3. Kapitel:
Der
erste Ausflug
Heute, Donnerstag, bin ich den zweiten Tag mit Margit
zusammen. So lang das Wetter so schön ist, darf ich die Laternderl-Garage
benutzen. Strolchi macht das auch gerne, wegen der frischen Luft. Außerdem
trifft man immer wieder neue Kumpels.
Dabei fing der Tag nicht so berauschend gut an:
Obwohl ich sie mehrfach daran erinnert habe, hat Margit vergessen, die
Sicherung an meiner Scheibenbremse abzunehmen. Kein Wunder, daß wir schon nach
10 Zentimetern auf dem Asphalt lagen. Da habe ich ordentlich mit Margit
geschimpft. Zum Glück kam ein netter, bärtiger Bursche daher, den sie mit
Robert anredete, der hat ihr geholfen, mich wieder auf meine Räder zu stellen. Wie
hatte sie nur die Sicherung vergessen können, wo ich sie doch mehrmals darauf
aufmerksam gemacht hatte! Ich fürchte, unsere Kommunikation klappt noch nicht
so ganz richtig.
Kaum stand ich wieder auf meinen Rädern, schimpfte
Margit mit sich selbst, nannte sich selbst >hlupak< und >Idiot< und
hätte sich, während sie meine Sicherung entfernte, am liebsten selbst in den
Hintern gebissen! Schade, daß sie das nicht gemacht hat, das anzusehen wäre
bestimmt recht amüsant gewesen! Nun, Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur
Besserung.
"Strolchi", rief ich quer über die
Straße, "was ist das: >hlupak<?" "Das ist tschechisch und
heißt >Trottel<", antwortete Strolchi genau so laut, "Schimpfwörter
hab ich dir absichtlich nicht beigebracht. Margit schimpft fast nie in der
jeweiligen Landessprache."
"Aber >Idiot< ist doch ein deutsches
Wort!" entgegnete ich.
"Das Wort ist international gebräuchlich und leitet
sich vom griechischen ἰδιώτης >idiotes< ab, das wertfrei in etwa
>Privatperson< bedeutet. Es bezeichnete Personen, die sich aus
öffentlichen politischen Angelegenheiten heraushielten und keine Ämter hatten,
auch wenn ihnen das möglich war. Ins Lateinische als >idióta< entlehnt,
verschob sich die Bedeutung des Wortes hin zu Laie, auch Pfuscher, Stümper,
unwissender Mensch. Später wurde der Begriff allgemein auf Personen mit einem
geringen Bildungsgrad angewandt. Zufrieden?"
"Woher weißt du das alles?"
"Margit weiß, wo man nachschauen kann",
grinste Strolchi sein persönliches, unnachahmliches Grinsen, "außerdem weiß
sie, was die jeweiligen Schimpfwörter bedeuten."
Wenig später manövrierte Margit ihr rechtes Bein
über meine Sitzbank, schob ihren Hintern nach, und dann starten wir Richtung
Burgenland. Das Burgenland, sagt Margit, ist das östlichste und, gemessen an
seiner Einwohnerzahl, das kleinste und auch das jüngste Bundesland Österreichs.
Das Gebiet gehörte einst zum Königreich Ungarn, das 1920 verpflichtet wurde,
das damalige "Deutsch-Westungarn" an die neue Republik Österreich
abzutreten. Die Landeshauptstadt heißt Eisenstadt. Das Burgenland ist im Norden
vom Neusiedler See, im Süden von den Ausläufern der Alpen geprägt. Es ist
langgezogen und verengt sich bei Sieggraben im Ödenburger Gebirge auf 4 km.
Im Burgenland werden mehrere
Sprachen gesprochen:
Da ist einmal das
Burgenland-Kroatisch. Es unterscheidet sich ein bißchen von dem Kroatisch, das
in Kroatien gesprochen wird. Margit
versteht es so halbwegs. Die Burgenland-Kroaten nennen ihr Land Gradišće. Dieses kroatische Wort muß, da das
Wort "grad" drinnensteckt, irgendetwas mit "Burg…" zu tun
haben.
Im Burgenland lebt auch eine
ungarische Minderheit. Die
burgenländischen Ungarn nennen ihr Land Felsőőrvidék, Őrvidék
oder Lajtabánság
und die Landeshauptstadt Kismarton. Hier konnte mir Margit nicht einmal einen einzigen
Wortstamm erklären. Das einzige, was sie wußte: Lajtabánság muß irgendwas mit
dem Fluß Leitha zu tun haben.
Ob sich das
Ungarisch, das im Burgenland gesprochen wird, vom Ungarisch in Ungarn
unterscheidet, konnte mir Margit auch nicht sagen, da sie selbst nur wenige
Worte ungarisch kann, die man auch unter kultivierten Menschen sagt. (Alles
andere … Margit ist und bleibt eine Gewohnheitsschimpferin, auch wenn sie sich,
wie Strolchi behauptet, im letzten Jahr sehr gebessert hat.) Wie auch
immer: Margit weiß, wo sie nachschauen kann, und sie wird nachschauen…
Anfang Juni sind Margits Cholesterin-Meßstreifen
vom Ausgang nicht mehr zurückgekommen. Also mußte sie sich neue besorgen. Die
Firma, die diese Streiferln erzeugt, ist im Burgenland zu Hause. Freilich
könnte sie sich diese Teststreifen schicken lassen oder über ihre
Lieblingsapotheke bestellen, aber Selbstabholung ist ihr lieber.
Cholesterin, sagt Margit, ist ein in allen Zellen
von Tieren und Menschen vorkommender, lebenswichtiger Naturstoff. Man spricht auch von Blutfetten. Ein Zuviel
davon kann Herzinfarkt oder Schlaganfall auslösen. Das Wort selbst kommt aus
dem Griechischen, von cholé - Galle und leitet sich davon ab, daß bereits im
18. Jahrhundert Cholesterin in Gallensteinen gefunden wurde. (Soweit hab ich das verstanden. Zum Glück ist Margit kein Mediziner, der
diese Fakten bis zum Gehtnichtmehr so lange erklärt, bis man gar nichts mehr
versteht.)
Margit muß sich mit einem gewissen Allerwertesten Herrn Diabetes herumärgern. ("Allerwertesten" nennt sie ihn, weil er ein richtiger Arsch ist. Er hat sich aber wohlweislich noch nicht bei mir vorgestellt.) Dazu muß sie dreimal wöchentlich ihren Blutzucker messen. Und weil das Meßgerät auch für Cholesterinmessungen taugt, mißt sie jetzt auch einmal monatlich ihr Cholesterin.
Margit muß sich mit einem gewissen Allerwertesten Herrn Diabetes herumärgern. ("Allerwertesten" nennt sie ihn, weil er ein richtiger Arsch ist. Er hat sich aber wohlweislich noch nicht bei mir vorgestellt.) Dazu muß sie dreimal wöchentlich ihren Blutzucker messen. Und weil das Meßgerät auch für Cholesterinmessungen taugt, mißt sie jetzt auch einmal monatlich ihr Cholesterin.
"Margit - wozu machst Du das
mit der Cholesterinmessung", wollte ich wissen, "ich kenne Dich
zwar noch nicht lange, glaube aber zu wissen, daß Du nichts ohne Grund
machst!"
"Ennio, mein Cholesterin war
relativ hoch. Da hat der Arzt auf Panik gemacht und mir ein Medikament
verordnet, irgend so ein Statin. Dummerweise habe ich das Zeug auch genommen.
Mein Cholesterin hat es nicht gesenkt, dafür Depressionen ausgelöst, die waren
nicht von schlechten Eltern. Da habe ich, statt nutzlose Medikamente zu
fressen, zuerst den Internisten mit Verachtung gestraft und dann angefangen,
morgens ein Stamperl Balsamico-Essig zu trinken. Heute ist mein
Gesamtcholesterin wesentlich unter 200, meistens sogar unter 150.
Zufrieden?"
"Du scheinst nicht viel von
Ärzten zu halten, die auf Panikmache aus sind", stellte ich fest.
"Wie sagt man in der Sprache
der Kraftfahrzeuge? Die sollen mir doch den Auspuff lutschen, am besten wenn er
besonders dreckig ist", antwortete meine Margit.
"Wieso wundert es mich nicht,
daß Du sogar in der Sprache der Kraftfahrzeuge schimpfen kannst?"
"Ennio, es ist Dir vielleicht unbegreiflich, aber wenn ich jemanden in der
Sprache der Kraftfahrzeuge beschimpfe, habe ich die Lacher auf meiner Seite und
erspare mir hundert pro eine Klage wegen Beleidigung - wenn ich mich nicht
irre, ist das §115 StGB. Und 180 Tagessätze sind nicht wenig." Meine Güte,
der Tonfall, in dem meine Margit das sagte, war köstlich! Ich mußte herzhaft
lachen. Sobald ich mich vom Lachen erholt hatte, starteten wir Richtung
Burgenland. Quer durchs Gasserlwerk mit Geschwindigkeitsbeschränkung auf 30 km/h erreichten wir zunächst die Triesterstraße, auch B17 genannt. (Zugegeben, so hundertprozentig sicher fühlt sich Margit beim Anfahren noch nicht, aber das wird schon.) Und dann führte sie mich "aufs Bandl" - in diesem Fall war es die A2 - Südautobahn. Es war einigermaßen viel los, deshalb benahmen wir uns anständig, ich lief brav zwischen 80 und 100 km/h. Bei der Raststation Oldtimer Guntramsdorf bogen wir ab. Eine langgezogene Rechtskurve führte uns auf die A3 - Südost-Autobahn. Hier ging es stur geradeaus. Das gefiel mir nicht so besonders, aber ich verstehe, daß sich Margit wieder an das Fahren mit meinesgleichen gewöhnen muß. Endlich kamen wir zu einer Abzweigung, auf der unter anderem "Györ" stand. "Diese Schnellstraße führt direkt nach Mattersburg", erklärte Margit.
Das interessierte mich eigentlich weniger,
wichtiger war, ich hatte doch gestern Geld gespart, weil ich der Section
Control auf der Tangente nicht aufgefallen war! Das machte ich Margit klar. Sie
führte mich auch brav zu einer Tankstelle, wo ich fast 10 Liter 95er-Sprit
genoß.
Die Ausfahrten aus Tankstellen
etc. muß Margit noch fleißig üben, aber ein Kreisverkehr, übersichtlich wie jener,
der uns wieder auf die Bundesstraße bringen sollte, macht keine Probleme. Schon
bald kamen wir nach Marz. Die entsprechende Abzweigung hat Margit sofort
gefunden - nur ist sie dann eine Quergasse zu früh eingebogen: Wir mußten
reversieren, die Gasse war für Margit zum Umdrehen zu schmal. Sie stellte
zunächst einmal meinen Motor ab und überlegte, ließ mich zunächst nach vorne
rollen, schlug meinen Lenker ein und dann rollten wir wieder zurück. Jetzt noch
einmal Lenker einschlagen, nach vorne rollen, wieder einschlagen, zurück - nun
standen wir in der gewünschten Fahrtrichtung. Das war für Margit nicht ganz so einfach.
Aber sie hat es geschafft!
"Ennio, jetzt bin ich aber
froh, daß uns niemand beobachtet hat", meinte sie in schöner
Selbsterkenntnis, "Manchmal stelle ich mich an wie der erste Mensch!"
"Mach Dir nichts draus", wollte ich das letzte Wort haben, "meines
Wissens hatte der Adam nicht einmal einen Führerschein." Meine Antwort
hatte gesessen: Margit lachte und wischte sich die Lachtränen aus den Augen.
Dabei streichelte sie immer wieder meinen Tank. Dann startete sie mich wieder,
wir konnten wieder auf den Hauptweg fahren.
Wenig später sah auch ich den Wegweiser zu der
Firma, die so viele Cholesterin-Teststreifen hat, daß sie sie verkaufen muß.
Ich stellte mich genau vor den Eingang. Inzwischen kenne ich Margit schon so
gut, daß ich weiß: Sie präsentiert mich gerne. Ich könnte auch sagen, Margit
schmückt sich mit mir, und das gefällt mir. Schließlich bin ich mit meinem
schönen schwarz-roten Métallisé-Lack und meiner ebenmäßigen Chopper-Gestalt ein
schöner Bursche!
Während Margit ihren Geschäften
nachging, unterhielt ich mich mit den Autos auf dem großen Parkplatz über das
Liebesleben der Maikäfer. Dann kam Margit zurück, stopfte die Schachtel mit den
Teststreifen in eine Tasche ihrer Lederjacke und steckte meinen Zündschlüssel
an. Während sie eine ihrer unvermeidlichen Viceroy's rauchte, überlegte sie
laut: Ja, da vorne, wo es nach einer Firmeneinfahrt aussieht, kann man
umdrehen… Gesagt, getan: Und sie schaffte es in einem Zug! Übung macht den
Meister…
Beim Autobahnzubringer auf die S4
habe ich zum ersten Mal gehört, wie Margit auf Idioten reagiert: Ein
Kleinstwagen schoß aus der Ausfahrt des Einkaufszentrums und nahm uns den
Vorrang! Ihr "kusipää!" und einige andere Wörter, die ich nicht
verstanden habe, verschwanden allerdings im Visier ihres Helms. "Margit -
was heißt das: kusipää?" wollte ich wissen. "Das ist das finnische
Wort für Arschloch", antwortete sie, ohne rot zu werden. "Wieso
fluchst Du Finnisch?" Ich wurde zum Fragezeichen. "Ich hätte auch
'seggfej' sagen können, aber hier so nahe an Ungarn ist die Gefahr zu groß, daß
man das versteht." Hauptsache, es ist nichts passiert, bremsen kann Margit
perfekt.
Gerne wäre ich mit Margit noch auf
ein Sprüngerl nach Ungarn gefahren, aber sie lehnte ab: "Ennio, ich bin so
lange Strecken noch nicht gewohnt. Fahren wir lieber direkt nach Hause. Ist das
OK für Dich? Ich verspreche Dir, Sopron zeige ich Dir später. Außerdem fahren
wir am Samstag sowieso ins Ausland." Das klang gut. Eins war mir
mittlerweile klargeworden: Wenn Margit 'ich verspreche Dir…' sagt, dann hält
sie ihr Versprechen.
Gemütlich zockelten wir auf der
rechten Spur heimwärts.
Margit und ich haben heute 127
Kilometer gefressen und 10 Liter Normalbenzin geschlappert. Nein, die 10 Liter
habe ich allein getrunken, Margit trinkt weder Benzin noch Diesel.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen