8. Kapitel:
Ein bisserl Znojmo schauen
Am Montag, den 13. Juli, hatte sich mein Freund und
Benzinbruder Strolchi diese schreckliche Umleitung um Wildungsmauer auf dem Weg
nach Bad Deutsch-Altenburg angesehen: gute beziehungsweise schreckliche 10
Kilometer Sch…otterstraße, dazu eine Geschwindigkeitsbeschränkung auf 30 km/h.
Über die 30er-Zone sind Strolchi und ich geteilter Meinung, aber es ist nicht
notwendig, daß Freunde immer einer Meinung sind: Unterschiedliche Meinungen
kann man in aller Höflichkeit ausdiskutieren. Über die Umleitung selbst sind
wir mit unserer Margit einer Meinung: Besch…eiden! Da ist es wirklich
vernünftiger, am Bandl (A4) bis Bruck Ost und von dort über viele Dörfer nach
Bad Deutsch Altenburg zu zockeln. Am Dienstag hatten wir frei, und am Mittwoch
wollte ich Margit nach Znojmo bringen.
"Sind deine Zigaretten wieder auf Ausgang?"
lästerte ich bei unserer abendlichen Diskussionsrunde. "Ja, unter
anderem", erklärte Margit, "außerdem haben es meine Füße wieder bitter
notwendig!" "Füße", wunderte ich mich, "also das, wo ich
meine Reifen habe?" "Ja, meine Füße. Ich gehe alle vier Wochen zur
Fußpflege, und bei Alena bekomme ich die beste Fußpflege, die es überhaupt
gibt!"
Die Fahrt nach Znojmo verlief wie jedes Mal - bis auf
die Tatsache, daß Margit es für dringend notwendig hielt, das WC an der Grenze
zu kontrollieren. Nun noch drei Kilometer bis Chvalovice - dann lenkte mich
Margit nach der Brücke über den Daniz auf die Kupplungsseite.
Selbstverständlich bewunderten mich sowohl Alena als
auch ihr Mann gebührend. Dann marschierten sie alle durch die Türe. Während
sich's Margit bei der Fußpflege wohlsein ließ, unterhielt ich mich mit dem
netten Renault, der Alena und ihrem Mann gehört. Monsieur Renault hat mir ein
bisserl was auf französisch beigebracht, aber das verrate ich Margit besser
nicht - Fluchen, schön und gut, aber Monsieur Renault hat mir "Voulez-vous
coucher avec moi?" beigebracht. Für ein Kraftfahrzeug bedeutet das:
"Möchtest du mit mir Starthilfe machen?" Unter Menschen - naja!
"Strolchi hat gesagt, Znojmo besteht nicht nur
aus Kaufland und Albert", reklamierte ich wenig später, nachdem Margit ihre
Einkäufe im Kaufland erledigt hatte, "Bitte, zeig mir ein bisserl mehr von
Znojmo!"
"Das, mein lieber Ennio, habe ich vor",
lächelte sie, "zumindest ein bisserl was von der Altstadt möchte ich dir
zeigen. Alles geht sich sowieso nicht aus!" Viel, muß ich vorausschicken,
konnten wir uns nicht anschauen: Der chinesische Verkehrsminister Um-Lei-Tung
feierte fröhliche Urständ'. Zum ersten Mal fluchten Margit und ich um die
Wette…
Alle Städte, ob groß oder klein, verfügen über
Stadtplaner, und die Stadtplaner wiederum verursachen Baustellen. Besonders
kritische Punkte sind Brücken. Was auf der Wiener Süd-Ost-Tangente die
Praterbrücke ist, ist in Znojmo die Brücke über die Bahn, gleich neben dem
Friedhof. Aber das wußte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.
Zuerst führte mich Margit die "Vídeňská
Třida" bergauf. "Wieso steht da >třida<", wollte ich
wissen, "Heißt >Straße< nicht >ulica>?" "Ja, heißt
es auch", erklärte Margit, ">třida< steht für eine größere
Straße; Třida kann aber auch Schulklasse, Klassenzimmer, Art, Kategorie, Sparte
oder Allee bedeuten." "Ich kann verstehen", antwortete ich,
"daß dein Tschechisch nicht perfekt ist - es ist alles so furchtbar
kompliziert!" Dann fuhren wir unter der Eisenbahnbrücke hindurch.
"Rechts die Straße hinauf ist der Hauptbahnhof, Hlavní Nádraží!"
erklärte Margit.
Nach geschätzten 100 Metern und einer Ampel
erreichten wir Náměstí Republiky: den Platz der Republik. "Das Gebäude
links ist keine Kirche. Heute ist es das Bezirksgericht, aber früher war es
eine Schule. Das Besondere daran: Peter Alexander, der große Schauspieler,
Sänger und Showmaster, legte hier in Znojmo die Matura ab. Und man erinnert
sich noch heute an ihn…"
Heute
ist hier das Bezirksgericht untergebracht
"Den Peter Alexander kenn' ich",
bemerkte ich, "er hat wirklich schöne Lieder gesungen! Mehr weiß ich
eigentlich nicht über ihn!" "Soll ich dir mehr über ihn
erzählen?" bot Margit an, während wir uns kurz auf den Parkplatz am Platz
der Republik stellten. "Ja, das wäre nett!" freute ich mich.
"Peter Alexander, bürgerlich Peter
Alexander Neumayer, gehörte von Mitte der 1950er-Jahre bis Mitte der
1990er-Jahre zu den populärsten Unterhaltungskünstlern im deutschsprachigen
Raum. Bereits während seiner Schulzeit zeigte sich sein Hang zum Parodieren.
Nach dem Besuch der Volksschule wechselte er ans humanistische Gymnasium
Döbling, das er wegen Schulverweis wegen diverser Streiche vorzeitig verlassen
mußte. Daraufhin schickte ihn sein Vater nach Znojmo in die Verbannung, wo er
kriegsbedingt per Notabitur die Matura ablegte. Zahllos sind seine
Nachkriegsfilme, die Nr.1-Hits, die TV-Galas. Und wie er den Hans Moser
imitiert hat - großartig! 1979 gab es die Goldene Super-Kamera als größter Star
aller Zeiten…"
Ojemine! Margit weiß jede Menge über Peter Alexander - viel
zu viel! Und sie scheint ihn zu mögen. Wenn sie mal anfängt, erzählt sie
bestimmt noch bei der Heimreise von ihm. "Und was ist das da für ein
Gebäude?" lenkte ich ab.
Městské Divadlo Znojmo - Das Stadttheater Znojmo
"Das", antwortete Margit, "ist das
Stadttheater von Znojmo. Irgendwann schau ich mir hier eine Theatervorstellung
an!"
"Du willst hier in Znojmo eine Theatervorstellung
besuchen? Mit deinem Tschechisch?" Ich konnte mich nur wundern.
"Vielleicht ist mein Tschechisch wirklich zu armselig, um von einem
Theaterstück irgendetwas zu verstehen", bekannte Margit,
"andererseits: Bei einer Oper in italienischer Sprache verstehe ich auch
nur Bahnhof - trotzdem kenne ich mich aus, weil ich mich lange vorher mit der
Materie beschäftige! Warum sollte ich nicht in Znojmo eine Theatervorstellung
besuchen?" Jedenfalls brachen wir unsere Diskussion ab.
Hinter Náměstí Republiky heißt die Straße Čermaková -
bis zum nächsten Kreisverkehr, dem Marianské Náměsti. Ab hier heißt die Straße Havličková,
die aber nach der nächsten Ampel zur Sokolská wird. Dann stehe ich mit Margit
auf dem Náměstí Svobody - dem Freiheitsplatz.
Gemütlich
lenkt mich Margit durch die Velká Michalská (Große Michalská-Straße) in
Richtung Divišovo Náměstí. Dann stehen wir am Horní Náměstí - dem "Oberen
Platz".
"Das
historische Stadtzentrum", erklärt Margit, "wurde bereits 1971 zum
städtischen Denkmalreservat erklärt." "Donnerwetter", wundere
ich mich, "Das war ja noch unter den Kommunisten!" "Naja, ganz
blöd waren die auch nicht", grinst Margit. "Znojmo besitzt zahlreiche
Renaissancebürgerhäuser wie das Palais Ugarte oder das Starhemberg-Palais am
Übergang zwischen Horní Náměsti zum Václavske Náměsti. Aber Znojmo läuft uns
nicht weg, und da das Gebiet von Praha sowieso bereits in der Steinzeit von den
Bojern besiedelt wurde und Praha mittlerweile vollendet ist, brauchen wir uns
mit der Entdeckung der Sehenswürdigkeiten der Altstadt von Znojmo nicht mehr zu
beeilen."
Man könnte auch sagen: Rom ist nicht an einem
Tag erbaut worden, aber das behauptet jeder, und meine Margit ist eben nicht
"jeder".
Die
erste Sehenswürdigkeit, die uns auf dem Horní Náměsti entgegenlächelt, ist
das Palais Ugarte.
"Das Palais Ugarte", erklärt Margit, "war in der zweiten Hälfte
des 16. Jahrhunderts ein einstöckiges Renaissancegebäude. Die Bürgerfamilie
Peter Wallin erwarb das Haus zunächst von der Stadt und verkaufte es 1680 an
die in Jevišovice ansässigen Herren de Souches. Die
ließen das Palais im Barockstil mit einem besonders auffälligen Portal umbauen.
Der Bau des zweiten Stockwerks erfolgte in der zweiten Hälfte des 19.
Jahrhunderts.
1736
starb die Familie de Souches aus, die Herrschaft Jevišov ging gemeinsam mit dem
Znaimer Palais in das Eigentum der Grafen von Ugarte über.
Im
November 1805 verbrachte Napoleon Bonaparte zwei Nächte im Palais Ugarte. Die
Gedenktafel an der Fassade des Palais Ugarte erinnert an dieses Ereignis. Auf
Deutsch heißt das >Im Jahre 1805 übernachtete vor der Schlacht von
Austerlitz der französische Kaiser Napoleon Bonaparte. Es lebe der Kaiser<.
Die Schlacht bei Austerlitz, auch Dreikaiserschlacht genannt,
ist eine der bekanntesten Schlachten der Napoleonischen Kriege. Am Pratzeberg
zwischen Brünn und Austerlitz (Brno und Slavkov u Brna) besiegte Napoleon I.
von Frankreich eine Allianz aus österreichischen Truppen unter Kaiser Franz I.
und russischen Truppen unter Zar Alexander I.
Margit führt mich weiter über den Horní Náměsti. Das
bedeutet "Oberer Platz". Die erste Abzweigung heißt Obroková.
"Gleich wirst du das Wahrzeichen von Znojmo, den
Rathausturm, sehen", erklärte Margit. "Zwar ist die Rotunde der
Heiligen Katharina, auch Heidentempel genannt, das wertvollste Denkmal;
trotzdem wurde der 80 Meter hohe, in den Jahren 1445 bis 1448 erbaute
Rathausturm in der Obroková zum
Wahrzeichen der Stadt. Das Rathaus selbst wurde gegen Ende des Zweiten
Weltkrieges 1945 zerstört.
Der Rathausturm (1445–1448) gehört zu den
bedeutendsten spätgotischen Bauten in Tschechien und bildet gemeinsam mit dem
gotischen Dom des Heiligen Nikolaus eine charakteristische Silhouette der
Stadt."
Der Rathausturm
Kulturdenkmal
"Dieses spätgotische Gebäude" zitierte
Margit, "wurde von Nikolaus von Sedlešovice in den Jahren 1445 bis 1448
erbaut und ist 66 m hoch. Auffällig sind zwei sich kreuzende Winkelstücke."
"Wieso kannst du das, was auf diesen Tafeln
steht, so fließend übersetzen", wollte ich wissen, "Sonst ist dein
Tschechisch nicht gerade das Gelbe vom Ei?"
"Ennio,
ich habe mich vorbereitet", schmunzelte meine Margit und steckte sich ihre
unvermeidliche Viceroy ins Gesicht, "schließlich kann ich dir doch nicht
irgend einen Mist erzählen. Außerdem habe ich die Altstadt von Znojmo schon
früher besichtigt. Irgendwas bleibt immer in dem Hohlraum unter meinen Haaren hängen! Außerdem kann ich Alena
fragen, wenn ich mit einer Übersetzung nicht klarkomme."
Auch
ich mußte grinsen: "Kann mir jemand sagen, warum du derart in Znojmo
verschossen bist, daß so manches Mannsbild vor Eifersucht erblassen
könnte?" "Ennio, du übertreibst", grinste Margit zurück, "es
gibt keinen, der meinetwegen auf Znojmo eifersüchtig sein müßte. Fahren wir
weiter!"
Margit
lenkte mich durch einige Gäßchen, deren Namen ich mir unmöglich merken konnte,
bis sie vor einem schmiedeeisernen Tor stehen blieb. Die Gebäude dahinter
hatten schon bessere Tage gesehen: "Ennio, hier war einmal Hostan Pivovar
- die Brauerei Hostan. Du erinnerst dich, was ich dir von der Party anläßlich
der Neueröffnung der Thayabrücke erzählt habe. Damals brachten sie mit einem
Pferdefuhrwerk Fässer voll Bier, daß den Feiernden die Kehlen nicht trocken
werden. Aber heute gibt es da nichts mehr, die Produktion wurde 2010 nach Brno
zur Brauerei Starobrno - Altbrünn - verlegt.
Das war einmal Hostan Pivovar…
Die
Rückfahrt war nicht lustig: Vom Freiheitsplatz bis zur Bahnhofstraße ging es
nur zentimeterweise weiter. Du lieber Herr Gesangsverein, das war ein Stau der
Sonderklasse! Wieso es sich hier so erbärmlich staute - keine Ahnung. Nach der
Bahnhofstraße über die Vídeňská ging es schon flüssiger, und nach der
Stadtgrenze von Znojmo konnten wir locker und gemütlich weiterfahren. Trotzdem:
Ich war richtig froh, daß Margit noch beim Excalibur abbog…








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