Dienstag, 27. Oktober 2015

14) Ennio besucht Carnuntum

14. Kapitel:
Ennio besucht Carnuntum


Seit ich meine Margit habe, bringe ich sie ein- bis zweimal pro Woche nach Bad Deutsch-Altenburg. Das Kurzentrum Ludwigstorff ist auch unter dem Namen Therme Carnuntum bekannt. Meistens mache ich es mir vor dem Thermencafe vom Kurzentrum Ludwigstorff gemütlich und belausche die Gespräche der Kurgäste. Allerdings: Meistens bedeutet nicht immer. Schließlich möchte ich auch wissen, was sich in der Rezeption und sonst vor dem Haus tut!
In der Therme Carnuntum arbeiten viele fesche Damen! Die möchte ich gerne mal auf Motorrad-Art abschleppen: Zuerst mit Kaffee oder sonst 'nem alkoholfreien Drink abfüllen, und dann auf eine Runde auf meinem Sozius einladen! (Bin ich froh, daß meine Margit nicht eifersüchtig ist, sondern gerne mitmacht!)
Da ist beispielsweise die Mikel: Sie schaut drauf, daß meine Margit nicht wie eine alte Hex daherkommt. Und geschminkt hat sie sie auch schon. Strolchi sagt, das paßt Margit, aber sie kann es selbst nicht. Ich hab nichts gegen motorradfahrende Hexen, so lang sie wissen, was einem Oldtimer-Motorrad gut tut! Irgendwie hab ich das Gefühl, es gefällt meiner Margit, hie und da einmal ganz anders auszusehen. Ich hab kein Problem damit, schließlich ist meine Margit eine Frau…

 Mikel bringt die Haare meiner Margit auf Vordermann.
Die Frau Gerlinde liebt Motorräder! Aber leider läßt sie mich nicht ins Thermencafe! Wo ich sie doch so gerne auf ein Kaffeetscherl ("Käffchen") eingeladen hätte - aber das hat alles nix genützt:
"Ennio, hier geht es nicht weiter!" Frau Gerlinde läßt mich nicht ins Thermencafé!
OK - dann versuch ich es mal bei Frau Priska! "Was meinen Sie, Frau Priska, gehen wir ins Thermencafe auf einen Kaffee? Meine Margit hat bestimmt nichts dagegen, wir könnten ja gemeinsam auf Margit warten!"

"Nein", sagt Frau Priska, "das kann ich auch nicht erlauben!"
Dabei hätte ich so gerne im Thermencafe auf meine Margit gewartet, während sie bei Frau Agi ist!


Frau Agi macht aus Bartgeier-Margit eine Frau.
Darf ich überhaupt erzählen, daß meine Margit unter "Damenbart" leidet? Das ist doppelt so schlimm, weil meine Margit behauptet, nie eine Dame gewesen zu sein - und trotzdem hat sie einen Bart, mit dem sie, wie sie behauptet, Conchita Wurst Konkurrenz macht! Aber Margit übertreibt, ihr Ziegenbart nicht wirklich eine Konkurrenz. Aber es fühlt sich für Margit so an. Dabei schätzt sie Conchita Wurst sehr. Auf die Idee, eine Kunstfigur wie Conchita zu erschaffen und zu leben, muß ein Mensch erst einmal kommen. "Conchita" ist eine wirklich schöne Frau, die einen Vollbart trägt. Und eine Stimme hat sie - großartig! Ohne diese tolle Stimme und die großartige Performance hätte "sie" nie den Song Contest 2014 in Kopenhagen gewonnen. Letztendlich muß man sich vor Augen führen, daß sich unter der Kunstfigur Conchita Wurst ein junger Mann namens Tom Neuwirth verbirgt - ein begnadeter Künstler.
Wie auch immer: Zum Glück gibt es Frau Agi, die meine Margit wieder froh und bartlos macht! Wen wundert's, daß meine Margit so gerne nach Bad Deutsch-Altenburg pilgert?
Aber Bad Deutsch-Altenburg besteht nicht ausschließlich aus dem Kurzentrum Ludwigstorff. Ich habe Strolchi gefragt, was denn "Bad Deutsch-Altenburg" und "Carnuntum" sind. Strolchi hat Bad Deutsch-Altenburg mit seinem Bordcomputer gegoogelt und mir erklärt, was ich wissen wollte:
Bad Deutsch-Altenburg ist eine Marktgemeinde im Bezirk Bruck an der Leitha und liegt am rechten Donauufer, an der B9, der Preßburger Bundesstraße. Die nächste größere Stadt ist die Mittelalter-Stadt Hainburg an der Donau mit der großartigen Stadtmauer. Das Autokennzeichen ist BL.
Vom 1. bis zum 5. Jahrhundert n.Chr. lag im Raum Bad Deutsch-Altenburg - Petronell das römische Legionslager und die zivile Stadt Carnuntum. Carnuntum war zeitweise Hauptstadt der römischen Provinz Pannonien. Carnuntum verfiel allerdings schrittweise nach einem schweren Erdbeben von 350 n.Chr.
Bad Deutsch-Altenburg entstand um eine Burg aus dem 11. Jahrhundert, wurde 1297 erstmals urkundlich erwähnt und erhielt 1579 das Marktrecht. Der Namenszusatz "Deutsch-" dient der Unterscheidung von Mosonmagyaróvár (Ungarisch-Altenburg) in Westungarn.
Die Hauptattraktion von Bad Deutsch-Altenburg ist die stärkste Jod-Schwefel-Quelle in Mitteleuropa. Ihr Wasser wird in der Therme Carnuntum zur Behandlung von Erkrankungen des Bewegungsapparates, Nervenleiden, Hauterkrankungen und rheumatischen Erkrankungen eingesetzt. Schon die alten Römer - nicht die alten Damen und Herren, die in Rom leben, nein, gemeint sind hier jene Römer, denen die Gymnasiasten den oft verhaßten Lateinunterricht verdanken - nun, schon jene alten Römer wußten die Quelle zu schätzen und zu nutzen. Archäologische Ausgrabungen und Ruinen - sowohl der römischen Badekultur als auch andere - beweisen es.
Mein Freund und Benzinbruder Strolchi hat erzählt, daß Margit im vergangenen Jahr in Bad Deutsch-Altenburg auf Kur war: "Hundert pro, die haben da auch Anwendungen gegen das Fluchen!" Strolchi zwinkerte mir verschwörerisch zu, "Damals hättest du sie hören müssen! Geflucht hat sie wie ein türkischer und ein rumänischer Brummifahrer zusammen, wenn sie beim Schmuggeln erwischt werden! Was meinst du, woher ich meine schöne schamesrote Farbe habe? Aber jetzt flucht sie gar nicht mehr so oft, dafür singt sie schon in der Früh! Was sie sonst gemacht hat, weiß ich nicht so genau, aber sie hat wieder regelmäßig zu singen begonnen. Nix mehr mit ihren Flüchen, sie singt und hat immer gute Laune! Nicht einmal der Montagmorgen-Stau auf der Süd-Ost-Tangente bringt sie aus der Ruhe!“
Naja - alles darf man meinem Freund nicht glauben, vor allem dann, wenn er einen ganz bestimmten Gesichtsausdruck bekommt. Aber wie dem auch sei, ich werde Margit gelegentlich fragen, was sie damals auf der Kur gemacht hat. Auf jeden Fall macht man seither was gegen ihr Kardantunnel-Syndrom. Das ist wichtig.
Das ganze Gebiet um Bad Deutsch-Altenburg herum ist sehr interessant. Hier haben nämlich die alten Römer gehaust! Ein Überbleibsel von denen ist das sogenannte Heidentor, ein spätantikes Siegesdenkmal aus dem 4. Jahrhundert n.Chr. Es steht in unmittelbarer Nähe des römischen Carnuntum, eines bedeutenden Legionslagers am Limes Pannonicus und Hauptstadt der Provinz Oberpannonien.


Das Heidentor bei Carnuntum


Das Heidentor im Archäologischen Park Carnuntum ist das Wahrzeichen von Petronell-Carnuntum und der gesamten Region. Obwohl die Ruine zu zwei Dritteln zerstört ist, hinterläßt sie einen imposanten Eindruck und hat die Zeiten besser als alle anderen Bauwerke der antiken Stadt überdauert.




Zwischen 1998 und 2001 wurde das Denkmal aufwändig untersucht und nach den neuesten wissenschaftlichen Methoden von Grund auf restauriert und konserviert.
Nach der Besichtigung des Heidentores zuckelten wir gemütlich heimwärts.


Sonntag, 25. Oktober 2015

13) Einkäufe mit Hindernissen

13. Kapitel:
Einkäufe mit Hindernissen
Nach meinem langen Krankenstand hatte ich verständlicherweise riesengroßen Nachholbedarf. Wochenlang in der Werkstätte herumlümmeln und nicht unterwegs sein können - wer hält denn das aus? Wen wundert es, daß meine 50 Pferdchen freudig aufjubelten, als Margit und ich an diesem Mittwoch nach Znojmo aufbrachen. Diesmal bogen wir nach der Brücke über den Daniz bremsseitig ab. Am Ende der Straße wohnt Herr Zemčik. In seinem Haus hat er auch seine Werkstätte. Er ist Strolchis Lieblingsmechaniker. Auch wenn er Automechaniker ist und keine Motorräder repariert, ich wollte ihn kennenlernen.
Margit sah das naturgemäß ein bißchen anders: Sie wollte mich Herrn Zemčik als ihren zweirädrigen Lebensgefährten vorstellen - was ich auch bin! Schließlich möchte sie sich immer und überall mit mir schmücken! Sie läutete an seiner Werkstättentüre. Er öffnete nach ganz kurzer Zeit. Ich wunderte mich, daß sie den netten Herrn auf tschechisch mit: "Dobrý rano, pane Zemčik!" begrüßte - wo er doch perfekt deutsch spricht! Oder muß man sich bei Margit über gar nichts wundern? "Ich möchte Ihnen jemanden vorstellen!"
Wie schon so oft schlug mein Motorenherz einen Trommelwirbel: Margit sagt nie: 'ich möchte Ihnen etwas zeigen', nein, sie stellt mich jemandem vor! Strolchi hatte von Anfang an recht, ich darf für meine Margit eine Person sein: ihr Freund, mit dem sie und der mit ihr durch dick und dünn geht.
Als Herr Zemčik mich sah, bekam er ganz große Augen! Er sah mich an, dann sah er Margit an, und dann sagte er: "Jeder Mensch braucht etwas fürs Herz! Ist Strolchi nicht eifersüchtig?" "Aber nein", beruhigte Margit, "Ennio und Strolchi sind die besten Freunde!" Dann staunte ich, daß Margit, für herrn Zemčik besonders interessant, meine technischen Daten so perfekt herunterbeten konnte.
Margit hat mich fürs Herz, und Herr Zemčik hat neben seiner Frau das Angeln. So hat jeder was fürs Herz. Im Urlaub in der Slowakei, hat er erzählt, hat er einen 14-kg-Karpfen gefangen und wieder freigelassen. Warum hat er den nicht gegessen? Kann es sein, daß Herr Zemčik nicht nur die deutsche und die tschechische, sondern auch eine bestimmte Untergruppe der lateinischen Sprache beherrscht - das Anglerlatein?
Unterwegs zum Albert fragte ich Margit, ob Herr Zemčik Anglerlatein gesprochen hätte. "Zuerst einmal, Ennio: Der Karpfen ist bei Anglern sehr beliebt, weil er ein starker Kämpfer ist. Er wird sehr groß und läßt sich durch Anfüttern selektiv beangeln. Karpfen mit 10 bis 15 kg gelten als bemerkenswerter Fang. Es ist sehr verbreitet, den gefangenen Fisch wieder freizulassen. Außerdem möchte ich stark bezweifeln, daß so ein 14-kg-Karpfen noch gut schmeckt. Also: Höchstwahrscheinlich kein Anglerlatein…"
Daß wir der Thaya noch einen Besuch abstatteten, versteht sich von selbst. Die Thaya, die auf Tschechisch Dyje heißt, ist ein Nebenfluß der March. Sie ist 235,4 km lang, hat zwei Quellflüsse - die Deutsche und die Mährische Thaya - und einen stark gewundenen Lauf. Zu einem großen Teil verläuft sie an der Staatsgrenze zwischen Niederösterreich und Mähren, bildet aber nur selten exakt die Grenze. Der Name des Gewässers leitet sich vom ostgermanischen "Duhja" ab, was soviel wie "Schlamm" bzw. "Sumpf" bedeutet. Frühere Schreibweisen sind auch Taya oder Taja.
Margit rauchte noch eine von ihren unvermeidlichen Viceroy's, dann verabschiedeten wir uns von dem Fluß, der in Margits Leben so eine große Rolle spielt und standen bald beim Albert. Margit ging noch zum Bankomaten, kaufte ein und steckte die Sachen in meine Packtaschen. Dann machten wir uns auf zum Kaufland. "So, mein Schatz", erklärte Margit, als sie mich vor dem Kaufland im Schatten einparkte, "jetzt muß ich noch in die Trafik, und dann können wir!" Als sie sich ein Einkaufswagerl griff, schwante mir Übles…
Oh Scheiße! Ich hatte mit meiner Vermutung Recht behalten: Margit hatte nochmals eingekauft! Leider hatte sie so viel eingekauft, daß es nicht in meine winzigen Packtaschen paßte! Warum, zum dreimal gehörnten und neunmal geschwänzten Teufel gibt sie mir nicht endlich meine neuen Packtaschen! Ich ärgerte mich grün und blau!
Was war nur los mit mir? Ich ärgerte mich und ärgerte mich, der Ärger hörte nicht auf. Ich hatte mir schon vorgenommen, mit Margit darüber zu sprechen, sobald wir zu Hause angekommen waren - da passierte es! Shit! Unmittelbar dort, wo man zum ÖAMTC abbiegt, ist das Schläucherl von der Kühlung geplatzt, und Margit hatte die ganze heiße Kühlflüssigkeit auf das linke Bein bekommen! Margit jedoch blieb cool: "Da haben wir aber Glück gehabt!" Mit diesen Worten bog sie bremsseitig zum ÖAMTC ab…
Es dauerte eine Weile, bis ich an die Reihe kam. Obwohl mir meine Margit klar machte, daß alles seine Zeit braucht und alle Patienten nacheinander an die Reihe kämen, ärgerte ich mich. Zwischendurch telefonierte sie mit Claudia: "Bitte kannst du meine Kinder füttern? Ich häng mit Ennio beim ÖAMTC!"
Was Claudia darauf sagte, habe ich nicht gehört. Auch das ärgerte mich. Erst als mich Margit besorgt fragte: "Ennio, was ist los mit Dir?" kam ich zur Besinnung. Dann - nach mehr als einer Stunde - war ich an der Reihe. Der Mechaniker vom ÖAMTC ersetzte den Schlauch und die verlorene Kühlflüssigkeit, dann konnten wir endlich nach Hause fahren.
Während Margit meine Packtäschchen entleerte, kam Claudia, mit Norbert im Schlepptau, und erkundigte sich nach mir. Norbert erkannte sofort, daß ein gewöhnlicher Kabelbinder, mit dem das Druckschläucherl befestigt war, gar nicht geht! Da muß schon etwas Hitzefestes her…
Himmel, Arsch und Wolkenbruch, was juckt da an meiner kupplungsseitigen Batterieabdeckung? Und erst der Auspuff! Das brennt ja wie die Hölle! Gerade hat Margit gesagt, morgen gehen wir baden! Erst morgen? Wie soll ich das nur aushalten?
Nun kam aber wieder Norbert ins Spiel! Norbert, Du bist der Beste! Sagt doch glatt, Margit soll sofort mit einem Kübel Wasser kommen und mich abwaschen! Das hat meine Margit auch sofort gemacht. Norbert, Du hast was gut bei mir…. Und dann kam Claudia, schnappte sich die Bürste und wusch mich noch einmal ab!
Jetzt fühle ich mich wieder wohler.



12) Samstagsausflug

12. Kapitel:
Samstagsausflug

Das neue Straßenstück zwischen Wildungsmauer und Petronell-Carnuntum war eine Woche vor dem prophezeiten Termin fertig geworden. Sowohl Margit als auch Strolchi hatten mir darüber berichtet. Am Freitag hatte auch ich das renovierte Straßenstück begutachtet. Beide haben recht, schön glatt und gerade, relativ breit, gut asphaltiert, mit gut sichtbaren Bodenmarkierungen ist es geworden. Solche Straßen ohne Idioten wünscht man einander, wenn man auf Reisen geht. Allerdings: die B9 ist eine öffentliche Straße; somit haben hier leider auch Idioten Zutritt.
Ist es wirklich schon 20 Tage her, daß ich mit meiner Margit unterwegs war? Himmel, hab ich ein Nachholbedürfnis! Einen Platz, wo Margit als Kind oft gewesen ist, hatten wir besuchen wollen - und dann war ich krank geworden….
"Was meinst du, Ennio", riß mich meine Margit aus meinen Gedanken, "Schauen wir uns die Wiener Hütte an?"
"Klar machen wir das", antwortete ich, "du hast gesagt, die Straße zur Wiener Hütte ist ein prima Übungsgelände! Kannst du sie beschreiben?"
"Wen oder was - die Straße oder die Wiener Hütte?" scherzte meine Margit. "Die Straße ist am Anfang so steil, daß man schon verdammt steil sagen muß, und der Straßenbelag ist löchrig. Man muß höllisch aufpassen, daß man nicht den Asphalt küßt!"
Und dann manövrierte meine Margit ihr rechtes Bein in gewohnt ungelenker Manier über meine Sitzbank, schob ihren Hintern nach und startete mich an. Ich konnte es schon gar nicht mehr erwarten! 20 Tage ohne einen einzigen Ausflug! Das hält doch niemand aus!
Schön gemütlich zuckelten wir aus der Stadt hinaus, über die Ketzergasse auf die Kaltenleutgebener Straße. Nicht weit entfernt von der Wiener Stadtgrenze rottete kupplungsseitig ein aufgelassenes Zementwerk vor sich hin, während sich bremsseitig einige hohe Häuser in den Hang schmiegten.
Noch trennten uns etliche hundert Meter von der Zufahrt. Und dann sah ich die Tafel: Zur Wiener Hütte. Margit reduzierte rechtzeitig vor der bremsseitigen Kurve meine Geschwindigkeit - mit Recht! 30 km/h sind auf dieser Straße erlaubt, aber ich war ehrlich gesagt froh, daß Margit gerade mal Gas für 15-20 km/h gab: Die "Straße" ist ein notdürftig asphaltierter Waldweg, gerade mal so breit wie anderthalb Autos und so unübersichtlich, daß man schon verdammt unübersichtlich sagen muß. Bremsseitig gibt es nahe am Abhang vereinzelt Ausweichbuchten. Früher, erzählt Margit, sind die Menschen über diesen Waldweg zu Fuß zur Wiener Hütte gegangen, aber dann wollten auch Familien mit Kinderwagen, Autos und Motorräder dorthin. Außerdem mußten Lebensmittel und Getränke zum Lokal geschafft werden..
Plötzlich endete der Wald, die Straße zog sich noch etwa 200 Meter zwischen Äckern entlang, und dann sah ich sie: Die Wiener Hütte!


Die Wiener Hütte bei Kaltenleutgeben…
… liegt am Berg zwischen Kaltenleutgeben und Breitenfurt im Wienerwald. Margit sagt, sie ist aus allen Windrichtungen auf Wanderwegen erreichbar.
Bis direkt vor das Lokal fahren darf man nicht. Deshalb setzte mich meine Margit in den Schatten eines Baumes:
"Bei den berühmt-berüchtigten Familienausflügen in den frühen 1950er-Jahren", erzählte Margit, "traf sich die Familie G., aus den Bezirken Ottakring, Brigittenau und Meidling kommend, bei der Endstation der Straßenbahnlinie 60 in Rodaun. Von dort weg wanderte man quer durch die Gegend, unter anderem über die Ketzergasse durch steiles Gelände über Stock und Stein zur Wiener Hütte. Meistens war ich schon am Ende der Ketzergasse müde. Das war vielleicht ein schlimmer Fußmarsch, kann ich dir sagen, Ennio. Manchmal, daran erinnere ich mich aber nicht gerne, gab es Tränen."
"Du scheinst dir überhaupt nicht viel aus Fußmärschen zu machen", feixte ich.
"Ennio, ich war damals zwei oder drei Jahre. Erst neulich hab ich im Internet gelesen, diese Wanderung ist für Kinder zwischen 2 und 3 Jahren nicht geeignet. Aber damals hatte niemand daran gedacht, daß dieses steile Gelände für Kleinstkinder ungeeignet ist. Außerdem waren die Kinder der Familie G. - die beiden Richards, der Fredi, der Robert und meine Cousine Margit - alle älter als ich. Ich weiß nicht, ob du dir das vorstellen kannst, daß wir eigentlich nie gemeinsam gespielt haben. Ich war immer diejenige, der vergackeiert wurde, deshalb spielte ich lieber allein. Aber was, Schwamm drüber.
So, mein Schatz, jetzt werde ich mir die Nase mit einer Halben Soda begießen und ein halbes Backhuhn schnabulieren!" Sprach's, und wandte sich dem Gastgarten zu.

Juhu! Ich steh im Schatten!


     Honda Shadow meckert…
Hinter einer Mülltonne hatte sich's eine Honda Shadow gemütlich gemacht, beobachtete die Gäste und schimpfte gewaltig auf die Menschen, die an den Tischen im Gastgarten ihr Bier tranken und hinterher mit ihren Autos wieder den Berg hinab fuhren. Ein wohlgenährter Ziegenbock, der hinter einem Zaun unmittelbar neben dem Gebäude wohnt, pflichtete ihr mit einem Seitenblick auf mich bei: "Gemeinheit ist, das, die Menschen trinken Bier, und ich bekomme nicht einmal ein paar winzige Leckerschmecker!" "Reg dich nicht auf, Kleiner", konterte ich, "Meine Chefität trinkt nur Sodawasser!" "Aber sie könnte mir trotzdem ein paar Leckerschmecker spendieren", meckerte Herr Ziegenbock, "schließlich bin ich arm, unterernährt und hungrig!"

Herr Ziegenbock ist ungnädig!
'Genau so schaust du aus', dachte ich bei mir. Laut aber sagte ich: "Hör mal, wenn meine Chefität dich füttern dürfte, bekämest du wirklich gute Leckerschmecker von ihr. Leider steht ausdrücklich "FÜTTERN VERBOTEN" auf dem Schild, und das hat seinen Grund: Es gibt nicht nur Menschen, die Tiere lieben und deshalb informiert sind, was ein Tier naschen darf, es rennen viele böse Menschen herum, die dir Sachen geben, die dir und deiner Familie schaden!"
Was der Herr Ziegenbock darauf antwortete, wage ich nicht wiederzugeben. "Verdammter Klugscheißer" war noch höflich. (Allgütiger, wie war ich froh, nicht einen von Margits zahlreichen Lieblingssprüchen geklopft zu haben: >Es rennen mehr Arschlöcher als Bürgermeister herum.<
In der Zwischenzeit hatte sich meine Margit auf einen Platz im Schatten gesetzt und zunächst einmal ihre übliche Halbe Soda bestellt. Leider gab es auf der Speisekarte kein Backhuhn. Deshalb mußte sie zu ihrem größten Bedauern einen gebackenen Elektrikerfisch mit Erdäpfelsalat verzehren. Was 'Elektrikerfisch' wohl ist? Das ist KABELjau!
Als meine Margit wieder zu mir kam, wollte ich etwas wissen: "Margit, ich habe da vorhin etwas gespürt - was war das? Erinnerungen?"
"Ennio, mein Schatz, du kennst mich so gut, daß es schon unheimlich ist!" Sie schmunzelte. "Ja, hier in dem Gehege, wo jetzt die Ziegen wohnen, wurden immer schon Tiere gehalten. Ich kann mich an ein >Rehlein< erinnern. Später habe ich erfahren, daß alle Tiere in diesem Gehege gesundgepflegt und aufgepäppelt worden waren. Natürlich konnte man sie, da sie zu sehr an Menschen gewöhnt waren, nicht mehr in die Freiheit entlassen."
"Das ist klar", entgegnete ich, "ich hab mich diesbezüglich schlau gemacht: Ein Wildtier, das an Menschen gewöhnt ist, kennt keine Scheu und läuft Gefahr, daß ihm Böses getan wird. Aber da war noch etwas - bei dem aufgelassenen Zementwerk!" Ich ließ nicht locker.
"Ach ja, beim Zementwerk!" Ihr Blick wanderte in weite Fernen. "Du weißt ja, mein Papschi war LKW-Fahrer wie ich. Eines Tages, ich ging damals noch nicht zur Schule, fand er bei diesem Zementwerk einen verletzten jungen Falken. Er brachte ihn mit nach Hause. Wir nannten ihn Fritzi. Fritzi wurde mein ständiger Begleiter. Er liebte es, auf meiner Schulter zu sitzen und die Welt von diesem sicheren Platz aus zu beobachten.
Eines Tages sagte Papschi: >Der Fritzi ist jetzt groß genug, daß er für sich alleine sorgen kann. Er braucht ein Gemäuer, wo er sein Nest bauen kann.< Sehr genau kann ich mich an diesen Tag nicht mehr erinnern. Wir fuhren mit der Straßenbahn nach Rodaun, wanderten bis zu diesem Zementwerk - und dann flog Fritzi fort. Ich habe ihn nie wiedergesehen."
"Warst du traurig, daß Fritzi von dir weggeflogen ist?"
"Am Anfang ja. Aber irgendwann habe ich begriffen, daß es für Fritzi das Beste war, was ihm passieren konnte. Er war in Freiheit geboren, und in Freiheit sollte er leben."
Dann startete Margit mich an. Der asphaltierte Waldweg hinunter zur Kaltenleutgebner Straße kam mir bergab noch schlimmer vor als bergauf. Aber Margit schaffte das locker….
Wie war das mit den 15 Jahren, in denen sie kein Motorrad unter ihrem Hintern hatte?


Samstag, 24. Oktober 2015

11) Ennio muß in Krankenstand

11. Kapitel:
Ennio muss in Krankenstand

Allmählich bekomme ich trotz Wellnessprogramm Angst vor dem Sonntag: Hatte am vergangenen Sonntag meine Batterie den Geist aufgegeben, so geschah an diesem Sonntag etwas, was mich beinahe das Leben, mein Leben mit Margit, gekostet hätte. Ja, ich bin froh und glücklich, daß ich meine Margit habe, denn sie hält mir die Treue und läßt mich nicht im Stich. Fast schäme ich mich zu gestehen, daß ich anfangs so gar nicht begeistert gewesen war, es mit einer Frau zu tun zu bekommen. Rückblickend betrachtet, war das das Beste, was mir passieren konnte.
Wie jeden Sonntag hatte ich meine Wellnessbehandlung genossen. Anschließend wollte ich frühstücken, und danach wollte mir Margit zeigen, wo sie oft als Kind war, wo sie gespielt hatte.
"Übrigens, Ennio, wie hat dir denn letztens der Sprit geschmeckt?" wollte meine Margit wissen. "Hmmmm, der war besonders gut", antwortete ich, "bitte gibt es den öfter?" "Ennio, wenn dir dieser Sprit so gut schmeckt, dann bekommst du ihn. Aber sagst mir schon, wenn er dir eines Tages nicht mehr schmecken sollte!"
"Sicher sag ich's", antwortete ich, "aber was stellen wir heute an?" "Ich könnte dir die Wiener Hütte zeigen", antwortete Margit, "als Kind war ich oft dort, und als ich zuletzt dort war, gab es die besten Backhendln aller Zeiten! Außerdem ist die Straße hinauf zur Wiener Hütte eine prima Übungsstrecke." Backhendl klingt gut. Ich esse sowas zwar nicht, aber ich kann den Geruch wahrnehmen. Und wenn Margit von einer prima Übungsstrecke spricht - nicht schlecht!
Dann machten wir uns auf den Weg. Die Strecke "auf die Siebzehner", zur Triester Straße, kenne ich im Schlaf. Nur noch eine Kreuzung trennte uns noch von der Tankstelle, wo ein exquisites Frühstück auf mich wartete. Vor der rotleuchtenden Ampel hielten wir an. Daß Margit mein Getriebe in den Leerlauf schaltete, müßte ich eigentlich gar nicht erwähnen. An der gesperrten Kreuzung schaltet sie immer in den Leerlauf - aber dann das Anfahren! AU! Es krachte in meinem Getriebe - ein Mensch wäre bei diesem Schmerz fast ohnmächtig geworden! Das hatte verdammt weh getan! Ich nahm alle Kraft zusammen und schaffte es gerade noch bis zur Zapfsäule.
"Ennio! Was ist los mit dir?" Margit war ehrlich besorgt. "Jetzt kriegst du zuerst mal was zu trinken, dann schiebe ich dich von der Zapfsäule weg, gehe zahlen und schau mir die Sache an."
Gesagt, getan. Margit fütterte mich mit diesem herrlichen, wohlschmeckenden Sprit. Es war ein Trost, aber ich konnte ihn nicht genießen. Ich fühlte mich schrecklich, die Schmerzen in meinem Getriebe nahmen überhand. Margit strich vorsichtig über meinen wackelnden Kupplungshebel. "Ennio, leider kann ich überhaupt nichts machen, weil ich nichts davon verstehe. Ich ruf besser den ÖAMTC. Du mußt keine Angst haben!" Wenn sie es sagt… Dann ging sie in den Kiosk. Daß Margit ausgerechnet heute ihr Handy zu Hause vergessen hatte, bekam ich nur am Rande mit. Die nette Dame an der Tankstelle borgte ihr ein Handy, damit Margit Hilfe für mich besorgen konnte.
Bis der ÖAMTC kam, dauerte eine gefühlte Ewigkeit. Der Schmerz in meinem Getriebe hatte sich ein wenig beruhigt. Der ÖAMTC-Mann untersuchte mich. "Hier kann ich gar nichts machen", bekannte er, "wenn es blöd hergeht, hat das Getriebe was, und das wird teuer. Das Motorrad muß abgeschleppt werden."
Ich hörte, wie der ÖAMTC-Mann den Abschleppdienst rief. Je mehr der Schmerz in meinem Getriebe abebbte, desto stärker wurde in mir die Angst: Angst, daß mein Leben nach 41.000 Kilometern zu Ende sein könnte. Wer weiß - vielleicht kann sich Margit meine Reparatur nicht leisten?
Als der Abschleppwagen vom ÖAMTC eintraf, war meine Panik auf dem Höhepunkt. Würde ich jetzt in die Schrottpresse wandern? Nein, beruhigte ich mich selbst, Margit hat mich doch vorhin noch gestreichelt und mir Mut zugesprochen! Nein, nein und nochmals nein, sie ist doch kein falsches Luder!
Der Mann vom ÖAMTC führte mich auf die Laderampe des LKW. Brummi stellte ganz vorsichtig seine Ladefläche gerade und der Mann vom ÖAMTC sicherte mich. Dann ging es heimwärts. Als mich der ÖAMTC-Mann vor Margits Haustüre gleich gegenüber von Strolchis Parkplatz setzte, hatte ich mich einigermaßen beruhigt.
Ich klagte Strolchi mein Leid. "Ennio - jetzt mal Klartext", beruhigte mich mein Freund und Benzinbruder, "Wenn dein Getriebe krank ist, ist das wirklich eine schwere Krankheit, aber man muß nicht daran sterben. Wenn es an Margit liegt, daß Du weiterleben kannst, dann wirst du weiterleben, da fährt der Güterzug mit 100 Waggons drüber, und du wirst im nächsten Jahr mit Margit zum Nordkap fahren."
"Wieso kannst du da so sicher sein? Wenn meine Reparatur ihre finanziellen Möglichkeiten übersteigt?" Zu meiner Angst und meinen mittlerweile erträglichen Schmerzen gesellte sich die Verzweiflung.
"Ennio - vor 13 Jahren war ich genau in der gleichen Situation, in der du jetzt bist, vielleicht war ich sogar noch ein bisserl beschissener dran. Es war ein Auffahrunfall. Mir ist einer mit 70 Sachen voll ins Heck geknallt. Zum Glück hat der Airbag nicht ausgelöst und Margit ist nichts passiert. In der Werkstätte haben sie gesagt, ich sei ein wirtschaftlicher Totalschaden und haben ihr ein neues Auto angeboten. Aber Margit wollte kein neues Auto, sie hat darauf bestanden, daß man mich repariert. Also, Ennio, beruhige dich. Margit ist nicht wie alle anderen. Ich weiß, daß Margit ohne Wenn und Aber zu dir hält, und das solltest du auch schon wissen."
Obwohl ich noch Todesängste litt, erwachte in meinem Motorenherzen die Zuversicht: Ja, wenn Margit in einer ähnlichen Situation zu Strolchi gehalten hat, wird sie bestimmt auch zu mir halten.
An diesem Nachmittag schaute Margit öfter als sonst nach mir. Allmählich legte sich auch meine Todesangst. Irgendwann schlief ich ein…
                                                                                3. August
Heute hätte ich Margit zur Therapie nach Bad Deutsch Altenburg gebracht. "Ich paß schon auf unsere Margit auf", versprach mein Freund und Benzinbruder Strolchi, "und vor allem schau ich, daß sie ihr Handy nicht vergißt!" Kaum hatte Strolchi das ausgesprochen, kam Margit schon gelaufen. Klar, daß sie zuerst mich begrüßte. "Also, Ennio, unser Strolchi bringt mich jetzt zur Therapie, und weil ich immer zwischen Ankunft und Therapie Zeit habe, werde ich für dich mit der Werkstätte alles klar machen, daß wir bald wieder auf Lepši fahren können." "Welche Werkstätte?" wollte ich wissen. Irgendwie hatte ich das unbestimmte Gefühl, daß bei meinem letzten Check ein Fehler passiert war, aber hundertprozentig sicher war ich nicht. "Norbert hat mir die Telefonnummer von einer Werkstätte gegeben, wo seine Motorräder immer waren", antwortete Margit, "der Mechaniker soll einsame Spitze sein!" Ja, den Norbert kenne ich, das ist der Mann von Claudia, und der ist schwer in Ordnung.
Meine Frage, was das alles kosten sollte, beantwortete sie mit einem Achselzucken und einem:  "Null Ahnung!"
Am Nachmittag kam ein Auto, das mich ins Krankenhaus - pardon, in die Werkstätte - brachte. Der Fahrer bewegte meinen Schalthebel - au, so ein Mistkerl! Der hatte mir aber ordentlich weh getan! Und er sagte ganz böse Dinge, wie: es wäre besser, ein neues Motorrad zu kaufen, ich hätte im jetzigen Zustand nur einen Wert von vielleicht 200 Euro…
Margit sagte nichts - aber ihr Blick sprach Bände. Gut, daß man mit Blicken nicht töten kann.
                                                                                                                    4. August
In der Werkstätte hatte ich einen Platz bekommen, wo ich sehr gut alle Telefonate mithören konnte. Der Meister untersuchte mich: Der Zahnriemen war gespannt wie eine Gitarrensaite, nicht mehr zu retten, und die dazugehörige Scheibe war auch kaputt! Dadurch hatte die Welle etwas abbekommen. Jetzt hatten wir die Kacke am Dampfen!
Am Nachmittag rief Margit an und erkundigte sich nach mir. Der Meister erklärte ihr meine Krankheit: Die Scheibe kostet dies, der Riemen kostet das, und die Arbeitszeit - als ich "zusammen maximal 850 Euro" hörte, traf mich fast der Schlag. Ich konnte nicht hören, was Margit dazu sagte, aber nach einer kurzen Pause antwortete der Meister: "Gut, dann werde ich die Teile bestellen." Das rührte mich zu Tränen. Einzig und allein die Anmerkung, Margit müsse nicht anrufen, er, der Meister, werde sie anrufen, störte mich ein bißchen.
Andererseits: Hier sind viele Motorräder genau wie ich im Krankenstand. Wenn bei jedem der Chef oder die Chefität anruft, käme der Meister gar nicht mehr zum Arbeiten…
                                                                                 7. August
Heute hat Margit mir einen Krankenbesuch abgestattet! Meine Margit ist doch eine ganz listige Füchsin, sie mußte selbstverständlich ihren Sturzhelm hier in die Werkstätte bringen, damit sie ihn nicht vergißt! Ja, natürlich muß man sich dann um das arme Motorrad kümmern! Und einen Öl- und Ölfilterwechsel hat sie auch für mich geordert. Meine Margit ist die Beste!
Natürlich hat sie mir die neuesten Neuigkeiten erzählt. Das wichtigste: Die schreckliche Umleitung von Wildungsmauer nach Bad Deutsch Altenburg wurde eine Woche früher als erwartet aufgehoben. Ich freue mich schon, wenn ich meine Margit wieder nach Bad Deutsch Altenburg begleiten kann…
Daß der Meister belächelte, weil Margit mich streichelte und mit mir plauderte, störte uns nicht. Manche Menschen haben ja keine Ahnung…
                                                                                                                    8. August
Jetzt bin ich schon eine ganze Woche im Krankenstand. Ich könnte heulen! Aber heute habe ich eine SMS von Strolchi bekommen:
>>Mein lieber Ennio, ich bin es - Strolchi. Ich hab dir versprochen, auf unsere Margit gut aufzupassen, und damit sie nicht depressiv wird, habe ich sie heute nach Maissau in die Amethystwelt abgeschleppt. Das Maissauer Bergl, vor dem sich ihre Trucker-Kollegen immer gefürchtet haben, ist entschärft, es gibt eine Umfahrung. Aber zur Amethystwelt muß man übers Maissauer Bergl fahren! Ich kann dir nur sagen, für unsere Margit war das Nostalgitis in Reinkultur! Hier hat sie ihren Trucker-Kollegen immer geholfen. Unten bei der Kreuzung war eine Ampel, und wenn die auf rot stand und sie stehen bleiben mußten, konnte man zu wenig Schwung nehmen. Klar, daß sie bei Schneefahrbahn über das kurvige Maissauer Bergl mit ihren Brummern hängengeblieben sind. Wie man das Problem löst, hat sie von ihrem Papschi gelernt, damals, lange bevor wir geboren wurden. Die Ampel gibt es heute nicht mehr.
In der Amethystwelt hat unsere Margit selbstverständlich nach Amethysten geschürft und auch ein paar hübsche Steinchen gefunden. Ich zeig sie Dir:
Margits Beute
Am Rückweg hat sich Margit beim Schmid noch ein Amethyst-Eis und eine Halbe Soda genehmigt. Natürlich wird das Amethyst-Eis nicht aus Amethysten, sondern aus Blaubeeren gemacht!
Amethyst-Eis
Sobald Margit ihre Zeche bezahlt hatte, ging es weiter. Zum Glück hat die das Oldtimer-Museum in Heldenberg nicht bemerkt.
Eigentlich wollte sie sich beim Merkur in Stockerau Ost noch ein gekühltes Kriminalwasser genehmigen. Stattdessen hat sie Wunderlinge gekauft. Die schauen so ähnlich aus wie Pfirsiche, es sind auch Pfirsiche, aber sie schauen ein bisserl anders aus als die sch….laue EU vorschreibt.
Allmählich ging es auf 15°° Uhr zu. Die Temperatur war mittlerweile auf 38°C gestiegen. Zwischendurch hatte ich beobachtet, daß Crash-Eis aus einer Vitrine vor dem Eingang entsorgt worden war. Margit hat das auch bemerkt, wie denn nicht!
 Ennio, Du kennst doch unsere Margit, der fällt immer eine Verrücktheit ein:
Herrliche Erfrischung!
Ennio, mein bester Freund und Benzinbruder, brauchst Du noch einen Kommentar? Wenn unserer Margit einmal kein Blödsinn einfällt, dann ist sie's nicht! Sie war jedenfalls sehr zufrieden, als sie wieder zu mir kam! Wir konnten sehr entspannt nach Hause fahren!<<
                                                                               14. August
12 Tage, nachdem ich krank geworden war, wurde auch Strolchi krank. "Mein Kurbelwellensensor ist kaputt", mailte mir mein Freund und Benzinbruder, "aber Norbert hat sich schon der Sache angenommen!"
"Norbert ist doch kein Mechaniker," wandte ich ein, "der ist Elektriker, ein Meister in seinem Fach!"
"Norbert kennt viele Leute", beruhigte mich mein Freund und Benzinbruder Strolchi, "er kennt auch den Mechaniker, der dich gesund machen wird." Daher also wehte der Wind.
Trotzdem hatten wir die Kacke am Dampfen! Wir machten uns beide Sorgen um unsere Margit. Ich im Krankenhaus - pardon, in der Werkstatt, Strolchi krank - ich kenne meine Margit doch schon zu genüge, wenn wir beide krank sind, ist sie sehr, sehr traurig, um nicht zu sagen, sie dreht am Stand durch! Zum Glück gibt es aber Claudia und Norbert, Margits beste Freunde!
Obwohl es eine Hitze hatte, daß der Asphalt Blasen warf und - pardon - die Hundepisse in den Blasen kochte, telefonierte Norbert in der ganzen Gegend herum, um den Kurbelwellensensor für Strolchi aufzutreiben! Und er schaffte es! Am Montag holte er den Kurbelwellensensor ab. Am Nachmittag kam Martin, seines Zeichens Vater von Claudias Enkelkind Benji, und begann zunächst einmal Strolchis defekten Kurbelwellensensor auszubauen. Das war schwieriger als gedacht. Was dann kam - ich wage Strolchis Erklärungen nicht wörtlich wiederzugeben, ich bin ohnedies schon rot genug! Nur soviel: Murphys Gesetz war voll in Aktion: Was schief gehen kann, wird auch schief gehen.
Aber glücklicherweise war Strolchis Operation am Dienstagabend erledigt, und am Mittwoch konnte er unsere Margit schon nach Znojmo verschleppen. Schließlich kennt mein Freund und Benzinbruder Strolchi jede Menge Autos, denen er von seiner Operation erzählen muß!
Zu seinem Leidwesen kam Strolchi nicht oft dazu, an diesem 19. August 2015 von seiner Operation zu erzählen, der 19.8. ist nämlich ein geschichtsträchtiger Tag: Am 19.8.1989 fand am Neusiedlersee das Europapicknick statt, in dessen Verlauf jede Menge DDR-Bürger über Ungarn nach Österreich abhauten. Das, und hauptsächlich das, war unter den tschechischen Autos Thema.
Während unsere Margit Strolchi trösten mußte, daß sich so gar niemand für seine Operation interessiert hatte, hatte Norbert Nägel mit Köpfen gemacht! Er hatte den Meister besucht und ihn gefragt, warum ich noch nicht bei meiner Margit sei: "Peter, das ist nicht nett von dir: Da schick ich dir einen Kunden, und du kümmerst dich nicht!" flaxte Norbert. Der mit Peter Angesprochene flaxte zurück, versprach aber, sobald mein Riemen angeliefert war, mich gesund zu machen.
Ja, am gleichen Tag kam mein Riemen, und am Abend konnte ich hören, wie der Meister meine Margit anrief: "Das Motorrad ist fertig!" Ich konnte nicht alles hören, was besprochen wurde, nur so viel: Margit würde mich morgen abholen!
                                                                                                                 20. August
Norbert hatte meine Margit mit seinem Auto zur Werkstätte gefahren, kam aber nicht mit, weil Claudia zu Hause schon mit dem Essen wartete. Margit begrüßte mich überschwänglich, sie streichelte mich, bevor sie das Geschäftslokal betrat und sich von ihrer Barschaft trennte. Selbstverständlich zeigte ihr der Meister die Scheibe und den schadhaften Riemen: Ein Stein oder sonstwas hatte sich in den Riemen gebohrt, und das hatte so arg weh getan.
Margit hatte gelöhnt und den Grund für meine Krankheit erforscht, also konnten wir nach Hause fahren!
Morgen darf ich endlich wieder mit meiner Margit nach Deutsch Altenburg fahren und das neue Straßenstück begutachten…


09) Die Batterie ist im Eimer...

9. Kapitel:
Die Batterie ist im Eimer

Sonntag ist Wellnesstag! Ich freue mich jedes Mal, wenn meine Margit mit ihrem Plastikstockerl und dem vollgefüllten Kübel mit den feinen Wellnessprodukten wie Lederpflege, Lackpflege und Chrompflege zu mir kommt. Während Margit mich hegt und pflegt, plaudern wir und planen, was wir in der kommenden Woche anstellen möchten.
Igitt! Sie poliert schon wieder meine Auspuffrohre! Himmel, Donnerwetter, das kitzelt! Jetzt hat sie es bemerkt! "Siehst Du, Ennio, so wie Dir geht es mir bei der Fußpflege! Das kitzelt auch, ich empfinde das als angenehm und könnte schnurren wie ein Kätzchen!" Ich hatte verstanden. Meine zwei Auspuffrohre sind doch nicht mit dem Rohr, das Menschenmänner haben, vergleichbar. Naja - kleine Babymopeds entstehen sowieso bei der Starthilfe.
Nach einer Zeit des Genießens räumte meine Margit meine Wellnessprodukte in den Kübel, trug selbigen und das Stockerl hinauf in ihre Wohnung und kam wieder zu mir zurück. Jetzt wollte ich endlich mein Frühstück haben! "Scheiße zum Quadrat", flucht Margit, irgendetwas stimmte mit meiner Batterie nicht!
Margit versuchte nur zweimal - einmal mit Choker, einmal ohne - mich zu starten. Dann kramte sie ihr Handy aus dem Hosensack und brüllte nach dem ÖAMTC. Naja - gebrüllt hat sie nicht gerade, sie hat ihre/n Gesprächspartner/in ganz höflich gebeten, einen Pannenhelfer vorbeizuschicken: "Ich habe immense Startprobleme!" Wieso sie? Die Startprobleme hatte doch ich! Ich bin sicher, sie hat zu Hause genug von ihrem Schönheitswässerchen geschlappert, da kommt sie gut auf Touren! (Strolchi hat mir verraten, daß meine Margit täglich eine Riesenmenge eisgekühlten Kaffee trinkt; von kaltem Kaffee wird man bekanntlich schön. Wenn Margit über dieses Thema eine Predigt hält, sagt sie meistens: "Entweder ist das ein Aberglaube, oder ich sollte mal überlegen, wie ich aussehe, wenn ich keinen kalten Kaffee trinke." Meistens hat sie die Lacher auf ihrer Seite, und deshalb sagt sie es ja.)
Der Pannenhelfer kam in Rekordzeit. Sofort machte er sich daran, meine Batterie durchzumessen. Was ich befürchtet hatte, wurde zur Wirklichkeit: Eine Zelle war hinüber. Und der ÖAMTC hat keine Ersatzbatterien für Motorräder.
"Ennio, mein Schatz", tröstete Margit mich, "jetzt haben wir wieder mal die Kacke am Dampfen. Du hast selbst gehört, daß dein Ex-Chef gesagt hat, die Batterie wird demnächst den Geist aufgeben. Jetzt ist es so weit. Sobald Du wieder laufen kannst, bekommst Du, je nach Tageszeit, ein ordentliches Frühstück oder Mittag- oder Abendessen. Aber zuerst brauchst Du eine neue Batterie, und die kann ich dir leider erst morgen besorgen!" Obwohl niemand etwas dafür konnte, ärgerte ich mich gewaltig und ließ meinem Ärger freien Lauf.
Nach einiger Zeit schien es Strolchi zu viel zu werden: "Ennio, heute ist Sonntag, da sind in Österreich alle Geschäfte zu, und in Tschechien - nun, Margit würde ich mit ihrem Tschechisch nicht raten, eine Batterie für Dich zu kaufen! Aber morgen sind die Geschäfte wieder offen, und spätestens am Nachmittag haben wir eine Batterie für Dich besorgt!" Er ist wirklich ein wundervoller Freund, mein Benzinbruder Strolchi.
Obwohl eigentlich ich an der Reihe gewesen wäre, mußte nun Strolchi meine Margit zuerst zur Therapie nach Bad Deutsch Altenburg und dann zu dem Geschäft bringen, wo es so viele Motorradbatterien gibt, daß sie verkauft werden müssen. Aber leider: Schon wieder konnte ich nicht loszwitschern! "Ennio, ich hab die beste Batterie besorgt, die du brauchst", erklärte Margit, "leider muß ich sie erst befüllen und laden." "Und warum hast du keine gebrauchsfertige genommen?" reklamierte ich.
"Ennio, ich kenne das Geschäft, wo ich Deine Batterie gekauft habe, sehr gut, es ist vertrauenswürdig. Aber ich kenne mich mit Batterien nicht besonders gut aus. Ich denk halt, eine frisch befüllte Batterie ist besser als eine, die schon lange im Geschäft herumsteht, auch wenn sie nur vorgeladen ist." Das sah ich ein.
Margit holte ihr Einkaufswagerl und füllte es mit der Batterie, Batteriesäure und einem neuen Ladegerät an. Und ich konnte nur warten!
Bei unserer allabendlichen Konferenz fragte ich Margit, warum denn das mit meiner neuen Batterie so lange dauert. "Ennio, alles braucht seine Zeit." Großartige Erkenntnis! "Ich gebe zu, ich hatte so meine Schwierigkeiten mit dem Befüllen der Batterie, aber ich hab es geschafft. Jetzt hängt die Batterie am Ladegerät. Es ist ein besonders gutes Ladegerät, weil die Batterie langsam geladen wird. Dadurch hält sie länger."
Das sah ich ein. Ich hab auch nicht mehr vor mich hingeflucht, sondern brav geschlafen, bis meine Margit in der Früh wieder zu mir gekommen ist!


10) Ennio vor der Apotheke

10. Kapitel:
Ennio vor der Apotheke

Jetzt war die Sache mit der Batterie endgültig ausgestanden: Unsere ganze Familie - Margit, Strolchi und letztlich auch ich - hatten zusammengehalten und letztendlich alles wieder ins rechte Lot gerückt. Dann hatte Margit den ÖAMTC gerufen, ein netter Pannenfahrer hatte meine Batterie fachgerecht montiert, und weil ich so brav gewesen war und gar nicht geschimpft hatte, hatte mich der Herr Brunner noch fünf Liter Super-Bleifrei schlappern lassen.
Aber mit 5 Litern ist mein Tank noch nicht voll. Das sagte ich meiner Margit sehr deutlich, sie kann mich ja nicht verhungern und verdursten lassen! "Ich mach dir einen Vorschlag, Ennio: Wir fahren zuerst zur Apotheke, und dann kriegst du ein gepflegtes Frühstück. Ist das OK für dich?"
Und ob das OK war! Nur: Was, zum Kuckuck, sollte die Apotheke sein? "Ich hab mal gehört, daß die Pferde vor die Apotheke kotzen gehen! Meine 50 Pferdchen müssen aber gar nicht kotzen!" Darauf bekam meine Margit einen regelrechten Lachkrampf! "Nein, Ennio", antwortete sie mir unter Lachtränen, "das ist doch nur ein Sprichwort! Meistens heißt es: >Ich hab schon Pferde vor der Apotheke kotzen sehen<. Und dieses Sprichwort drückt aus, daß man irgend etwas für ganz und gar unmöglich hält. Motorräder und Autos sagen in diesem Fall, der Leukoplastbomber singt eine Opernarie!" 
"Jetzt hast du mich auch neugierig gemacht", mischte sich mein Freund und Benzinbruder Strolchi ins Gespräch, "woher kommt denn diese Redensart? Ich hab gehört, Pferde können gar nicht kotzen!"
"Das stimmt, Strolchi", antwortete Margit, "daß Pferde nicht kotzen können, ist anatomisch bedingt. Bei Pferden sitzt zwischen Magen und Speiseröhre ein Schließmuskel, der die Bewegung des Speisebreis nur in eine Richtung zuläßt. Dazu kommt noch der lange Hals. Das alles verhindert, daß Pferde kotzen. Dadurch kommt es auch oft zu Koliken. In extremen Fällen, wenn der Darm des Tieres total verstopft ist, kann auch ein Pferd kotzen - allerdings nicht durch das Maul, sondern durch die Nasenlöcher. Aber kaum ein Tierarzt hat sowas mit eigenen Augen gesehen."
"Aber was hat das mit der Apotheke zu tun?" Wenn schon, dann wollte ich alles wissen! "Die Apotheke dient in dieser Redensart wohl nur zur Unterstreichung der Unmöglichkeit - wo doch in der Apotheke die Heilmittel parat wären!"
"Und was ist jetzt die Apotheke", wollte ich wissen, "müssen wir jetzt nach Znojmo fahren?"
"Aber nein, Ennio", beruhigte mich Margit, "Meine Lieblingsapotheke ist gar nicht weit von hier! Und weil Du alles genau wissen willst: Apotheke nennt man ein Geschäft - und jetzt kehre ich mal den Hobbyjuristen heraus - also, als Apotheke wird heute ein Ort bezeichnet, an dem Arzneimittel und Medizinprodukte abgegeben, geprüft und manchmal auch hergestellt werden. Soweit der Gesetzestext.
Das Wort 'Apotheke' kommt vom griechischen ἀποθήκη, gesprochen 'apothiki', und bedeutet wörtlich Aufbewahrungsort für Vorräte allgemein, besonders aber für das Weinlager, wo der Wein in Amphoren aufbewahrt wurde. In Klöstern wurde so oder auf Lateinisch 'apotheka', der Raum zur Aufbewahrung von Heilkräutern bezeichnet."
Jetzt war ich aber gespannt! Margit startete mich an, und schon ging es durch die ewiglange 30er-Zone in Richtung Bandl - womit ich hier die A2 -Südautobahn - meine. Aber bereits nach der zweiten Querung der Straßenbahnschienen wurde unsere Fahrt ein bißchen illegal - aber nur ein kleines bißchen! Anstatt die Straße wie üblich geradeaus zu fahren, bog Margit rechts ab und lenkte mich über eine Abschrägung und zwischen zwei Stangen hindurch auf einen riesigen Platz. Kupplungsseitig sah ich ein Kaffeehaus, vor dem einige seltsame Gestalten ihr Gesöff genossen, danach eine Bank und dann folgte ein Geschäftslokal, über dem groß und deutlich Wienerberg-Apotheke stand! Margit stellte meinen Motor ab, setzte mich auf meinen Ständer und stieg von mir ab. Wie eine Wrestler-Königin durchschritt sie die Türe. Was weniger königliches Benehmen war: meine Margit rief lauthals in die Apotheke hinein: "Will jemand das beste, schönste, effektivste Antidepressivum anschauen, das keine Krankenkasse verschreibt?" Postwendend kam ein junger Mann im weißen Apothekerkittel heraus und schaute mich bewundernd an. Selbstverständlich mußte meine Margit meine technischen Daten herunterbeten, und danach war natürlich Motorradfahrerlatein angesagt!
Dann mußte Margit noch ein Rezept über Metformin einlösen. Das gefällt diesem Allerwertesten Herrn Diabetes überhaupt nicht, er zieht sich schmollend zurück. Und das ist gut so. Mir war sonnenklar: Meine Margit hatte sich wieder einmal mit mir geschmückt! Und das freute mich.
Jetzt noch ungefähr 500 Meter - dann konnte ich mir den Tank mit einem ganz feinen Sprit vollschlagen. Margit führte mich von der Zapfsäule weg und betrat den Kiosk. Schließlich sind wir keine Zechpreller…