Freitag, 23. Oktober 2015

5.) Wellness für ein Motorrad

5. Kapitel:
Wellness für ein Motorrad

Es war ungefähr 10°° Uhr am Sonntagmorgen, als Margit, bewaffnet mit einem vollgeräumten Kübel und einem Plastikstockerl, zu mir kam. "Ich habe dir doch gestern etwas versprochen, Ennio", erklärte sie und setzte sich zu mir.



Dann begann sie, mir eine tolle Wellnessbehandlung zu verpassen! Die zwei häßlichen Flecken, die ich schon lange auf meinem linken Auspuff hatte, und die mich, ehrlich gesagt, sehr gestört hatten, hat sie gleich wegpoliert - uuuujjj, das kitzelt, kann ich dir sagen! Ich bin schließlich ein Mann, bei einem männlichen Motorrad ist der Auspuff besonders empfindlich! (Bei Menschenmännern gibt es auch ein Rohr, das sehr empfindlich ist - Du verstehst??? Weiter möchte ich nicht ins Detail gehen, ich bin sowieso schon rot genug! Wenigstens haben Menschenmänner nur ein Rohr.) Wie auch immer - ich habe dieses Putzen meines linken Auspuffrohres sehr genossen, und auch mein rechtes Auspuffrohr ist nicht zu kurz gekommen! Margit ist auch sehr lieb mit meinen Auspuffrohren umgegangen.




Jetzt sind sie wieder blitzblank, meine Auspuffrohre!
Mit dem gleichen Mittel, mit dem Margit meine Auspuffrohre verwöhnt hatte, polierte sie auch meinen Scheinwerfer, meinen Lenker - kurz, alles, was Chrom ist. Chrom muß glänzen, schließlich bin ich eine Schönheit! Und Margit ging so zärtlich mit mir um - ich konnte nur eines: genießen, genießen und nochmals genießen! Zwischendurch kamen diverse Hausbewohner und bewunderten mich. Ein kleiner Motorradfachmann, schätzungsweise drei Jahre jung, bewunderte mich in Gegenwart seines Großvaters. Als ihm Margit anbot, sich auf mich draufzusetzen, lehnte er ab. Offensichtlich hatte der kleine Mann Angst vor seiner eigenen Courage. Angst ist nichts Böses, im Gegenteil. Als ich Margit danach fragte, zündete sie sich zuerst einmal eine ihrer unvermeidlichen Viceroy's an. Dann erklärte sie mir: "Ennio, Angst ist sehr wichtig - vielleicht das Wichtigste, was das menschliche Hirn produziert, wenn die Kacke am Dampfen ist. Angst ist eine Schutzfunktion des Hirns. Wenn die Menschheit keine Angst empfinden könnte, wäre sie schon lange ausgestorben."
"Und du", wollte ich wissen, "hast du auch Angst?" "Sicher, Ennio", bekannte sie lächelnd, "auch ich habe, wo es angebracht ist, Angst. Was meinst du, warum ich immer wieder sage, daß ich 15 Jahre lang nicht Motorrad gefahren bin? Was meinst du, warum ich gestern noch nicht mit dir nach Hardegg fahren wollte?" Ich muß ziemlich verdutzt geschaut haben, denn während sie aufstand, um meine schöne, schwarz-rote Lackhaut zu pflegen, erklärte sie: "Manchmal nennt man die Angst auch Vorsicht, wenn man seine eigenen Fähigkeiten richtig einschätzt. Wir beide müssen noch ordentlich das Kurven fahren trainieren, bis wir uns über die Straße nach Hardegg trauen können!"
Während Margit mir ihre Philosophie über die Angst nahebrachte, massierte sie meinen Tank, mein Schwanzerl und die seitlichen Abdeckungen mit einem Poliermittel, das sich überaus angenehm anfühlte. Himmel, Donnerwetter, das tat gut! Dieses angenehme Gefühl war nur noch dadurch zu toppen, daß sie, sobald das Poliermittel getrocknet war, einen weichen Lappen nahm und mich vom Tank bis zum Heck polierte.



Ich bin der Schönste!
Aus einem weiteren Fläschchen trug Margit noch das Leder-Pflegemittel auf meine Sitzbank auf und massierte es ordentlich ein. Aus dem anderen Fläschchen trug sie eine schwarze Flüssigkeit auf einige ausgebleichte Plastikabdeckungen auf. Ich staunte: Diese Abdeckungen sahen wieder aus wie neu! Nichts, aber auch gar nichts, hatte sie ausgelassen.
Auf ihre Frage, ob ich denn am nächsten Sonntag wieder Wellness haben wolle, konnte ich nur schnurren wie ein Miezekätzchen.


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