Freitag, 23. Oktober 2015

3,) Der erste Ausflug

3. Kapitel:
Der erste Ausflug
Heute, Donnerstag, bin ich den zweiten Tag mit Margit zusammen. So lang das Wetter so schön ist, darf ich die Laternderl-Garage benutzen. Strolchi macht das auch gerne, wegen der frischen Luft. Außerdem trifft man immer wieder neue Kumpels.
Dabei fing der Tag nicht so berauschend gut an: Obwohl ich sie mehrfach daran erinnert habe, hat Margit vergessen, die Sicherung an meiner Scheibenbremse abzunehmen. Kein Wunder, daß wir schon nach 10 Zentimetern auf dem Asphalt lagen. Da habe ich ordentlich mit Margit geschimpft. Zum Glück kam ein netter, bärtiger Bursche daher, den sie mit Robert anredete, der hat ihr geholfen, mich wieder auf meine Räder zu stellen. Wie hatte sie nur die Sicherung vergessen können, wo ich sie doch mehrmals darauf aufmerksam gemacht hatte! Ich fürchte, unsere Kommunikation klappt noch nicht so ganz richtig.
Kaum stand ich wieder auf meinen Rädern, schimpfte Margit mit sich selbst, nannte sich selbst >hlupak< und >Idiot< und hätte sich, während sie meine Sicherung entfernte, am liebsten selbst in den Hintern gebissen! Schade, daß sie das nicht gemacht hat, das anzusehen wäre bestimmt recht amüsant gewesen! Nun, Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung.
"Strolchi", rief ich quer über die Straße, "was ist das: >hlupak<?" "Das ist tschechisch und heißt >Trottel<", antwortete Strolchi genau so laut, "Schimpfwörter hab ich dir absichtlich nicht beigebracht. Margit schimpft fast nie in der jeweiligen Landessprache."
"Aber >Idiot< ist doch ein deutsches Wort!" entgegnete ich.
"Das Wort ist international gebräuchlich und leitet sich vom griechischen ἰδιώτης >idiotes< ab, das wertfrei in etwa >Privatperson< bedeutet. Es bezeichnete Personen, die sich aus öffentlichen politischen Angelegenheiten heraushielten und keine Ämter hatten, auch wenn ihnen das möglich war. Ins Lateinische als >idióta< entlehnt, verschob sich die Bedeutung des Wortes hin zu Laie, auch Pfuscher, Stümper, unwissender Mensch. Später wurde der Begriff allgemein auf Personen mit einem geringen Bildungsgrad angewandt. Zufrieden?"
"Woher weißt du das alles?"
"Margit weiß, wo man nachschauen kann", grinste Strolchi sein persönliches, unnachahmliches Grinsen, "außerdem weiß sie, was die jeweiligen Schimpfwörter bedeuten."
Wenig später manövrierte Margit ihr rechtes Bein über meine Sitzbank, schob ihren Hintern nach, und dann starten wir Richtung Burgenland. Das Burgenland, sagt Margit, ist das östlichste und, gemessen an seiner Einwohnerzahl, das kleinste und auch das jüngste Bundesland Österreichs. Das Gebiet gehörte einst zum Königreich Ungarn, das 1920 verpflichtet wurde, das damalige "Deutsch-Westungarn" an die neue Republik Österreich abzutreten. Die Landeshauptstadt heißt Eisenstadt. Das Burgenland ist im Norden vom Neusiedler See, im Süden von den Ausläufern der Alpen geprägt. Es ist langgezogen und verengt sich bei Sieggraben im Ödenburger Gebirge auf 4 km.
Im Burgenland werden mehrere Sprachen gesprochen:
Da ist einmal das Burgenland-Kroatisch. Es unterscheidet sich ein bißchen von dem Kroatisch, das in Kroatien gesprochen wird. Margit versteht es so halbwegs. Die Burgenland-Kroaten nennen ihr Land Gradišće. Dieses kroatische Wort muß, da das Wort "grad" drinnensteckt, irgendetwas mit "Burg…" zu tun haben. 
Im Burgenland lebt auch eine ungarische Minderheit. Die burgenländischen Ungarn nennen ihr Land Felsőőrvidék, Őrvidék oder Lajtabánság und die Landeshauptstadt Kismarton. Hier konnte mir Margit nicht einmal einen einzigen Wortstamm erklären. Das einzige, was sie wußte: Lajtabánság muß irgendwas mit dem Fluß Leitha zu tun haben. 
 Ob sich das Ungarisch, das im Burgenland gesprochen wird, vom Ungarisch in Ungarn unterscheidet, konnte mir Margit auch nicht sagen, da sie selbst nur wenige Worte ungarisch kann, die man auch unter kultivierten Menschen sagt. (Alles andere … Margit ist und bleibt eine Gewohnheitsschimpferin, auch wenn sie sich, wie Strolchi behauptet, im letzten Jahr sehr gebessert hat.) Wie auch immer: Margit weiß, wo sie nachschauen kann, und sie wird nachschauen…
Anfang Juni sind Margits Cholesterin-Meßstreifen vom Ausgang nicht mehr zurückgekommen. Also mußte sie sich neue besorgen. Die Firma, die diese Streiferln erzeugt, ist im Burgenland zu Hause. Freilich könnte sie sich diese Teststreifen schicken lassen oder über ihre Lieblingsapotheke bestellen, aber Selbstabholung ist ihr lieber.
Cholesterin, sagt Margit, ist ein in allen Zellen von Tieren und Menschen vorkommender, lebenswichtiger Naturstoff. Man spricht auch von Blutfetten. Ein Zuviel davon kann Herzinfarkt oder Schlaganfall auslösen. Das Wort selbst kommt aus dem Griechischen, von cholé - Galle und leitet sich davon ab, daß bereits im 18. Jahrhundert Cholesterin in Gallensteinen gefunden wurde. (Soweit hab ich das verstanden. Zum Glück ist Margit kein Mediziner, der diese Fakten bis zum Gehtnichtmehr so lange erklärt, bis man gar nichts mehr versteht.)

Margit muß sich mit einem gewissen Allerwertesten Herrn Diabetes herumärgern. ("Allerwertesten" nennt sie ihn, weil er ein richtiger Arsch ist. Er hat sich aber wohlweislich noch nicht bei mir vorgestellt.) Dazu muß sie dreimal wöchentlich ihren Blutzucker messen. Und weil das Meßgerät auch für Cholesterinmessungen taugt, mißt sie jetzt auch einmal monatlich ihr Cholesterin.
"Margit - wozu machst Du das mit der Cholesterinmessung", wollte ich wissen, "ich kenne Dich zwar noch nicht lange, glaube aber zu wissen, daß Du nichts ohne Grund machst!"
"Ennio, mein Cholesterin war relativ hoch. Da hat der Arzt auf Panik gemacht und mir ein Medikament verordnet, irgend so ein Statin. Dummerweise habe ich das Zeug auch genommen. Mein Cholesterin hat es nicht gesenkt, dafür Depressionen ausgelöst, die waren nicht von schlechten Eltern. Da habe ich, statt nutzlose Medikamente zu fressen, zuerst den Internisten mit Verachtung gestraft und dann angefangen, morgens ein Stamperl Balsamico-Essig zu trinken. Heute ist mein Gesamtcholesterin wesentlich unter 200, meistens sogar unter 150. Zufrieden?"
"Du scheinst nicht viel von Ärzten zu halten, die auf Panikmache aus sind", stellte ich fest.
"Wie sagt man in der Sprache der Kraftfahrzeuge? Die sollen mir doch den Auspuff lutschen, am besten wenn er besonders dreckig ist", antwortete meine Margit.
"Wieso wundert es mich nicht, daß Du sogar in der Sprache der Kraftfahrzeuge schimpfen kannst?" "Ennio, es ist Dir vielleicht unbegreiflich, aber wenn ich jemanden in der Sprache der Kraftfahrzeuge beschimpfe, habe ich die Lacher auf meiner Seite und erspare mir hundert pro eine Klage wegen Beleidigung - wenn ich mich nicht irre, ist das §115 StGB. Und 180 Tagessätze sind nicht wenig." Meine Güte, der Tonfall, in dem meine Margit das sagte, war köstlich! Ich mußte herzhaft lachen. Sobald ich mich vom Lachen erholt hatte, starteten wir Richtung Burgenland. 

Quer durchs Gasserlwerk mit Geschwindigkeitsbeschränkung auf 30 km/h erreichten wir zunächst die Triesterstraße, auch B17 genannt. (Zugegeben, so hundertprozentig sicher fühlt sich Margit beim Anfahren noch nicht, aber das wird schon.) Und dann führte sie mich "aufs Bandl" - in diesem Fall war es die A2 - Südautobahn. Es war einigermaßen viel los, deshalb benahmen wir uns anständig, ich lief brav zwischen 80 und 100 km/h. Bei der Raststation Oldtimer Guntramsdorf bogen wir ab. Eine langgezogene Rechtskurve führte uns auf die A3 - Südost-Autobahn. Hier ging es stur geradeaus. Das gefiel mir nicht so besonders, aber ich verstehe, daß sich Margit wieder an das Fahren mit meinesgleichen gewöhnen muß. Endlich kamen wir zu einer Abzweigung, auf der unter anderem "Györ" stand. "Diese Schnellstraße führt direkt nach Mattersburg", erklärte Margit.
Das interessierte mich eigentlich weniger, wichtiger war, ich hatte doch gestern Geld gespart, weil ich der Section Control auf der Tangente nicht aufgefallen war! Das machte ich Margit klar. Sie führte mich auch brav zu einer Tankstelle, wo ich fast 10 Liter 95er-Sprit genoß.
Die Ausfahrten aus Tankstellen etc. muß Margit noch fleißig üben, aber ein Kreisverkehr, übersichtlich wie jener, der uns wieder auf die Bundesstraße bringen sollte, macht keine Probleme. Schon bald kamen wir nach Marz. Die entsprechende Abzweigung hat Margit sofort gefunden - nur ist sie dann eine Quergasse zu früh eingebogen: Wir mußten reversieren, die Gasse war für Margit zum Umdrehen zu schmal. Sie stellte zunächst einmal meinen Motor ab und überlegte, ließ mich zunächst nach vorne rollen, schlug meinen Lenker ein und dann rollten wir wieder zurück. Jetzt noch einmal Lenker einschlagen, nach vorne rollen, wieder einschlagen, zurück - nun standen wir in der gewünschten Fahrtrichtung. Das war für Margit nicht ganz so einfach. Aber sie hat es geschafft!
"Ennio, jetzt bin ich aber froh, daß uns niemand beobachtet hat", meinte sie in schöner Selbsterkenntnis, "Manchmal stelle ich mich an wie der erste Mensch!" "Mach Dir nichts draus", wollte ich das letzte Wort haben, "meines Wissens hatte der Adam nicht einmal einen Führerschein." Meine Antwort hatte gesessen: Margit lachte und wischte sich die Lachtränen aus den Augen. Dabei streichelte sie immer wieder meinen Tank. Dann startete sie mich wieder, wir konnten wieder auf den Hauptweg fahren.
 Wenig später sah auch ich den Wegweiser zu der Firma, die so viele Cholesterin-Teststreifen hat, daß sie sie verkaufen muß. Ich stellte mich genau vor den Eingang. Inzwischen kenne ich Margit schon so gut, daß ich weiß: Sie präsentiert mich gerne. Ich könnte auch sagen, Margit schmückt sich mit mir, und das gefällt mir. Schließlich bin ich mit meinem schönen schwarz-roten Métallisé-Lack und meiner ebenmäßigen Chopper-Gestalt ein schöner Bursche!
Während Margit ihren Geschäften nachging, unterhielt ich mich mit den Autos auf dem großen Parkplatz über das Liebesleben der Maikäfer. Dann kam Margit zurück, stopfte die Schachtel mit den Teststreifen in eine Tasche ihrer Lederjacke und steckte meinen Zündschlüssel an. Während sie eine ihrer unvermeidlichen Viceroy's rauchte, überlegte sie laut: Ja, da vorne, wo es nach einer Firmeneinfahrt aussieht, kann man umdrehen… Gesagt, getan: Und sie schaffte es in einem Zug! Übung macht den Meister…
Beim Autobahnzubringer auf die S4 habe ich zum ersten Mal gehört, wie Margit auf Idioten reagiert: Ein Kleinstwagen schoß aus der Ausfahrt des Einkaufszentrums und nahm uns den Vorrang! Ihr "kusipää!" und einige andere Wörter, die ich nicht verstanden habe, verschwanden allerdings im Visier ihres Helms. "Margit - was heißt das: kusipää?" wollte ich wissen. "Das ist das finnische Wort für Arschloch", antwortete sie, ohne rot zu werden. "Wieso fluchst Du Finnisch?" Ich wurde zum Fragezeichen. "Ich hätte auch 'seggfej' sagen können, aber hier so nahe an Ungarn ist die Gefahr zu groß, daß man das versteht." Hauptsache, es ist nichts passiert, bremsen kann Margit perfekt.
Gerne wäre ich mit Margit noch auf ein Sprüngerl nach Ungarn gefahren, aber sie lehnte ab: "Ennio, ich bin so lange Strecken noch nicht gewohnt. Fahren wir lieber direkt nach Hause. Ist das OK für Dich? Ich verspreche Dir, Sopron zeige ich Dir später. Außerdem fahren wir am Samstag sowieso ins Ausland." Das klang gut. Eins war mir mittlerweile klargeworden: Wenn Margit 'ich verspreche Dir…' sagt, dann hält sie ihr Versprechen.
Gemütlich zockelten wir auf der rechten Spur heimwärts.

Margit und ich haben heute 127 Kilometer gefressen und 10 Liter Normalbenzin geschlappert. Nein, die 10 Liter habe ich allein getrunken, Margit trinkt weder Benzin noch Diesel.

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