5.
Kapitel:
Wellness
für ein Motorrad
Es
war ungefähr 10°° Uhr am Sonntagmorgen, als Margit, bewaffnet mit einem
vollgeräumten Kübel und einem Plastikstockerl, zu mir kam. "Ich habe dir
doch gestern etwas versprochen, Ennio", erklärte sie und setzte sich zu
mir.
Dann
begann sie, mir eine tolle Wellnessbehandlung zu verpassen! Die zwei häßlichen
Flecken, die ich schon lange auf meinem linken Auspuff hatte, und die mich,
ehrlich gesagt, sehr gestört hatten, hat sie gleich wegpoliert - uuuujjj, das
kitzelt, kann ich dir sagen! Ich bin schließlich ein Mann, bei einem männlichen
Motorrad ist der Auspuff besonders empfindlich! (Bei Menschenmännern gibt es
auch ein Rohr, das sehr empfindlich ist - Du verstehst??? Weiter möchte ich
nicht ins Detail gehen, ich bin sowieso schon rot genug! Wenigstens haben
Menschenmänner nur ein Rohr.) Wie auch immer - ich habe dieses Putzen meines
linken Auspuffrohres sehr genossen, und auch mein rechtes Auspuffrohr ist nicht
zu kurz gekommen! Margit ist auch sehr lieb mit meinen Auspuffrohren
umgegangen.
Jetzt sind sie wieder blitzblank,
meine Auspuffrohre!
Mit dem gleichen Mittel, mit dem Margit meine Auspuffrohre
verwöhnt hatte, polierte sie auch meinen Scheinwerfer, meinen Lenker - kurz,
alles, was Chrom ist. Chrom muß glänzen, schließlich bin ich eine Schönheit!
Und Margit ging so zärtlich mit mir um - ich konnte nur eines: genießen,
genießen und nochmals genießen! Zwischendurch kamen diverse Hausbewohner und
bewunderten mich. Ein kleiner Motorradfachmann, schätzungsweise drei Jahre jung,
bewunderte mich in Gegenwart seines Großvaters. Als ihm Margit anbot, sich auf
mich draufzusetzen, lehnte er ab. Offensichtlich hatte der kleine Mann Angst
vor seiner eigenen Courage. Angst ist nichts Böses, im Gegenteil. Als ich
Margit danach fragte, zündete sie sich zuerst einmal eine ihrer unvermeidlichen
Viceroy's an. Dann erklärte sie mir: "Ennio, Angst ist sehr wichtig -
vielleicht das Wichtigste, was das menschliche Hirn produziert, wenn die Kacke
am Dampfen ist. Angst ist eine Schutzfunktion des Hirns. Wenn die Menschheit
keine Angst empfinden könnte, wäre sie schon lange ausgestorben."
"Und
du", wollte ich wissen, "hast du auch Angst?" "Sicher,
Ennio", bekannte sie lächelnd, "auch ich habe, wo es angebracht ist,
Angst. Was meinst du, warum ich immer wieder sage, daß ich 15 Jahre lang nicht
Motorrad gefahren bin? Was meinst du, warum ich gestern noch nicht mit dir nach
Hardegg fahren wollte?" Ich muß ziemlich verdutzt geschaut haben, denn
während sie aufstand, um meine schöne, schwarz-rote Lackhaut zu pflegen, erklärte
sie: "Manchmal nennt man die Angst auch Vorsicht, wenn man seine eigenen
Fähigkeiten richtig einschätzt. Wir beide müssen noch ordentlich das Kurven
fahren trainieren, bis wir uns über die Straße nach Hardegg trauen
können!"
Während
Margit mir ihre Philosophie über die Angst nahebrachte, massierte sie meinen
Tank, mein Schwanzerl und die seitlichen Abdeckungen mit einem Poliermittel,
das sich überaus angenehm anfühlte. Himmel, Donnerwetter, das tat gut! Dieses
angenehme Gefühl war nur noch dadurch zu toppen, daß sie, sobald das
Poliermittel getrocknet war, einen weichen Lappen nahm und mich vom Tank bis
zum Heck polierte.
Ich bin der Schönste!
Aus einem
weiteren Fläschchen trug Margit noch das Leder-Pflegemittel auf meine Sitzbank auf
und massierte es ordentlich ein. Aus dem anderen Fläschchen trug sie eine
schwarze Flüssigkeit auf einige ausgebleichte Plastikabdeckungen auf. Ich
staunte: Diese Abdeckungen sahen wieder aus wie neu! Nichts, aber auch gar
nichts, hatte sie ausgelassen.
Auf ihre
Frage, ob ich denn am nächsten Sonntag wieder Wellness haben wolle, konnte ich
nur schnurren wie ein Miezekätzchen.

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