im Nordwesten von Ungarn, südwestlich des Neusiedler Sees. Das Stadtgebiet wird von der Ikva durchflossen und ragt wie ein Sporn in österreichisches Staatsgebiet. Sopron liegt nur etwa 60 km von Wien, aber 220 km von der ungarischen Hauptstadt Budapest entfernt und zählt zu den ältesten Städten Ungarns. Sopron ist Universitätsstadt, die Westungarische Universität wurde hier im Jahre 1735 gegründet.
A propos Universitätsstadt: Der gute alte Ovid hat behauptet: "Tempora mutantur et nos mutamur in illis." Das ist Latein und bedeutet: Zeiten ändern sich, und wir ändern uns mit ihnen. Aber nicht nur Menschen, auch Städte (ver)ändern sich. Ganz Sopron schien Baustelle zu sein - zumindest der Bereich um die Altstadt!
"Varkerület", darunter "Grabenrunde", stand auf dem Straßenschild. "Seit wann gibt es denn hier Gegenverkehr?" meckerte Margit, "Früher war das eine Einbahn! Übrigens: Früher hieß diese Ringstraße >Lenin Köröt< - Lenin-Ring." Ob Einbahn oder nicht: Ortstafeln und Straßenschilder sind in Sopron zweisprachig. Und gleichgültig ob ein- oder zweisprachig: In ganz Sopron fanden Margit und ich keinen Platz zum Stehenbleiben und zum Fotografieren! In die Altstadt hineinfahren? Unmöglich.
Als wir vor einem Einkaufscenter Pause machen wollten, bemerkte ich einige seltsame Typen, die mich begehrlich anstarrten und die mir Angst machten. "Bitte, bleib bei mir!" Meiner Bitte an Margit hätte es gar nicht bedurft. Sie hatte diese unheimlichen, unguten Typen selbst bemerkt. "Fahren wir wieder", bestimmte sie, "ich hab keine Lust auf Kalamitäten!" Sprach's, steckte ihre Viceroy wieder ein und startete mich an. Welche Kalamitäten uns drohten, darüber ließ sich meine Margit nicht aus. Ich kann es mir aber vorstellen.
Nach einer Steigung mit etwa 20% und danach etwa 100 Meter mit 5% waren wir wieder auf der Straße Nr.84. Die führte uns direkt zur Grenze zu Österreich. In Österreich heißt die Straße übrigens B16 - Ödenburger Bundesstraße. Von nun an ging's bergab! Am Ende des Gefälles prunkte kupplungsseitig vor einem Kreisverkehr eine Tankstelle. Die beachteten wir aber nicht, sondern zogen weiter.
Nach der zweiten Tankstelle lockte bremsseitig ein Flohmarkt. Für Margit eine Möglichkeit, eine Rauchpause einzulegen!
Kaum war Margit von mir abgestiegen, himmelte mich ein junger Mann - bestimmt schon 10 Jahre jung - an. Der dazugehörende Großvater lächelte und schüttelte den Kopf. "Motorradfachmann!" schmunzelte er. Der Motorradfach-mann stellte eine Frage nach der anderen, die ich alle nicht verstand. Großvater dolmetschte. Der junge Motorradfachmann wollte alles, aber auch wirklich alles, über mich wissen! "Mein Motorrad hat 500 cm³ und 50 PS", erklärte Margit. "Und wie schnell kannst du mit deinem Motorrad fahren?" Statt groß anzugeben, erteile Margit dem jungen Motorradfachmann eine Lektion: "Angeblich kann mein Motorrad 160 km/h fahren", erklärte sie, "aber ich habe das noch nicht ausprobiert. Erstens gibt es in Österreich keine öffentliche Straße, auf der man 160 fahren darf, und zweitens habe ich mein Schatzerl jetzt etwas mehr als zwei Wochen." Ich bemerkte, wie der Großvater aufstrahlte. "Ich muß mich erst an dieses Motorrad gewöhnen, deshalb bin ich bisher höchstens 120 auf der Autobahn gefahren."


Ein Kind träumt einen Traum…
Margit und ich verstehen einander ohne große Worte. Ich mag Kinder. Margit mag Kinder. Deshalb durfte der junge Motorradfachmann - selbstverständlich mit Erlaubnis seines Großvaters - auf mich aufsteigen und einen Traum von einer langen, glücklichen Reise träumen…
Viel zu früh erklärte der Großvater seinem Enkel, daß sie jetzt weitergehen müßten - die Oma wartet sicher schon mit dem Mittagessen! Und auch wir machten uns auf den Weg: Margit startete mich an und zuckelte vorsichtig zwischen den Flohmarktständen vorbei Richtung Ausgang. Jetzt noch durch den Kreisverkehr hindurch, auf die B16 abgebogen, und anschließend zogen wir auf der A3 heimwärts.
Nicht weit von zu Hause, aber hübsch ein paar Kilometer von der A3 entfernt bekam ich mein Mittagessen: Super-Bleifrei vom Feinsten!
Morgen, versprach Margit, gibt es wieder Wellness…




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