4. Kapitel:
Am
Samstag war ich mit Margit zum ersten Mal im Ausland. Wir waren in Tschechien. In
der Nacht zum Samstag hatte Strolchi nur tschechisch mit mir gebrummt, daß ich es
richtig gut lerne und alles verstehe, was die tschechischen Autos und die
Motorräder mit Heimathafen in Tschechien zu mir sagen. Margit brauchte schließlich
ihre Lieblingszigaretten und so verschiedenes anderes mehr.
"Paß
auf, ob sie in der Trafik >čtyřicet< wirklich richtig ausspricht",
grinste Strolchi sein unnachahmliches, hinterfotziges Grinsen, "oder ob
sie sich wieder mal die Zunge dabei bricht." "Wieso das?" wollte
ich wissen. "Margit spricht nur sehr schlecht tschechisch", erklärte
mir Strolchi, "und sie weiß das auch. Ihre Aussprache - naja, breiten wir
den Mantel gnädigen Schweigens drüber!"
Margits
bescheidenes Tschechisch hinderte uns nicht daran, am nächsten Morgen
loszufahren. Schließlich bemüht sie sich schon seit Jahren, es zu lernen. Wenn
wir nach Znojmo wollen, müssen wir in Richtung Norden, und nach Norden führt,
so seltsam es klingen mag, anfangs die A23, die man auch Süd-Ost-Tangente nennt.
Da Margit sowieso aufpaßte wie der sprichwörtliche Haftelmacher, konnte ich
über die Leitschiene auf die Gegenfahrbahnen schauen: Ja, drei Tage zuvor war
ich auf dieser Straße war nach Hause gefahren.
Dann
kamen wir zu der langgezogenen Kurve - Geschwindigkeitsbeschränkung auf 50 km/h
- die uns auf die A22 - "Stockerauer Autobahn" bringt. Irgendetwas
spürte ich bei Margit: Sie hielt meinen Lenker etwas fester als zuvor. Nein, es
war keine Unsicherheit - aber was war es dann? Als wir wieder >auf der
Geraden< waren, fragte ich Margit: "Was war das jetzt - in der
langgezogenen Kurve? Ich habe etwas gespürt, was ich nicht verstehe. Du warst
nicht unsicher, aber irgendetwas war da, was ich nicht begreife!"
"Jedes
Mal, wenn ich in diese Kurve einfahre", erzählte Margit, "erinnere
ich mich an meine erste und einzige Fahrt mit dem Hänger. Du mußt wissen, mit
dem Sattelzug war ich gern unterwegs, aber den Hänger habe ich gehaßt. Die
Kollegen sagten mir über Funk: >Hier gilt 50. Du hast null Praxis mit dem
Hänger, fahr mit der Zweiten, und maximal 40.< Dummerweise habe ich mich
verschaltet, den vierten Gang erwischt, der LKW zog mit 50 in die Kurve.
Dummerweise habe ich mich auch noch verbremst. Ich hatte das Gefühl, der Hänger
schaut mir beim Fenster hinein. Ennio, was jetzt kommt, wirst du mir
wahrscheinlich nicht glauben: Ein Beifahrer, den man nicht sehen kann, griff
mir ins Lenkrad und korrigierte."
"Das
war bestimmt dein Schutzengel", antwortete ich ruhig, "auch wir
Motorräder glauben an Schutzengel. Gäbe es diese Schutzengel nicht, so gäbe es
dafür viel mehr Motorradunfälle."
"Ennio
- mein Schutzengel hat sogar einen Namen. Mein Papschi war ein Trucker wie ich.
Auch wenn er schon lange ins Land auf der anderen Seite der Mitternachtssonne
gegangen ist, er beschützt mich - und somit auch dich. Manchmal spüre ich seine
Nähe…"
"Margit,
ich glaube dir jedes Wort. Es gibt Dinge, die begreifen weder Motorräder noch
Menschen. Hier bleibt nur, daran zu glauben…" Den Rest des Weges über die
A22 und die nachfolgende S303 waren wir recht schweigsam.
Bei
Hollabrunn endete die Schnellstraße und wurde zur Bundesstraße 303, die sich in
der Mitte der Ortschaft Guntersdorf gabelte: Ein Teil führte nach Retz, der
andere nach Znojmo und Praha.
Über Margits Anmerkung, daß die B303 von der B30 geschieden ist, mußte ich lachen.
Über Margits Anmerkung, daß die B303 von der B30 geschieden ist, mußte ich lachen.
Die B303 läßt sich von
der B30 scheiden -
Wie die Slowaken von
den Tschechen
Die Staatsgrenze hätte
ich fast nicht bemerkt. Eine Ortstafel, Kleinhaugsdorf, bremsseitig ein paar
schmucke Häuschen, kupplungsseitig ein Gebäude mit blinden Fenstern, das gewiß
schon bessere Tage gesehen hatte, dahinter ein riesiger Brummiparkplatz mit
Vignettenverkauf - das war's. Gut sichtbar prangte dort auch ein WC…
Spuren der ehemaligen Grenzstation
Vorerst ließen wir das
große Einkaufszentrum Excalibur links liegen, fuhren zuerst durch eine Stelle,
wo einst die tschechische Grenzkontrolle stattgefunden hatte, erreichten nach 3
Kilometern die Ortschaft Chvalovice und wenig später Znojmo.
Dobrý rano, Dyje -
guten Morgen, Thaya!
"Wieso begrüßt du den Fluß", staunte ich,
"Hängt das etwa mit deinem Glauben an die Mythologie der Sami
zusammen?"
"Das hat dir Strolchi auch schon erzählt",
schmunzelte Margit, "aber das ist schon in Ordnung. Je weniger du über
mich rausfinden mußt, desto lockerer können wir miteinander umgehen. Nach der
Mythologie der Sami lebt in jedem Gewässer eine Gottheit. Schon seltsam, daß in
mittel- und osteuropäischen Märchen und Sagen Wassermänner und Nixen vorkommen,
die übersinnliche Kräfte haben!
Weißt du, Ennio, vor einer Ewigkeit und drei Tagen, in meiner Kindheit, habe ich am rechten Ufer der Thaya, knapp 30 km Kilometer flußaufwärts von
Znojmo, zwei wunderbare Ferienwochen verbracht, jede Menge Unfug gestiftet und
die Thayabrücke von Hardegg vorerst als Symbol der Trennung kennengelernt. Das
hat sich später sehr geändert. Deshalb begrüße ich die Thaya jedes Mal, wenn
ich sie in Znojmo überquere. Manchmal, so wie heute, bleib ich an ihrem Ufer
stehen, frage: "Liebe Thaya, weißt du noch - damals...?" und erinnere
mich an einen wundervollen Sommer...
Damals, im Sommer 1957, war es uns
Kindern verboten, zur Thayabrücke zu gehen: >Der Wassermann kommt und zieht
euch hinunter in sein nasses Reich!< warnten die Erwachsenen, und: >Der
Wassermann frißt kleine Kinder<. Dem war zwar nicht so, aber man konnte
Kindern nichts über die Politik erzählen, die gerade hier eine große Rolle
spielte. Also schützte man den Wassermann vor.
Wie auch immer: was verboten ist, ist
doppelt so interessant. Vier 7-jährige Rotznasen - Irmi, Friedl, Rosi und ich -
schlichen, bewaffnet mit meiner Blockflöte, zur Thayabrücke. Böse konnte der
Wassermann doch nicht sein! Wir wollten ihm ein Ständchen bringen!
Den Thaya-Wassermann haben wir nicht
angetroffen, wohl aber einige Kinder, die auf der anderen Seite der Brücke
spielten. Eines hatte eine Mundharmonika dabei, und diese Kinder sangen und
spielten die gleichen Lieder wie wir! Freilich, sie sangen in einer Sprache,
die wir nicht verstanden haben, aber es waren die gleichen Melodien!
Faszinierend… Aber was soll's, die Sprache der Musik ist international…"
"Margit - bitte zeig mir
Hardegg!" bettelte ich. "Mach ich, Ennio, aber nicht heute. Die
letzten paar hundert Meter in die kleinste Stadt Österreichs hinein geht's
ziemlich steil bergab. Ehrlich? Ich traue mir das heute noch nicht zu, aber ich
verspreche dir, noch in diesem Sommer werden wir nach Hardegg fahren, und ich
zeig dir die Platzerln, wo ich als Kind gespielt habe - vorausgesetzt, es gibt
sie noch…"
Dann wendete Margit und führte mich
wieder auf die E59. Nach ungefähr 100 Metern bog sie links ab und fuhr auf
einen riesigen Parkplatz, wo bunt durcheinander tschechische und
österreichische Autos auf ihre Besitzer und deren Einkäufe warteten.
"Ennio, bitte warte ein bißchen, ich möchte nur schnell Zigaretten kaufen
und einmal kurz durch das Kaufland düsen", erklärte sie mir.
Kaum
hatte Margit ihren Hintern in Richtung Supermarkteingang bewegt, begann ein
Raunen und Staunen rund um mich. Ein etwas größerer weißer Škoda mit einem
Kennzeichen, das mit 6B begann, sprach mich in tschechischer Sprache an:
"Bist du Wiener, oder bist du Tscheche?"
"Hallo, guten
Tag", antwortete ich freundlich und war froh, daß mir Strolchi die
tschechische Sprache beigebracht hatte, "ich bin neuerdings Wiener, sieht
man doch an meinem Kennzeichen, Tschechisch habe ich von meinem Benzinbruder
Strolchi gelernt! Er ist ein Škoda wie du, also gebürtiger Tscheche."
"Aber
du hast auch Znojmo auf deiner Nummerntafel - 6B! Nur mit den anderen
Buchstaben komme ich nicht klar."
Kennzeichen
W-6BXT fällt
auf!
Nach relativ
kurzer Zeit kam Margit zu mir zurück. Ich kassierte sofort die Zigaretten, die
mich sehr interessierten. Die rochen sehr gut, und zwar beide Sorten. Himmel,
ich bin 21 Jahre, deshalb habe ich die Berechtigung zu rauchen. Und das T-Shirt
schnappte ich mir auch. Darauf stand in tschechischer Sprache zu lesen: Ich
fahre so schnell, wie mein Schutzengel fliegt.
Auch ich
habe eingekauft!
Sobald sie alle anderen Dinge in meinen Satteltaschen
verstaut hatte, sagte sie höflich: "Lieber Ennio, bitte gib die Zigaretten
und das T-Shirt her, ich möchte die Sachen einpacken!" Donnerwetter, meine
Margit hat Kultur! Sie sagt auch zu mir >bitte< und >danke<!
Natürlich trennte ich mich sofort von meinen Beutestücken.
Strolchi hat
erzählt, daß sie sich immer bedankt, weil er sie gut nach Hause gebracht hat. So
mancher fahrbare Untersatz blickte daraufhin ziemlich neidisch zu uns herüber.
Selbstverständlich mußten wir auch das Excalibur
ansehen. Margit hatte schon mächtigen Kaffeedurst. Und dann passierte es:
Zuerst ganz leicht, dann immer stärker, begann es zu regnen! Nach einer
gewissen Zeit hörte der Regen wieder auf. Aber nicht lange. Ein Wolkenbruch nach dem anderen hatte
sich offensichtlich die B303, und danach die S3 als Ziel ausgesucht. "Kurwa
pogoda!" fluchte Margit. Das war aber nicht ihre einzige Unmutsäußerung!
Donnerwetter, Strolchi hat recht: Ich habe zwar noch nie einem Pfarrer bei der
Morgenandacht zugehört, dafür hab ich mal mitgehört, als jemand beim Schmuggeln
erwischt wurde. Der war eigentlich ziemlich kleinlaut. Nun, vielleicht sind die
sprichwörtlichen rumänischen Brummifahrer lauter und schimpfen auch mehr. Margit
ließ ihrem Frust über das Wetter freien Lauf! Ich konnte mir gar nicht alles
merken, was sie so von sich gab, und sofort fragen wollte ich nicht: Margit
mußte sich auf die nasse Straße konzentrieren.
An der Raststätte
Stockerau stellten wir uns unter das Vordach. Hier hatten schon viele
Motorräder vor dem Regen Schutz gesucht. Margit stellte mich hinter zwei dicke
BMW mit Heimathafen irgendwo in Tschechien. "Fährst du auch zum
Donauinselfest?" wollten die beiden wissen. "Nein, ich will nur noch
nach Hause", antwortete ich, "bevor ich noch röter werde als ich
ohnedies schon bin! Meine Chefität ist nämlich Gewohnheitsschimpferin."
"Na, was meinst du, was unsere Chefs schon von sich gegeben haben",
grinste der eine, "wetten, die können es noch besser als deine
Chefität?" "Nun, das sind auch Männer", versuchte ich die Ehre
meiner Margit zu retten, "Männer dürfen auch mehr fluchen als Frauen, und
schließlich ist Margit eine Frau!" "So lang sie nicht bei jedem Mal
>Kurva< sagen in Ohnmacht fällt, ist das in Ordnung", witzelten die
beiden BMW.
Als der Regen etwas
nachließ, fuhren wir weiter - aber nur bis zur nächsten Autobahnraststätte: Es
hatte wieder stärker zu regnen begonnen. Margit fütterte mich mit feinem Sprit
und genehmigte sich selbst eine Zigarette im Cafe, während ich den Regen
beobachtete und überlegte, ob die Nässe nur das gesamte Gewand meiner Margit,
oder gleich die ganze Margit durchgeweicht hatte.
Kaum hatten wie Wiener
Stadtgrenze passiert, hörte der Regen gänzlich auf. Nur noch ein paar Kilometer
- dann waren wir zu Hause!
Heute hatten Margit und
ich sage und schreibe 200 km geschafft!
"Weißt Du was,
Ennio - morgen bekommst du eine Wellnessbehandlung vom feinsten",
versprach Margit, "die hast du dir redlich verdient!"



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