Sonntag, 18. Oktober 2015

1.) Ein Motorrad namens Ennio





1. Kapitel:
Ennio - das erste Kennenlernen

Gestatten - ich bin Ennio.



Eigentlich bin ich ein Kawasaki-Motorrad EN500A, Baujahr 1994. Somit bin ich großjährig und dürfte rein theoretisch allein zur Tankstelle laufen und mich mit 11 Liter Normalbenzin vollrinnen lassen! In der Praxis sieht das anders aus: Leider muß man den Sprit, den man konsumiert, auch bezahlen. Wenn man nicht zahlt, ist man ein Zechpreller. Das wird in Österreich gemäß §146 StGB als Betrug gewertet und bestraft. Darum ist es besser, man nimmt jemanden mit, der einen "auf ein Trankl" einlädt.
Meine Brüder und Schwestern der Baureihe EN gehören genau wie ich der Familie der "Chopper" an. Was das bedeuten soll - keinen blassen Schimmer! Mein Freund und Benzinbruder Strolchi hat mir geraten, Margit zu fragen, weil die alles weiß. Das hätte ich besser nicht gesagt! Die Folge war, daß Margit eine ihrer berühmt-berüchtigten Reden hielt:
"Ennio, du darfst Strolchi nicht alles glauben, was er über mich sagt. Er liebt mich von ganzem Herzen. Seit ich ihm viel über einen Nationalhelden seines Geburtslandes erzählt habe, glaubt er, ich hätte die Weisheit mit dem Löffel gefressen. Es gibt keinen Menschen, der alles weiß. Schon mein Papschi hat gesagt: >Du mußt nicht alles wissen. Es genügt, wenn du weißt, wo du nachschauen kannst!< Ich werde nachsehen, was Chopper bedeutet."
"Dein Papschi war bestimmt ein weiser Mann", antwortete ich.
Margit hat nachgesehen - das englische Wort "Chopper" bedeutet Hubschrauber - oder Hackbeil. Nun war ich so klug wie zuvor, aber Hubschrauber gefällt mir eindeutig besser als Hackbeil.
Es gibt Leute, die behaupten, ich sei mit einer Sitzhöhe von 715 mm "klein". Früher hat mich das sehr gestört, aber seit ich eine richtige Frau bekommen habe (als Chefität, was glaubst Du denn!), kratzt mich das gar nicht mehr! (Margit ist auch sehr klein, sie mißt vom Scheitel bis zur Schuhsohle gerade mal 1.580 mm. Das ist ohnedies 865 mm höher als ich. Was sie antwortet, wenn man sie auf ihre Kleinheit blöd anredet, möchte ich lieber nicht wiederholen, ich bin sowieso schon rot genug.) Dafür bin ich 2.280 mm lang, mit einem Radstand von 1.545 mm. Will man meine Länge mit der von Margit vergleichen, so bin ich genau 700 mm länger als Margit. So gleicht sich alles aus. Wo Margit ihren Radstand hat und wie groß der ist, konnte sie mir nicht beantworten.
Was mich betrifft: Mit meinen 499 Kubik und 50 Pferdchen im Zylinder bring ich schon was weiter! (Daß man heutzutage die Stärke in Kilowatt angibt, gefällt mir nicht so besonders, das sind nämlich nur mickrige 37 kW.) Dabei könnte ich lockere 160 km/h fahren, aber leider hat Margit das verboten. Naja - sie wird schon ihre Gründe dafür haben, und seien es nur finanzielle.
"Ennio", wirft mein Freund und Benzinbruder Strolchi ein, "erstens: Deine Bauartgeschwindigkeit beträgt 135 km/h. Du hast es nicht nötig, mit einer Geschwindigkeit anzugeben, die man sowieso nicht fahren darf. Und zweitens: Es sind nicht nur finanzielle Gründe, daß Margit dich keine 160 laufen läßt! Zu den finanziellen: Beim ersten Mal sind 50 Euro fällig, die wir besser an der Tankstelle versaufen können! Wenn es öfter passiert, wird es definitiv teurer, es könnte sogar sein, daß man unserer Margit den Führerschein abnimmt, und das wäre ganz schlimm! Nicht zuletzt solltest du bedenken, was für schlimme Unfälle durch das zu schnelle Fahren geschehen. Glaub mir, es ist besser, wenn unsere Margit dich nicht so schnell laufen läßt. So kommt ihr sicher und gesund wieder nach Hause!"
 Wie dem auch sei: Wo Strolchi recht hat, hat er recht.
Mit meinen stolzen 209 kg bin ich wirklich ein fescher Bursche! Und daß ich nicht heiß gehe, hat mein Zweizylinder-Viertaktmotorenherz eine Wasserkühlung. Im Gegensatz zu mir hat Margit, wenn sie heiß geht, die Schimpfwort-Kühlung. Strolchi findet das sehr lustig, weil er es schon erlebt hat. Ich habe Margit in der kurzen Zeit, in der wir uns kennen, noch nie so richtig herzhaft schimpfen gehört. Sie singt lieber von weißen Rosen aus Athen, von Landstraßen, die sie nach Hause geleiten und von dem wandernden Stern, unter dem sie geboren ist. Ich mag es, wenn Margit singt. So lang sie nicht pfeiftL… Mein Zweizylinder-Viertakt-Motorenherz schlägt nur noch für sie. Aber das war nicht immer so…
Als mir mein Chef im Juni 2015 eröffnete, daß er sich von mir scheiden lassen will, war ich sauer. Stinksauer, um genau zu sein. Und jener schicksalsträchtige 19. Juni schien dem Faß den Boden auszuschlagen! Dabei fing es relativ harmlos an: mein Chef startete mich, fuhr die paar Meter bis zur Kirche, kokettierte mit einem roten Škoda Fabia, der Fabia kokettierte zurück und verfolgte uns bis nach Hause!
Oh Gott! Was war denn das für ein Urviech, das der Fabia ausspuckte?! Dieses ziemlich kurz geratene Urviech steckte in schwarzen Jeans, die ständig über ihren Hintern rutschen wollten. Das sah doch wahrhaftig so aus, als wollte sie der schnöden Welt etwas mitteilen, das man nicht in Worte faßt! Ihre schwarzen Schuhe wirkten, drücken wir es mal so aus, ziemlich ausgelatscht. Auf ihrem schwarzen T-Shirt prangten ein LKW, der Schriftzug "Jack Daniels" und eine Whiskyflasche. "Scheiß-Alkohol", dachte ich bei mir, "Whisky und LKW! Das paßt doch gar nicht zusammen, das darf doch wohl nicht wahr sein!"
Dann war meine ganze Aufmerksamkeit gefragt, das Urviech verhandelte mit meinem Chef! Und als sei der Kalamitäten nicht schon genüge getan, erklärte das Urviech, sie wolle mich für sich und nicht für ihren Mann haben! Da schieß doch einer alle Schrauben durch den Wind! Eine Frau! Wie schrecklich!
Das bemerkte der Fabia, der neben mir stand: "Hallo", rief er mir zu, "ich bin Tulačik - du kannst aber gerne Strolchi zu mir sagen, das ist einfacher! Vor Margit brauchst du dich nicht zu fürchten, die kann alles fahren, was Räder hat - vorausgesetzt ihr Führerschein ist dafür geeignet! Und Motorrad fahren kann sie, sie ist nur ziemlich aus der Übung. Aber trotzdem: sie war schon zweimal mit ihrem Motorrad Charly und einmal mit mir am Nordkap!"
In aller Eile erzählte mir Strolchi - oder Tulačik - was ich über das Urviech, das er Margit nannte, auf die Schnelle wissen mußte: Mit den ganz großen Brummern soll sie per Du sein, und - ich konnte es gar nicht glauben - die Regler einiger Uralt-Straßenbahnen und Dampflokomotiven soll sie auch schon in den Fingern gehabt haben! "Waaaaas? Den Dampflok- und Tramwayschein hat sie auch?" "Nein, das war nur im Rahmen einer Veranstaltung", klärte Strolchi mich auf, "dazu brauchte sie keinen Führerschein." Nanu - sollte ich mich in dem Urviech so getäuscht haben?
Einen Mann, wußte Strolchi zu berichten, hat sie nicht. (Warum sie keinen braucht, wage ich nicht in allen Einzelheiten wiederzugeben, ich bin schon rot genug. Das Harmloseste: Sie hat keine Lust, für einen Mann die Wäsche zu waschen, seine Hemden zu bügeln, ihm den Hintern hinterher zu tragen und zum Dank nach Strich und Faden belogen und betrogen zu werden. Über alle anderen Gründe breite ich lieber den Mantel schamhaften Schweigens.)
Ganz stolz war der Strolchi aber, als er erklärte, daß die Margit keinen Alkohol trinkt! Das ist schon mal ein Vorteil. Das T-Shirt mit der Whiskyflasche war eine Gratis-Beigabe, als Margit einige T-Shirts mit Motorrädern und LKWs auf dem Flohmarkt kaufte. OK, einem geschenkten Barsch schaut man bekanntlich nicht in die Kiemen.
Strolchi lobte seine Chefität in den höchsten Tönen, er war auch nicht eifersüchtig auf mich, im Gegenteil: Ich hatte das Gefühl, Strolchi wollte mich als Freund und Mitstreiter gewinnen. "Und fluchen kann sie", grinste Strolchi, "Ein rumä-nischer Brummifahrer, der beim Schmuggeln erwischt wird, klingt dagegen wie der Pfarrer bei der Morgenandacht! Was meinst du, woher ich meine herrlich-schamesrote Farbe habe?" Ich hab ja gewußt, daß Autos gerne grinsen, aber so hinterfotzig wie der Strolchi - das hatte ich noch nie gesehen! Allmählich legte sich mein Frust. Warum sollte ich es zur Abwechslung nicht mit einer Frau zu tun bekommen?
Unsere erste Proberunde war recht interes-sant. Ziemlich ungelenk und ungeübt hängte sie ihr rechtes Bein über meine Sitzbank, schob ihren Hintern nach und startete mich. Ich ließ es geschehen und wehrte mich nicht. Wenn ich sie abwerfe, stürze ich auch. Allerdings fürchtete ich auf den ersten fünf Metern, daß es bald warm und feucht über meine Sitzbank rieseln würde - aber dann schaltete sie, ohne meine Kupplung unnötig lange schleifen zu lassen, in die Zweite! Nach 10 Metern begann sie zwar leise, dafür grauenhaft mißtönend zu pfeifen. "Kannst du bitte aufhören", bat ich, "von deinem Pfeifen wird mir das Öl sauer und der Sprit flockt aus! Was pfeifst du da überhaupt?" "Das sollte das Thema aus dem Film >Für eine Handvoll Dollar< sein", erklärte sie, "Geschrieben hat diese Musik der italienische Komponist und Dirigent Ennio Morricone. Das muß im Jahre 1964 gewesen sein. Ennio Morricone ist für seine Musik in Western-Filmen bekannt. Wieso mir das gerade jetzt einfällt, kann ich mir nicht erklären. Und mit dem Pfeifen ist es aus, seit ich keinen einzigen Zahn mehr im Mund habe." "Entschuldige bitte", sagte ich etwas kleinlaut, "das wußte ich nicht!" "Macht nichts", erklärte sie freundlich. "Hauptsache, man merkt es beim Sprechen und Singen nicht." Uj - das war ja noch einmal gut gegangen! Über körperliche Gebrechen abzulästern ist ein absolutes No-Go! Aber sie war nicht sauer auf mich. Im Gegenteil!
Als sie mich nach einer ordentlichen Runde durch die Ortschaft vor dem Haus auf meinen Seitenständer stellte, etwas ungelenk von mir abstieg und fragte: "Magst du mich?" hätte ich vor Überraschung beinahe meine Zahnräder verschluckt: Sie betrachtete mich nicht als "Handelsware"! Aber was sollte, nein, durfte ich denn dann sein?
Sie hatte meine Überraschung richtig gedeutet: "Dann", erklärte sie, "gebe ich dir den Namen Ennio. Dein Namenspate soll Ennio Morricone sein, dessen Melodie mir zuerst in den Sinn gekommen ist, wie ich zum ersten Mal auf dich aufgestiegen bin!"
Kaum war sie mit meinem zukünftigen Ex-Chef im Haus verschwunden, erklärte Strolchi: "Du wirst ihr Freund sein, wie ich ihr Freund bin, und alles, was Du über sie wissen mußt, erzähle ich dir, wenn du zu uns kommst! Ich bin sicher, du wirst bald ein Wiener sein…."
Nach einiger Zeit ließ sie sich wieder blicken. Ich glaube, sie hat mit meinem zukünftigen Ex-Chef verhandelt. Sie machte noch ein paar Fotos vom Traktor Resi (Baujahr 1953) …  Ein paar Fotos von der "Stangl-Puch" (Schlurfrakete MV50), Baujahr 1973, meines zukünftigen Ex-Chefs… bevor sie sich verabschiedete. Sie legte eine Hand auf meinen Tank, lächelte mich an und sprach: "Eins weiß ich: Mit dir fahre ich nächstes Jahr zum Nordkap!"
Nordkap? Sagte sie wirklich: Nordkap? Ich glaube, in diesem Augenblick habe ich begonnen, sie zu lieben…


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