Freitag, 23. Oktober 2015

2,) Ennio übersiedelt nach Wien

2. Kapitel:
ENNIO ÜBERSIEDELT NACH WIEN





Seit Anfang Juni 2015 war ich frustriert, weil sich mein damals noch zukünftiger Ex-Chef von mir scheiden lassen wollte. Am 23. Juni hatte er die Scheidung durchgezogen. Einerseits war ich verärgert und enttäuscht, andererseits hatte er sowieso viel zu wenig Zeit mit mir verbracht. Die Familie, die Arbeit, das Haus - so gesehen, konnte es nur besser werden. Um 16°° Uhr, hatte ich erfahren, sollte Margit kommen und mich abholen. Ich weiß nicht, wieso ich so sicher war, DASS sie kommen würde. Menschen brechen doch oft und gerne ihre Versprechen. Sollte Margit etwa anders als alle anderen Menschen sein?
Es sollte ein bißchen, dafür auf großartige Weise, anders kommen: Ich döste in meiner Garage vor mich hin. Was sollte ich denn sonst tun? Es war knapp 12 Uhr mittags - High Noon - als ich ihre Stimme hörte: "Ennio! Ich bin schon da! So lang, wie es gedauert hat, dauert es nicht mehr!" Donnerwetter - konnte sie es wirklich nicht mehr erwarten, bis wir zum ersten langen Trail aufbrechen konnten, um, wie Strolchi vergangenen Freitag behauptet hatte, nach Hause, nach Wien, zu fahren?


Ennio wartet gespannt….
Mein Ex-Chef kam früher als geplant nach Hause und verzog sich mit Margit ins Stüberl. Vermutlich hatten die beiden noch etwas Geschäftliches zu erledigen. Daß er persönlich meine §57-Überprüfungsplakette und eine Autobahnvignette auf mein rechtes vorderes Federbein klebte und mein neues Kennzeichen in die dafür vorgesehene Halterung montierte und mir noch ein kleines Erste-Hilfe-Set schenkte, versöhnte mich einigermaßen mit der Scheidung.
Ich schielte irgendwie auf mein Kennzeichen: W-6BXT. Margit grinste, als sie es sah. "Warum grinst du?" wollte ich wissen. "Die letzten beiden Buchstaben", erklärte sie, "bezeichnet eine Motorradtype von Yamaha, eine Enduro. W steht für Wien, und 6B gibt es sehr oft in Znojmo - allerdings ohne W davor." "Das will ich selbst sehen", antwortete ich. "Wirst du - ich brauch ohnedies bald wieder Zigaretten. Aber zuerst schauen wir, daß wir nach Hause kommen!" Die Frage, was Znojmo mit Zigaretten zu tun hatte, beantwortete sie nicht.
Und dann ging es los! Ich konnte und wollte nicht verhindern, daß die 50 Pferdchen in meinem Motorenherz freudig aufjubelten. Schließlich hatte ich beschlossen, Margit zu mögen. Was blieb mir denn sonst übrig? Ich war ja jetzt mit Brief und Siegel ihr Motorrad!
Wir fuhren noch einmal die Strecke ab, die wir uns am vergangenen Freitag als Proberunde ausgewählt hatten. Margit winkte meinem Ex-Chef zum Abschied, dann ging es weiter.
"Ennio, wir fahren zuerst über die Bundesstraße 46 und dann über die A5, die Nordautobahn, Richtung Süden in dein neues Zuhause", erklärte sie mir. Autobahn? Himmel, Donnerwetter, seit sieben Jahren hatte ich keine Autobahn mehr befahren! Ich freute mich schon, wieder einmal ordentlich Gas geben zu können, aber da sagte Margit zu mir: "Ennio - bitte auch am Bandl (gemeint ist die Autobahn A5) nicht schneller als 80 km/h! Du weißt, ich habe 15 Jahre Abstinenz hinter mir, und wir wollen doch beide gesund zu Hause ankommen!"
Nun, an die 80 km/h hab ich mich gehalten - zumindest auf der Bundesstraße 46. Was hat sie gesagt? 15 Jahre soll sie nicht mehr Motorrad gefahren sein? Das soll ich ihr glauben? Da singt ja der Leukoplastbomber eine Opernarie! Es war sowas von geil, wie sie in der Hüfte abknickte und sich in die Kurven legte! Plötzlich störte mich nicht mehr, daß sie nicht gerade eine Schönheit, dafür ein richtiges Urviech ist, ich bekam die ultimativen Gefühle der dritten Art!
Am Bandl, wie sie sich ausgedrückt hatte, wollte ich es wissen: Ich vergewisserte mich, daß sie nicht ständig meinen Tacho beobachtete, nahm einen ordentlichen Schluck 95er-Sprit und lief "etwas" schneller. Die Strecke war gut und frei, kaum Verkehr auf der A5! Mehr als 120 km/h wollte ich nicht riskieren. Ich muß mir nicht gleich bei der ersten Ausfahrt eine Strafpredigt einhandeln.
Margit ließ mich gewähren. "Schaut so aus, als hättest du auch eine Abstinenz hinter dir", schmunzelte sie. Daß sie mir erlaubte, ordentlich meinen Auspuff zu putzen, war fein. Die Genehmigung zum etwas schnelleren Fahren dauerte aber nicht lange: "Ennio, jetzt kommen wir zu einer riesigen, berüchtigten Baustelle: der Praterbrücke. Bitte mach nur das, was ich dir sage und fahr wirklich nur die erlaubten 60 km/h!" Und dann sah ich das Verkehrszeichen: Höchste erlaubte Geschwindigkeit: 60.
Pfuideixel, Geschwindigkeitsbeschränkung auf 60 km/h? Wozu soll das gut sein? Während sie auf die Zweite zurückschaltete, erklärte sie: "Ennio - weißt du, was eine Section Control ist? Da in Österreich deutsch gesprochen wird, sollte man eigentlich Abschnittskontrolle sagen, aber dieser Scheinanglizismus klingt interessanter - oder gefährlicher für die Brieftasche. Jeder, der in einen bestimmten Streckenbereich - in diesem Fall ist es die Baustelle - einfährt, wird dort fotografiert, und wenn man den Bereich verläßt, noch einmal. Ein Computer berechnet, wie schnell man unterwegs war. Hat man sich an die Beschränkung gehalten, ist es ok. Wenn nicht, muß man Strafe zahlen. Den Kultureuro versaufen wir aber lieber an der Tankstelle, nicht wahr, nicht?"
Na gut. Halte ich mich eben an die 60 km/h. Und überdies und außerdem mußte ich Margit Recht geben: Ich habe die Fahrbahnbreite nicht nachgemessen, aber es gibt nur eine Spur, die durch dicke Betonklötze links und rechts enger wirkt, als sie ohnedies schon ist. Dazu auf mir eine Margit, die ständig auf ihre nach 15 Jahren Motorradabstinenz mangelnde Fahrpraxis hinwies, und hinter uns Autos, Autos, Autos! Ok, es ist wirklich besser und sicherer, nur 60 zu fahren. Aber endlich(!) - endlich - gab es wieder mehr Spuren, und bald waren auch wieder 80 km/h erlaubt. Margit lenkte mich auf die Spur - es war die dritte von links - auf der ein paar komische Zeichen - D, I, SLO - standen. Auf meine Frage hin antwortete Margit: "Auf dieser Strecke kann man nach Deutschland, nach Italien und nach Slowenien fahren. Man muß nur ziemlich oft abbiegen!"
Auf der ganz rechten Spur kamen wir nach einer langgezogenen Rechtskurve auf die Abbiegespur "Favoriten". Es war alles sehr verwirrend. Jetzt noch die Rampe auf den "Verteilerkreis Favoriten". Als Margit mich von der A23 wegführte, hätte keiner geglaubt, daß sie seit 15 Jahren nicht mehr Motorrad gefahren war. Naja - vielleicht schon, aber offensichtlich war ich nicht mehr so hundertprozentig zurechnungsfähig: Ich hatte mich heimlich, still und leise in meine neue Chefität verliebt…



In dieser Gasse bin ich zu Hause.
Die Gasse, in der ich jetzt wohne, wirkt gemütlich. Margit setzte mich vor ihre Haustür, genau gegenüber von Strolchi. Der begrüßte mich freudig: "Herzlich willkommen in Wien! Bist du zufrieden mit Margit", wollte er wissen, "war die Straße gut und frei? Waren auch keine Idioten unterwegs? Hat Margit fleißig geflucht?"
"Nein, sie war kein einziges Mal böse, sie hat ständig gesungen", antwortete ich, "Manchmal war sie auch ganz still und hat sich nur auf den Verkehr konzentriert. Sie hat aufgepaßt, daß ich nicht zu schnell laufe, aber 120 auf der B5 hat sie erlaubt."
Lange konnte ich mich nicht mit Strolchi unterhalten, denn Margit griff nach ihrem Handy und rief jemanden an: "Ich bin schon da!" Es ist schwierig, mit einem Vergaser auf zwei Straßen zu fahren, auch wenn man zwei Zylinder und zwei Auspuffröhren hat. Strolchi blinzelte mir zu und bedeutete mir, mich auf das zu konzentrieren, was jetzt kommen sollte: Zwei Menschen, eine Frau und ein Mann, beeilten sich, Margit und mich zu begrüßen.
"Claudia - Norbert! Das ist Ennio!" stellte sie mich vor. Jetzt verschlug es mir aber die Sprache! Jeder andere hätte gesagt, 'Das ist mein Motorrad', Margit hingegen hatte mich mit dem Namen vorgestellt, den sie mir vor wenigen Tagen gegeben hatte!
Claudia und Norbert sind Margits beste Freunde. Sie hatten Margit an diesem Tag in die Ortschaft chauffiert, in der ich bis heute Mittag gewohnt hatte. Claudia schenkte mir eine Sicherung für meine Scheibenbremse. Sie meint, ich brauche das, weil hier in der Umgebung viele böse Menschen wohnen.
Daß Norbert für mich nach meiner Margit einer der wichtigsten Menschen werden sollte, konnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen…


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