10. Kapitel:
Ennio vor der Apotheke
Jetzt war die Sache mit der
Batterie endgültig ausgestanden: Unsere ganze Familie - Margit, Strolchi und
letztlich auch ich - hatten zusammengehalten und letztendlich alles wieder ins
rechte Lot gerückt. Dann hatte Margit den ÖAMTC gerufen, ein netter
Pannenfahrer hatte meine Batterie fachgerecht montiert, und weil ich so brav
gewesen war und gar nicht geschimpft hatte, hatte mich der Herr Brunner noch
fünf Liter Super-Bleifrei schlappern lassen.
Aber mit 5 Litern ist mein Tank
noch nicht voll. Das sagte ich meiner Margit sehr deutlich, sie kann mich ja
nicht verhungern und verdursten lassen! "Ich mach dir einen Vorschlag,
Ennio: Wir fahren zuerst zur Apotheke, und dann kriegst du ein gepflegtes
Frühstück. Ist das OK für dich?"
Und ob das OK war! Nur: Was, zum
Kuckuck, sollte die Apotheke sein? "Ich hab mal gehört, daß die Pferde vor
die Apotheke kotzen gehen! Meine 50 Pferdchen müssen aber gar nicht
kotzen!" Darauf bekam meine Margit einen regelrechten Lachkrampf! "Nein,
Ennio", antwortete sie mir unter Lachtränen, "das ist doch nur ein
Sprichwort! Meistens heißt es: >Ich hab schon Pferde vor der Apotheke kotzen
sehen<. Und dieses Sprichwort drückt aus, daß man irgend etwas für ganz und
gar unmöglich hält. Motorräder und Autos sagen in diesem Fall, der
Leukoplastbomber singt eine Opernarie!"
"Jetzt hast du mich auch
neugierig gemacht", mischte sich mein Freund und Benzinbruder Strolchi ins
Gespräch, "woher kommt denn diese Redensart? Ich hab gehört, Pferde können
gar nicht kotzen!"
"Das stimmt, Strolchi",
antwortete Margit, "daß Pferde nicht kotzen können, ist anatomisch
bedingt. Bei Pferden sitzt zwischen Magen und Speiseröhre ein Schließmuskel,
der die Bewegung des Speisebreis nur in eine Richtung zuläßt. Dazu kommt noch
der lange Hals. Das alles verhindert, daß Pferde kotzen. Dadurch kommt es auch
oft zu Koliken. In extremen Fällen, wenn der Darm des Tieres total verstopft
ist, kann auch ein Pferd kotzen - allerdings nicht durch das Maul, sondern
durch die Nasenlöcher. Aber kaum ein Tierarzt hat sowas mit eigenen Augen
gesehen."
"Aber was hat das mit der
Apotheke zu tun?" Wenn schon, dann wollte ich alles wissen! "Die
Apotheke dient in dieser Redensart wohl nur zur Unterstreichung der
Unmöglichkeit - wo doch in der Apotheke die Heilmittel parat wären!"
"Und was ist jetzt die
Apotheke", wollte ich wissen, "müssen wir jetzt nach Znojmo
fahren?"
"Aber nein, Ennio",
beruhigte mich Margit, "Meine Lieblingsapotheke ist gar nicht weit von
hier! Und weil Du alles genau wissen willst: Apotheke nennt man ein Geschäft -
und jetzt kehre ich mal den Hobbyjuristen heraus - also, als Apotheke wird
heute ein Ort bezeichnet, an dem Arzneimittel und Medizinprodukte abgegeben,
geprüft und manchmal auch hergestellt werden. Soweit der Gesetzestext.
Das Wort 'Apotheke' kommt vom
griechischen ἀποθήκη, gesprochen
'apothiki', und bedeutet wörtlich Aufbewahrungsort für Vorräte allgemein,
besonders aber für das Weinlager, wo der Wein in Amphoren aufbewahrt wurde. In
Klöstern wurde so oder auf Lateinisch 'apotheka', der Raum zur Aufbewahrung von
Heilkräutern bezeichnet."
Jetzt war ich aber gespannt!
Margit startete mich an, und schon ging es durch die ewiglange 30er-Zone in
Richtung Bandl - womit ich hier die A2 -Südautobahn - meine. Aber bereits nach
der zweiten Querung der Straßenbahnschienen wurde unsere Fahrt ein bißchen
illegal - aber nur ein kleines bißchen! Anstatt die Straße wie üblich geradeaus
zu fahren, bog Margit rechts ab und lenkte mich über eine Abschrägung und
zwischen zwei Stangen hindurch auf einen riesigen Platz. Kupplungsseitig sah ich
ein Kaffeehaus, vor dem einige seltsame Gestalten ihr Gesöff genossen, danach
eine Bank und dann folgte ein Geschäftslokal, über dem groß und deutlich
Wienerberg-Apotheke stand! Margit stellte meinen Motor ab, setzte mich auf
meinen Ständer und stieg von mir ab. Wie eine Wrestler-Königin durchschritt sie
die Türe. Was weniger königliches Benehmen war: meine Margit rief lauthals in
die Apotheke hinein: "Will jemand das beste, schönste, effektivste
Antidepressivum anschauen, das keine Krankenkasse verschreibt?"
Postwendend kam ein junger Mann im weißen Apothekerkittel heraus und schaute
mich bewundernd an. Selbstverständlich mußte meine Margit meine technischen
Daten herunterbeten, und danach war natürlich Motorradfahrerlatein angesagt!
Dann mußte Margit noch ein Rezept
über Metformin einlösen. Das gefällt diesem Allerwertesten Herrn Diabetes
überhaupt nicht, er zieht sich schmollend zurück. Und das ist gut so. Mir war
sonnenklar: Meine Margit hatte sich wieder einmal mit mir geschmückt! Und das
freute mich.
Jetzt noch ungefähr 500 Meter -
dann konnte ich mir den Tank mit einem ganz feinen Sprit vollschlagen. Margit
führte mich von der Zapfsäule weg und betrat den Kiosk. Schließlich sind wir
keine Zechpreller…
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