2. Kapitel:
ENNIO
ÜBERSIEDELT NACH WIEN
Seit
Anfang Juni 2015 war ich frustriert, weil sich mein damals noch zukünftiger
Ex-Chef von mir scheiden lassen wollte. Am 23. Juni hatte er die Scheidung
durchgezogen. Einerseits war ich verärgert und enttäuscht, andererseits hatte
er sowieso viel zu wenig Zeit mit mir verbracht. Die Familie, die Arbeit, das
Haus - so gesehen, konnte es nur besser werden. Um 16°° Uhr, hatte ich
erfahren, sollte Margit kommen und mich abholen. Ich weiß nicht, wieso ich so
sicher war, DASS sie kommen würde. Menschen brechen doch oft und gerne ihre
Versprechen. Sollte Margit etwa anders als alle anderen Menschen sein?
Es
sollte ein bißchen, dafür auf großartige Weise, anders kommen: Ich döste in
meiner Garage vor mich hin. Was sollte ich denn sonst tun? Es war knapp 12 Uhr
mittags - High Noon - als ich ihre Stimme hörte: "Ennio! Ich bin schon da!
So lang, wie es gedauert hat, dauert es nicht mehr!" Donnerwetter - konnte
sie es wirklich nicht mehr erwarten, bis wir zum ersten langen Trail aufbrechen
konnten, um, wie Strolchi vergangenen Freitag behauptet hatte, nach Hause, nach
Wien, zu fahren?
Ennio wartet gespannt….
Mein
Ex-Chef kam früher als geplant nach Hause und verzog sich mit Margit ins
Stüberl. Vermutlich hatten die beiden noch etwas Geschäftliches zu erledigen.
Daß er persönlich meine §57-Überprüfungsplakette und eine Autobahnvignette auf
mein rechtes vorderes Federbein klebte und mein neues Kennzeichen in die dafür
vorgesehene Halterung montierte und mir noch ein kleines Erste-Hilfe-Set schenkte,
versöhnte mich einigermaßen mit der Scheidung.
Ich
schielte irgendwie auf mein Kennzeichen: W-6BXT. Margit grinste, als sie es
sah. "Warum grinst du?" wollte ich wissen. "Die letzten beiden
Buchstaben", erklärte sie, "bezeichnet eine Motorradtype von Yamaha,
eine Enduro. W steht für Wien, und 6B gibt es sehr oft in Znojmo - allerdings
ohne W davor." "Das will ich selbst sehen", antwortete ich.
"Wirst du - ich brauch ohnedies bald wieder Zigaretten. Aber zuerst
schauen wir, daß wir nach Hause kommen!" Die Frage, was Znojmo mit
Zigaretten zu tun hatte, beantwortete sie nicht.
Und
dann ging es los! Ich konnte und wollte nicht verhindern, daß die 50 Pferdchen
in meinem Motorenherz freudig aufjubelten. Schließlich hatte ich beschlossen,
Margit zu mögen. Was blieb mir denn sonst übrig? Ich war ja jetzt mit Brief und
Siegel ihr Motorrad!
Wir
fuhren noch einmal die Strecke ab, die wir uns am vergangenen Freitag als
Proberunde ausgewählt hatten. Margit winkte meinem Ex-Chef zum Abschied, dann
ging es weiter.
"Ennio,
wir fahren zuerst über die Bundesstraße 46 und dann über die A5, die
Nordautobahn, Richtung Süden in dein neues Zuhause", erklärte sie mir.
Autobahn? Himmel, Donnerwetter, seit sieben Jahren hatte ich keine Autobahn
mehr befahren! Ich freute mich schon, wieder einmal ordentlich Gas geben zu
können, aber da sagte Margit zu mir: "Ennio - bitte auch am Bandl (gemeint
ist die Autobahn A5) nicht schneller als 80 km/h! Du weißt, ich habe 15 Jahre
Abstinenz hinter mir, und wir wollen doch beide gesund zu Hause ankommen!"
Nun,
an die 80 km/h hab ich mich gehalten - zumindest auf der Bundesstraße 46. Was
hat sie gesagt? 15 Jahre soll sie nicht mehr Motorrad gefahren sein? Das soll
ich ihr glauben? Da singt ja der Leukoplastbomber eine Opernarie! Es war sowas
von geil, wie sie in der Hüfte abknickte und sich in die Kurven legte! Plötzlich
störte mich nicht mehr, daß sie nicht gerade eine Schönheit, dafür ein
richtiges Urviech ist, ich bekam die ultimativen Gefühle der dritten Art!
Am
Bandl, wie sie sich ausgedrückt hatte, wollte ich es wissen: Ich vergewisserte
mich, daß sie nicht ständig meinen Tacho beobachtete, nahm einen ordentlichen
Schluck 95er-Sprit und lief "etwas" schneller. Die Strecke war gut
und frei, kaum Verkehr auf der A5! Mehr als 120 km/h wollte ich nicht
riskieren. Ich muß mir nicht gleich bei der ersten Ausfahrt eine Strafpredigt
einhandeln.
Margit
ließ mich gewähren. "Schaut so aus, als hättest du auch eine Abstinenz
hinter dir", schmunzelte sie. Daß sie mir erlaubte, ordentlich meinen
Auspuff zu putzen, war fein. Die Genehmigung zum etwas schnelleren Fahren dauerte
aber nicht lange: "Ennio, jetzt kommen wir zu einer riesigen, berüchtigten
Baustelle: der Praterbrücke. Bitte mach nur das, was ich dir sage und fahr
wirklich nur die erlaubten 60 km/h!" Und dann sah ich das Verkehrszeichen:
Höchste erlaubte Geschwindigkeit: 60.
Pfuideixel,
Geschwindigkeitsbeschränkung auf 60 km/h? Wozu soll das gut sein? Während sie
auf die Zweite zurückschaltete, erklärte sie: "Ennio - weißt du, was eine Section
Control ist? Da in Österreich deutsch gesprochen wird, sollte man eigentlich
Abschnittskontrolle sagen, aber dieser Scheinanglizismus klingt interessanter -
oder gefährlicher für die Brieftasche. Jeder, der in einen bestimmten
Streckenbereich - in diesem Fall ist es die Baustelle - einfährt, wird dort fotografiert,
und wenn man den Bereich verläßt, noch einmal. Ein Computer berechnet, wie
schnell man unterwegs war. Hat man sich an die Beschränkung gehalten, ist es
ok. Wenn nicht, muß man Strafe zahlen. Den Kultureuro versaufen wir aber lieber
an der Tankstelle, nicht wahr, nicht?"
Na
gut. Halte ich mich eben an die 60 km/h. Und überdies und außerdem mußte ich
Margit Recht geben: Ich habe die Fahrbahnbreite nicht nachgemessen, aber es gibt
nur eine Spur, die durch dicke Betonklötze links und rechts enger wirkt, als
sie ohnedies schon ist. Dazu auf mir eine Margit, die ständig auf ihre nach 15
Jahren Motorradabstinenz mangelnde Fahrpraxis hinwies, und hinter uns Autos,
Autos, Autos! Ok, es ist wirklich besser und sicherer, nur 60 zu fahren. Aber
endlich(!) - endlich - gab es wieder mehr Spuren, und bald waren auch wieder 80 km/h
erlaubt. Margit lenkte mich auf die Spur - es war die dritte von links - auf
der ein paar komische Zeichen - D, I, SLO - standen. Auf meine Frage hin
antwortete Margit: "Auf dieser Strecke kann man nach Deutschland, nach
Italien und nach Slowenien fahren. Man muß nur ziemlich oft abbiegen!"
Auf
der ganz rechten Spur kamen wir nach einer langgezogenen Rechtskurve auf die Abbiegespur "Favoriten".
Es war alles sehr verwirrend. Jetzt noch die Rampe auf den "Verteilerkreis
Favoriten". Als Margit mich von der A23 wegführte, hätte keiner geglaubt,
daß sie seit 15 Jahren nicht mehr Motorrad gefahren war. Naja - vielleicht
schon, aber offensichtlich war ich nicht mehr so hundertprozentig
zurechnungsfähig: Ich hatte mich heimlich, still und leise in meine neue
Chefität verliebt…
In dieser Gasse bin ich zu Hause.
Die
Gasse, in der ich jetzt wohne, wirkt gemütlich. Margit setzte mich vor ihre
Haustür, genau gegenüber von Strolchi. Der begrüßte mich freudig: "Herzlich
willkommen in Wien! Bist du zufrieden mit Margit", wollte er wissen, "war
die Straße gut und frei? Waren auch keine Idioten unterwegs? Hat Margit fleißig
geflucht?"
"Nein,
sie war kein einziges Mal böse, sie hat ständig gesungen", antwortete ich,
"Manchmal war sie auch ganz still und hat sich nur auf den Verkehr
konzentriert. Sie hat aufgepaßt, daß ich nicht zu schnell laufe, aber 120 auf
der B5 hat sie erlaubt."
Lange konnte ich mich nicht mit
Strolchi unterhalten, denn Margit griff nach ihrem Handy und rief jemanden an:
"Ich bin schon da!" Es ist schwierig, mit einem Vergaser auf zwei Straßen
zu fahren, auch wenn man zwei Zylinder und zwei Auspuffröhren hat. Strolchi
blinzelte mir zu und bedeutete mir, mich auf das zu konzentrieren, was jetzt
kommen sollte: Zwei Menschen, eine Frau und ein Mann, beeilten sich, Margit und
mich zu begrüßen.
"Claudia - Norbert! Das ist
Ennio!" stellte sie mich vor. Jetzt verschlug es mir aber die Sprache! Jeder
andere hätte gesagt, 'Das ist mein Motorrad', Margit hingegen hatte mich mit
dem Namen vorgestellt, den sie mir vor wenigen Tagen gegeben hatte!
Claudia und Norbert sind Margits
beste Freunde. Sie hatten Margit an diesem Tag in die Ortschaft chauffiert, in
der ich bis heute Mittag gewohnt hatte. Claudia schenkte mir eine Sicherung für
meine Scheibenbremse. Sie meint, ich brauche das, weil hier in der Umgebung
viele böse Menschen wohnen.
Daß Norbert für mich nach meiner Margit
einer der wichtigsten Menschen werden sollte, konnte ich zu diesem Zeitpunkt
noch nicht ahnen…

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen