Samstag, 24. Oktober 2015

08) Ein bisserl Znojmo schauen

8. Kapitel:
Ein bisserl Znojmo schauen

Am Montag, den 13. Juli, hatte sich mein Freund und Benzinbruder Strolchi diese schreckliche Umleitung um Wildungsmauer auf dem Weg nach Bad Deutsch-Altenburg angesehen: gute beziehungsweise schreckliche 10 Kilometer Sch…otterstraße, dazu eine Geschwindigkeitsbeschränkung auf 30 km/h. Über die 30er-Zone sind Strolchi und ich geteilter Meinung, aber es ist nicht notwendig, daß Freunde immer einer Meinung sind: Unterschiedliche Meinungen kann man in aller Höflichkeit ausdiskutieren. Über die Umleitung selbst sind wir mit unserer Margit einer Meinung: Besch…eiden! Da ist es wirklich vernünftiger, am Bandl (A4) bis Bruck Ost und von dort über viele Dörfer nach Bad Deutsch Altenburg zu zockeln. Am Dienstag hatten wir frei, und am Mittwoch wollte ich Margit nach Znojmo bringen.
"Sind deine Zigaretten wieder auf Ausgang?" lästerte ich bei unserer abendlichen Diskussionsrunde. "Ja, unter anderem", erklärte Margit, "außerdem haben es meine Füße wieder bitter notwendig!" "Füße", wunderte ich mich, "also das, wo ich meine Reifen habe?" "Ja, meine Füße. Ich gehe alle vier Wochen zur Fußpflege, und bei Alena bekomme ich die beste Fußpflege, die es überhaupt gibt!"
Die Fahrt nach Znojmo verlief wie jedes Mal - bis auf die Tatsache, daß Margit es für dringend notwendig hielt, das WC an der Grenze zu kontrollieren. Nun noch drei Kilometer bis Chvalovice - dann lenkte mich Margit nach der Brücke über den Daniz auf die Kupplungsseite.
Selbstverständlich bewunderten mich sowohl Alena als auch ihr Mann gebührend. Dann marschierten sie alle durch die Türe. Während sich's Margit bei der Fußpflege wohlsein ließ, unterhielt ich mich mit dem netten Renault, der Alena und ihrem Mann gehört. Monsieur Renault hat mir ein bisserl was auf französisch beigebracht, aber das verrate ich Margit besser nicht - Fluchen, schön und gut, aber Monsieur Renault hat mir "Voulez-vous coucher avec moi?" beigebracht. Für ein Kraftfahrzeug bedeutet das: "Möchtest du mit mir Starthilfe machen?" Unter Menschen - naja!

"Strolchi hat gesagt, Znojmo besteht nicht nur aus Kaufland und Albert", reklamierte ich wenig später, nachdem Margit ihre Einkäufe im Kaufland erledigt hatte, "Bitte, zeig mir ein bisserl mehr von Znojmo!"
"Das, mein lieber Ennio, habe ich vor", lächelte sie, "zumindest ein bisserl was von der Altstadt möchte ich dir zeigen. Alles geht sich sowieso nicht aus!" Viel, muß ich vorausschicken, konnten wir uns nicht anschauen: Der chinesische Verkehrsminister Um-Lei-Tung feierte fröhliche Urständ'. Zum ersten Mal fluchten Margit und ich um die Wette…
Alle Städte, ob groß oder klein, verfügen über Stadtplaner, und die Stadtplaner wiederum verursachen Baustellen. Besonders kritische Punkte sind Brücken. Was auf der Wiener Süd-Ost-Tangente die Praterbrücke ist, ist in Znojmo die Brücke über die Bahn, gleich neben dem Friedhof. Aber das wußte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.
Zuerst führte mich Margit die "Vídeňská Třida" bergauf. "Wieso steht da >třida<", wollte ich wissen, "Heißt >Straße< nicht >ulica>?" "Ja, heißt es auch", erklärte Margit, ">třida< steht für eine größere Straße; Třida kann aber auch Schulklasse, Klassenzimmer, Art, Kategorie, Sparte oder Allee bedeuten." "Ich kann verstehen", antwortete ich, "daß dein Tschechisch nicht perfekt ist - es ist alles so furchtbar kompliziert!" Dann fuhren wir unter der Eisenbahnbrücke hindurch. "Rechts die Straße hinauf ist der Hauptbahnhof, Hlavní Nádraží!" erklärte Margit.
Nach geschätzten 100 Metern und einer Ampel erreichten wir Náměstí Republiky: den Platz der Republik. "Das Gebäude links ist keine Kirche. Heute ist es das Bezirksgericht, aber früher war es eine Schule. Das Besondere daran: Peter Alexander, der große Schauspieler, Sänger und Showmaster, legte hier in Znojmo die Matura ab. Und man erinnert sich noch heute an ihn…"

Heute ist hier das Bezirksgericht untergebracht
"Den Peter Alexander kenn' ich", bemerkte ich, "er hat wirklich schöne Lieder gesungen! Mehr weiß ich eigentlich nicht über ihn!" "Soll ich dir mehr über ihn erzählen?" bot Margit an, während wir uns kurz auf den Parkplatz am Platz der Republik stellten. "Ja, das wäre nett!" freute ich mich.
"Peter Alexander, bürgerlich Peter Alexander Neumayer, gehörte von Mitte der 1950er-Jahre bis Mitte der 1990er-Jahre zu den populärsten Unterhaltungskünstlern im deutschsprachigen Raum. Bereits während seiner Schulzeit zeigte sich sein Hang zum Parodieren. Nach dem Besuch der Volksschule wechselte er ans humanistische Gymnasium Döbling, das er wegen Schulverweis wegen diverser Streiche vorzeitig verlassen mußte. Daraufhin schickte ihn sein Vater nach Znojmo in die Verbannung, wo er kriegsbedingt per Notabitur die Matura ablegte. Zahllos sind seine Nachkriegsfilme, die Nr.1-Hits, die TV-Galas. Und wie er den Hans Moser imitiert hat - großartig! 1979 gab es die Goldene Super-Kamera als größter Star aller Zeiten…"
Ojemine! Margit weiß jede Menge über Peter Alexander - viel zu viel! Und sie scheint ihn zu mögen. Wenn sie mal anfängt, erzählt sie bestimmt noch bei der Heimreise von ihm. "Und was ist das da für ein Gebäude?" lenkte ich ab.


Městské Divadlo Znojmo - Das Stadttheater Znojmo
"Das", antwortete Margit, "ist das Stadttheater von Znojmo. Irgendwann schau ich mir hier eine Theatervorstellung an!"
"Du willst hier in Znojmo eine Theatervorstellung besuchen? Mit deinem Tschechisch?" Ich konnte mich nur wundern. "Vielleicht ist mein Tschechisch wirklich zu armselig, um von einem Theaterstück irgendetwas zu verstehen", bekannte Margit, "andererseits: Bei einer Oper in italienischer Sprache verstehe ich auch nur Bahnhof - trotzdem kenne ich mich aus, weil ich mich lange vorher mit der Materie beschäftige! Warum sollte ich nicht in Znojmo eine Theatervorstellung besuchen?" Jedenfalls brachen wir unsere Diskussion ab.
Hinter Náměstí Republiky heißt die Straße Čermaková - bis zum nächsten Kreisverkehr, dem Marianské Náměsti. Ab hier heißt die Straße Havličková, die aber nach der nächsten Ampel zur Sokolská wird. Dann stehe ich mit Margit auf dem Náměstí Svobody - dem Freiheitsplatz.
Gemütlich lenkt mich Margit durch die Velká Michalská (Große Michalská-Straße) in Richtung Divišovo Náměstí. Dann stehen wir am Horní Náměstí - dem "Oberen Platz".


"Das historische Stadtzentrum", erklärt Margit, "wurde bereits 1971 zum städtischen Denkmalreservat erklärt." "Donnerwetter", wundere ich mich, "Das war ja noch unter den Kommunisten!" "Naja, ganz blöd waren die auch nicht", grinst Margit. "Znojmo besitzt zahlreiche Renaissancebürgerhäuser wie das Palais Ugarte oder das Starhemberg-Palais am Übergang zwischen Horní Náměsti zum Václavske Náměsti. Aber Znojmo läuft uns nicht weg, und da das Gebiet von Praha sowieso bereits in der Steinzeit von den Bojern besiedelt wurde und Praha mittlerweile vollendet ist, brauchen wir uns mit der Entdeckung der Sehenswürdigkeiten der Altstadt von Znojmo nicht mehr zu beeilen."
 Man könnte auch sagen: Rom ist nicht an einem Tag erbaut worden, aber das behauptet jeder, und meine Margit ist eben nicht "jeder".
Die erste Sehenswürdigkeit, die uns auf dem Horní Náměsti entgegenlächelt, ist das Palais Ugarte. "Das Palais Ugarte", erklärt Margit, "war in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts ein einstöckiges Renaissancegebäude. Die Bürgerfamilie Peter Wallin erwarb das Haus zunächst von der Stadt und verkaufte es 1680 an die in Jevišovice ansässigen Herren de Souches. Die ließen das Palais im Barockstil mit einem besonders auffälligen Portal umbauen. Der Bau des zweiten Stockwerks erfolgte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
1736 starb die Familie de Souches aus, die Herrschaft Jevišov ging gemeinsam mit dem Znaimer Palais in das Eigentum der Grafen von Ugarte über.


Im November 1805 verbrachte Napoleon Bonaparte zwei Nächte im Palais Ugarte. Die Gedenktafel an der Fassade des Palais Ugarte erinnert an dieses Ereignis. Auf Deutsch heißt das >Im Jahre 1805 übernachtete vor der Schlacht von Austerlitz der französische Kaiser Napoleon Bonaparte. Es lebe der Kaiser<.
Die Schlacht bei Austerlitz, auch Dreikaiserschlacht genannt, ist eine der bekanntesten Schlachten der Napoleonischen Kriege. Am Pratzeberg zwischen Brünn und Austerlitz (Brno und Slavkov u Brna) besiegte Napoleon I. von Frankreich eine Allianz aus österreichischen Truppen unter Kaiser Franz I. und russischen Truppen unter Zar Alexander I.
Margit führt mich weiter über den Horní Náměsti. Das bedeutet "Oberer Platz". Die erste Abzweigung heißt Obroková.
"Gleich wirst du das Wahrzeichen von Znojmo, den Rathausturm, sehen", erklärte Margit. "Zwar ist die Rotunde der Heiligen Katharina, auch Heidentempel genannt, das wertvollste Denkmal; trotzdem wurde der 80 Meter hohe, in den Jahren 1445 bis 1448 erbaute Rathausturm in der Obroková zum Wahrzeichen der Stadt. Das Rathaus selbst wurde gegen Ende des Zweiten Weltkrieges 1945 zerstört.
Der Rathausturm (1445–1448) gehört zu den bedeutendsten spätgotischen Bauten in Tschechien und bildet gemeinsam mit dem gotischen Dom des Heiligen Nikolaus eine charakteristische Silhouette der Stadt."



Der Rathausturm


Kulturdenkmal

"Dieses spätgotische Gebäude" zitierte Margit, "wurde von Nikolaus von Sedlešovice in den Jahren 1445 bis 1448 erbaut und ist 66 m hoch. Auffällig sind zwei sich kreuzende Winkelstücke."
"Wieso kannst du das, was auf diesen Tafeln steht, so fließend übersetzen", wollte ich wissen, "Sonst ist dein Tschechisch nicht gerade das Gelbe vom Ei?"
"Ennio, ich habe mich vorbereitet", schmunzelte meine Margit und steckte sich ihre unvermeidliche Viceroy ins Gesicht, "schließlich kann ich dir doch nicht irgend einen Mist erzählen. Außerdem habe ich die Altstadt von Znojmo schon früher besichtigt. Irgendwas bleibt immer in dem Hohlraum unter meinen Haaren hängen! Außerdem kann ich Alena fragen, wenn ich mit einer Übersetzung nicht klarkomme."
Auch ich mußte grinsen: "Kann mir jemand sagen, warum du derart in Znojmo verschossen bist, daß so manches Mannsbild vor Eifersucht erblassen könnte?" "Ennio, du übertreibst", grinste Margit zurück, "es gibt keinen, der meinetwegen auf Znojmo eifersüchtig sein müßte. Fahren wir weiter!"
Margit lenkte mich durch einige Gäßchen, deren Namen ich mir unmöglich merken konnte, bis sie vor einem schmiedeeisernen Tor stehen blieb. Die Gebäude dahinter hatten schon bessere Tage gesehen: "Ennio, hier war einmal Hostan Pivovar - die Brauerei Hostan. Du erinnerst dich, was ich dir von der Party anläßlich der Neueröffnung der Thayabrücke erzählt habe. Damals brachten sie mit einem Pferdefuhrwerk Fässer voll Bier, daß den Feiernden die Kehlen nicht trocken werden. Aber heute gibt es da nichts mehr, die Produktion wurde 2010 nach Brno zur Brauerei Starobrno - Altbrünn - verlegt.


Das war einmal Hostan Pivovar…

Die Rückfahrt war nicht lustig: Vom Freiheitsplatz bis zur Bahnhofstraße ging es nur zentimeterweise weiter. Du lieber Herr Gesangsverein, das war ein Stau der Sonderklasse! Wieso es sich hier so erbärmlich staute - keine Ahnung. Nach der Bahnhofstraße über die Vídeňská ging es schon flüssiger, und nach der Stadtgrenze von Znojmo konnten wir locker und gemütlich weiterfahren. Trotzdem: Ich war richtig froh, daß Margit noch beim Excalibur abbog…

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