12. Kapitel:
Samstagsausflug
Das neue Straßenstück
zwischen Wildungsmauer und Petronell-Carnuntum war eine Woche vor dem
prophezeiten Termin fertig geworden. Sowohl Margit als auch Strolchi hatten mir
darüber berichtet. Am Freitag hatte auch ich das renovierte Straßenstück
begutachtet. Beide haben recht, schön glatt und gerade, relativ breit, gut
asphaltiert, mit gut sichtbaren Bodenmarkierungen ist es geworden. Solche
Straßen ohne Idioten wünscht man einander, wenn man auf Reisen geht.
Allerdings: die B9 ist eine öffentliche Straße; somit haben hier leider auch
Idioten Zutritt.
Ist es wirklich schon 20
Tage her, daß ich mit meiner Margit unterwegs war? Himmel, hab ich ein
Nachholbedürfnis! Einen Platz, wo Margit als Kind oft gewesen ist, hatten wir
besuchen wollen - und dann war ich krank geworden….
"Was meinst du,
Ennio", riß mich meine Margit aus meinen Gedanken, "Schauen wir uns
die Wiener Hütte an?"
"Klar machen wir
das", antwortete ich, "du hast gesagt, die Straße zur Wiener Hütte
ist ein prima Übungsgelände! Kannst du sie beschreiben?"
"Wen oder was - die
Straße oder die Wiener Hütte?" scherzte meine Margit. "Die Straße ist
am Anfang so steil, daß man schon verdammt steil sagen muß, und der
Straßenbelag ist löchrig. Man muß höllisch aufpassen, daß man nicht den Asphalt
küßt!"
Und dann manövrierte
meine Margit ihr rechtes Bein in gewohnt ungelenker Manier über meine Sitzbank,
schob ihren Hintern nach und startete mich an. Ich konnte es schon gar nicht
mehr erwarten! 20 Tage ohne einen einzigen Ausflug! Das hält doch niemand aus!
Schön gemütlich zuckelten
wir aus der Stadt hinaus, über die Ketzergasse auf die Kaltenleutgebener
Straße. Nicht weit entfernt von der Wiener Stadtgrenze rottete kupplungsseitig
ein aufgelassenes Zementwerk vor sich hin, während sich bremsseitig einige hohe
Häuser in den Hang schmiegten.
Noch trennten uns etliche
hundert Meter von der Zufahrt. Und dann sah ich die Tafel: Zur Wiener Hütte.
Margit reduzierte rechtzeitig vor der bremsseitigen Kurve meine Geschwindigkeit
- mit Recht! 30 km/h sind auf dieser Straße erlaubt, aber ich war ehrlich
gesagt froh, daß Margit gerade mal Gas für 15-20 km/h gab: Die
"Straße" ist ein notdürftig asphaltierter Waldweg, gerade mal so
breit wie anderthalb Autos und so unübersichtlich, daß man schon verdammt
unübersichtlich sagen muß. Bremsseitig gibt es nahe am Abhang vereinzelt
Ausweichbuchten. Früher, erzählt Margit, sind die Menschen über diesen Waldweg
zu Fuß zur Wiener Hütte gegangen, aber dann wollten auch Familien mit
Kinderwagen, Autos und Motorräder dorthin. Außerdem mußten Lebensmittel und
Getränke zum Lokal geschafft werden..
Plötzlich endete der
Wald, die Straße zog sich noch etwa 200 Meter zwischen Äckern entlang, und dann
sah ich sie: Die Wiener Hütte!
Die Wiener Hütte bei Kaltenleutgeben…
… liegt am Berg zwischen Kaltenleutgeben und Breitenfurt im Wienerwald.
Margit sagt, sie ist aus allen Windrichtungen auf Wanderwegen erreichbar.
Bis direkt
vor das Lokal fahren darf man nicht. Deshalb setzte mich meine Margit in den
Schatten eines Baumes:
"Bei den berühmt-berüchtigten Familienausflügen in den frühen
1950er-Jahren", erzählte Margit, "traf sich die Familie G., aus den
Bezirken Ottakring, Brigittenau und Meidling kommend, bei der Endstation der
Straßenbahnlinie 60 in Rodaun. Von dort weg wanderte man quer durch die Gegend,
unter anderem über die Ketzergasse durch steiles Gelände über Stock und Stein
zur Wiener Hütte. Meistens war ich schon am Ende der Ketzergasse müde. Das war
vielleicht ein schlimmer Fußmarsch, kann ich dir sagen, Ennio. Manchmal, daran
erinnere ich mich aber nicht gerne, gab es Tränen."
"Du scheinst dir überhaupt nicht viel aus Fußmärschen zu
machen", feixte ich.
"Ennio, ich war damals zwei oder drei Jahre. Erst neulich hab ich
im Internet gelesen, diese Wanderung ist für Kinder zwischen 2 und 3 Jahren
nicht geeignet. Aber damals hatte niemand daran gedacht, daß dieses steile
Gelände für Kleinstkinder ungeeignet ist. Außerdem waren die Kinder der Familie
G. - die beiden Richards, der Fredi, der Robert und meine Cousine Margit - alle
älter als ich. Ich weiß nicht, ob du dir das vorstellen kannst, daß wir
eigentlich nie gemeinsam gespielt haben. Ich war immer diejenige, der
vergackeiert wurde, deshalb spielte ich lieber allein. Aber was, Schwamm
drüber.
So, mein Schatz, jetzt werde ich mir die Nase mit einer Halben Soda
begießen und ein halbes Backhuhn schnabulieren!" Sprach's, und wandte sich
dem Gastgarten zu.
Juhu! Ich steh im Schatten!
Honda
Shadow meckert…
Hinter einer
Mülltonne hatte sich's eine Honda Shadow gemütlich gemacht, beobachtete die
Gäste und schimpfte gewaltig auf die Menschen, die an den Tischen im Gastgarten
ihr Bier tranken und hinterher mit ihren Autos wieder den Berg hinab fuhren.
Ein wohlgenährter Ziegenbock, der hinter einem Zaun unmittelbar neben dem Gebäude wohnt,
pflichtete ihr mit einem Seitenblick auf mich bei: "Gemeinheit ist, das,
die Menschen trinken Bier, und ich bekomme nicht einmal ein paar winzige
Leckerschmecker!" "Reg dich nicht auf, Kleiner", konterte ich,
"Meine Chefität trinkt nur Sodawasser!" "Aber sie könnte mir
trotzdem ein paar Leckerschmecker spendieren", meckerte Herr Ziegenbock,
"schließlich bin ich arm, unterernährt und hungrig!"
Herr
Ziegenbock ist ungnädig!
'Genau so
schaust du aus', dachte ich bei mir. Laut aber sagte ich: "Hör mal, wenn
meine Chefität dich füttern dürfte, bekämest du wirklich gute Leckerschmecker
von ihr. Leider steht ausdrücklich "FÜTTERN VERBOTEN" auf dem Schild,
und das hat seinen Grund: Es gibt nicht nur Menschen, die Tiere lieben und
deshalb informiert sind, was ein Tier naschen darf, es rennen viele böse
Menschen herum, die dir Sachen geben, die dir und deiner Familie schaden!"
Was der Herr
Ziegenbock darauf antwortete, wage ich nicht wiederzugeben. "Verdammter
Klugscheißer" war noch höflich. (Allgütiger, wie war ich froh, nicht einen
von Margits zahlreichen Lieblingssprüchen geklopft zu haben: >Es rennen mehr
Arschlöcher als Bürgermeister herum.<
In der Zwischenzeit hatte sich meine Margit auf einen
Platz im Schatten gesetzt und zunächst einmal ihre übliche Halbe Soda bestellt.
Leider gab es auf der Speisekarte kein Backhuhn. Deshalb mußte sie zu ihrem
größten Bedauern einen gebackenen Elektrikerfisch mit Erdäpfelsalat verzehren.
Was 'Elektrikerfisch' wohl ist? Das ist KABELjau!
Als meine Margit wieder zu mir kam, wollte ich etwas
wissen: "Margit, ich habe da vorhin etwas gespürt - was war das?
Erinnerungen?"
"Ennio, mein Schatz, du kennst mich so gut, daß
es schon unheimlich ist!" Sie schmunzelte. "Ja, hier in dem Gehege,
wo jetzt die Ziegen wohnen, wurden immer schon Tiere gehalten. Ich kann mich an
ein >Rehlein< erinnern. Später habe ich erfahren, daß alle Tiere in
diesem Gehege gesundgepflegt und aufgepäppelt worden waren. Natürlich konnte
man sie, da sie zu sehr an Menschen gewöhnt waren, nicht mehr in die Freiheit
entlassen."
"Das ist klar", entgegnete ich, "ich
hab mich diesbezüglich schlau gemacht: Ein Wildtier, das an Menschen gewöhnt
ist, kennt keine Scheu und läuft Gefahr, daß ihm Böses getan wird. Aber da war
noch etwas - bei dem aufgelassenen Zementwerk!" Ich ließ nicht locker.
"Ach ja, beim Zementwerk!" Ihr Blick
wanderte in weite Fernen. "Du weißt ja, mein Papschi war LKW-Fahrer wie
ich. Eines Tages, ich ging damals noch nicht zur Schule, fand er bei diesem
Zementwerk einen verletzten jungen Falken. Er brachte ihn mit nach Hause. Wir
nannten ihn Fritzi. Fritzi wurde mein ständiger Begleiter. Er liebte es, auf
meiner Schulter zu sitzen und die Welt von diesem sicheren Platz aus zu
beobachten.
Eines Tages sagte Papschi: >Der Fritzi ist jetzt
groß genug, daß er für sich alleine sorgen kann. Er braucht ein Gemäuer, wo er
sein Nest bauen kann.< Sehr genau kann ich mich an diesen Tag nicht mehr
erinnern. Wir fuhren mit der Straßenbahn nach Rodaun, wanderten bis zu diesem
Zementwerk - und dann flog Fritzi fort. Ich habe ihn nie wiedergesehen."
"Warst du traurig, daß Fritzi von dir weggeflogen
ist?"
"Am Anfang ja. Aber irgendwann habe ich
begriffen, daß es für Fritzi das Beste war, was ihm passieren konnte. Er war in Freiheit geboren, und in Freiheit sollte er leben."
Dann startete Margit mich an. Der asphaltierte Waldweg
hinunter zur Kaltenleutgebner Straße kam mir bergab noch schlimmer vor als
bergauf. Aber Margit schaffte das locker….
Wie war das mit den 15 Jahren, in denen sie kein
Motorrad unter ihrem Hintern hatte?
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