11. Kapitel:
Ennio muss in Krankenstand
Allmählich bekomme ich trotz Wellnessprogramm Angst
vor dem Sonntag: Hatte am vergangenen Sonntag meine Batterie den Geist
aufgegeben, so geschah an diesem Sonntag etwas, was mich beinahe das Leben, mein
Leben mit Margit, gekostet hätte. Ja, ich bin froh und glücklich, daß ich meine
Margit habe, denn sie hält mir die Treue und läßt mich nicht im Stich. Fast
schäme ich mich zu gestehen, daß ich anfangs so gar nicht begeistert gewesen
war, es mit einer Frau zu tun zu bekommen. Rückblickend betrachtet, war das das
Beste, was mir passieren konnte.
Wie jeden Sonntag hatte ich meine Wellnessbehandlung
genossen. Anschließend wollte ich frühstücken, und danach wollte mir Margit
zeigen, wo sie oft als Kind war, wo sie gespielt hatte.
"Übrigens, Ennio, wie hat dir denn letztens der
Sprit geschmeckt?" wollte meine Margit wissen. "Hmmmm, der war
besonders gut", antwortete ich, "bitte gibt es den öfter?"
"Ennio, wenn dir dieser Sprit so gut schmeckt, dann bekommst du ihn. Aber
sagst mir schon, wenn er dir eines Tages nicht mehr schmecken sollte!"
"Sicher sag ich's", antwortete ich,
"aber was stellen wir heute an?" "Ich könnte dir die Wiener
Hütte zeigen", antwortete Margit, "als Kind war ich oft dort, und als ich zuletzt dort war, gab es die besten Backhendln aller Zeiten! Außerdem ist
die Straße hinauf zur Wiener Hütte eine prima Übungsstrecke." Backhendl
klingt gut. Ich esse sowas zwar nicht, aber ich kann den Geruch wahrnehmen. Und
wenn Margit von einer prima Übungsstrecke spricht - nicht schlecht!
Dann machten wir uns auf den Weg. Die Strecke
"auf die Siebzehner", zur Triester Straße, kenne ich im Schlaf. Nur
noch eine Kreuzung trennte uns noch von der Tankstelle, wo ein exquisites
Frühstück auf mich wartete. Vor der rotleuchtenden Ampel hielten wir an. Daß
Margit mein Getriebe in den Leerlauf schaltete, müßte ich eigentlich gar nicht
erwähnen. An der gesperrten Kreuzung schaltet sie immer in den Leerlauf - aber
dann das Anfahren! AU! Es krachte in meinem Getriebe - ein Mensch wäre bei
diesem Schmerz fast ohnmächtig geworden! Das hatte verdammt weh getan! Ich nahm
alle Kraft zusammen und schaffte es gerade noch bis zur Zapfsäule.
"Ennio! Was ist los mit dir?" Margit war
ehrlich besorgt. "Jetzt kriegst du zuerst mal was zu trinken, dann schiebe
ich dich von der Zapfsäule weg, gehe zahlen und schau mir die Sache an."
Gesagt, getan. Margit fütterte mich mit diesem
herrlichen, wohlschmeckenden Sprit. Es war ein Trost, aber ich konnte ihn nicht
genießen. Ich fühlte mich schrecklich, die Schmerzen in meinem Getriebe nahmen
überhand. Margit strich vorsichtig über meinen wackelnden Kupplungshebel.
"Ennio, leider kann ich überhaupt nichts machen, weil ich nichts davon verstehe.
Ich ruf besser den ÖAMTC. Du mußt keine Angst haben!" Wenn sie es sagt…
Dann ging sie in den Kiosk. Daß Margit ausgerechnet heute ihr Handy zu Hause
vergessen hatte, bekam ich nur am Rande mit. Die nette Dame an der Tankstelle
borgte ihr ein Handy, damit Margit Hilfe für mich besorgen konnte.
Bis der ÖAMTC kam, dauerte eine gefühlte Ewigkeit. Der
Schmerz in meinem Getriebe hatte sich ein wenig beruhigt. Der ÖAMTC-Mann
untersuchte mich. "Hier kann ich gar nichts machen", bekannte er,
"wenn es blöd hergeht, hat das Getriebe was, und das wird teuer. Das
Motorrad muß abgeschleppt werden."
Ich hörte, wie der ÖAMTC-Mann den Abschleppdienst
rief. Je mehr der Schmerz in meinem Getriebe abebbte, desto stärker wurde in
mir die Angst: Angst, daß mein Leben nach 41.000 Kilometern zu Ende sein
könnte. Wer weiß - vielleicht kann sich Margit meine Reparatur nicht leisten?
Als der Abschleppwagen vom ÖAMTC eintraf, war meine
Panik auf dem Höhepunkt. Würde ich jetzt in die Schrottpresse wandern? Nein,
beruhigte ich mich selbst, Margit hat mich doch vorhin noch gestreichelt und
mir Mut zugesprochen! Nein, nein und nochmals nein, sie ist doch kein falsches
Luder!
Der Mann vom ÖAMTC führte mich auf die Laderampe des
LKW. Brummi stellte ganz vorsichtig seine Ladefläche gerade und der Mann vom
ÖAMTC sicherte mich. Dann ging es heimwärts. Als mich der ÖAMTC-Mann vor
Margits Haustüre gleich gegenüber von Strolchis Parkplatz setzte, hatte ich mich
einigermaßen beruhigt.
Ich klagte Strolchi mein Leid. "Ennio - jetzt mal
Klartext", beruhigte mich mein Freund und Benzinbruder, "Wenn dein
Getriebe krank ist, ist das wirklich eine schwere Krankheit, aber man muß nicht
daran sterben. Wenn es an Margit liegt, daß Du weiterleben kannst, dann wirst du weiterleben, da fährt der Güterzug
mit 100 Waggons drüber, und du wirst im nächsten Jahr mit Margit zum Nordkap
fahren."
"Wieso kannst du da so sicher sein? Wenn meine
Reparatur ihre finanziellen Möglichkeiten übersteigt?" Zu meiner Angst und
meinen mittlerweile erträglichen Schmerzen gesellte sich die Verzweiflung.
"Ennio - vor 13 Jahren war ich genau in der gleichen
Situation, in der du jetzt bist, vielleicht war ich sogar noch ein bisserl
beschissener dran. Es war ein Auffahrunfall. Mir ist einer mit 70 Sachen voll
ins Heck geknallt. Zum Glück hat der Airbag nicht ausgelöst und Margit ist
nichts passiert. In der Werkstätte haben sie gesagt, ich sei ein
wirtschaftlicher Totalschaden und haben ihr ein neues Auto angeboten. Aber
Margit wollte kein neues Auto, sie hat darauf bestanden, daß man mich
repariert. Also, Ennio, beruhige dich. Margit ist nicht wie alle anderen. Ich
weiß, daß Margit ohne Wenn und Aber zu dir hält, und das solltest du auch schon
wissen."
Obwohl ich noch Todesängste litt, erwachte in meinem
Motorenherzen die Zuversicht: Ja, wenn Margit in einer ähnlichen Situation zu
Strolchi gehalten hat, wird sie bestimmt auch zu mir halten.
An diesem Nachmittag schaute Margit öfter als sonst
nach mir. Allmählich legte sich auch meine Todesangst. Irgendwann schlief ich
ein…
3. August
Heute hätte ich Margit zur Therapie nach Bad Deutsch
Altenburg gebracht. "Ich paß schon auf unsere Margit auf", versprach
mein Freund und Benzinbruder Strolchi, "und vor allem schau ich, daß sie
ihr Handy nicht vergißt!" Kaum hatte Strolchi das ausgesprochen, kam
Margit schon gelaufen. Klar, daß sie zuerst mich begrüßte. "Also, Ennio,
unser Strolchi bringt mich jetzt zur Therapie, und weil ich immer zwischen
Ankunft und Therapie Zeit habe, werde ich für dich mit der Werkstätte alles
klar machen, daß wir bald wieder auf Lepši fahren können." "Welche
Werkstätte?" wollte ich wissen. Irgendwie hatte ich das unbestimmte
Gefühl, daß bei meinem letzten Check ein Fehler passiert war, aber
hundertprozentig sicher war ich nicht. "Norbert hat mir die Telefonnummer
von einer Werkstätte gegeben, wo seine Motorräder immer waren", antwortete
Margit, "der Mechaniker soll einsame Spitze sein!" Ja, den Norbert
kenne ich, das ist der Mann von Claudia, und der ist schwer in Ordnung.
Meine Frage, was das alles kosten sollte, beantwortete
sie mit einem Achselzucken und einem: "Null Ahnung!"
Am Nachmittag kam ein Auto, das mich ins Krankenhaus -
pardon, in die Werkstätte - brachte. Der Fahrer bewegte meinen Schalthebel -
au, so ein Mistkerl! Der hatte mir aber ordentlich weh getan! Und er sagte ganz
böse Dinge, wie: es wäre besser, ein neues Motorrad zu kaufen, ich hätte im
jetzigen Zustand nur einen Wert von vielleicht 200 Euro…
Margit sagte nichts - aber ihr Blick sprach Bände. Gut,
daß man mit Blicken nicht töten kann.
4. August
In der Werkstätte hatte ich einen Platz bekommen, wo
ich sehr gut alle Telefonate mithören konnte. Der Meister untersuchte mich: Der
Zahnriemen war gespannt wie eine Gitarrensaite, nicht mehr zu retten, und die
dazugehörige Scheibe war auch kaputt! Dadurch hatte die Welle etwas abbekommen.
Jetzt hatten wir die Kacke am Dampfen!
Am Nachmittag rief Margit an und erkundigte sich nach
mir. Der Meister erklärte ihr meine Krankheit: Die Scheibe kostet dies, der
Riemen kostet das, und die Arbeitszeit - als ich "zusammen maximal 850
Euro" hörte, traf mich fast der Schlag. Ich konnte nicht hören, was Margit
dazu sagte, aber nach einer kurzen Pause antwortete der Meister: "Gut,
dann werde ich die Teile bestellen." Das rührte mich zu Tränen. Einzig und
allein die Anmerkung, Margit müsse nicht anrufen, er, der Meister, werde sie
anrufen, störte mich ein bißchen.
Andererseits: Hier sind viele Motorräder genau wie ich
im Krankenstand. Wenn bei jedem der Chef oder die Chefität anruft, käme der
Meister gar nicht mehr zum Arbeiten…
7. August
Heute hat Margit mir einen Krankenbesuch abgestattet!
Meine Margit ist doch eine ganz listige Füchsin, sie mußte selbstverständlich
ihren Sturzhelm hier in die Werkstätte bringen, damit sie ihn nicht vergißt!
Ja, natürlich muß man sich dann um das arme Motorrad kümmern! Und einen Öl- und
Ölfilterwechsel hat sie auch für mich geordert. Meine Margit ist die Beste!
Natürlich hat sie mir die neuesten Neuigkeiten
erzählt. Das wichtigste: Die schreckliche Umleitung von Wildungsmauer nach Bad
Deutsch Altenburg wurde eine Woche früher als erwartet aufgehoben. Ich freue mich
schon, wenn ich meine Margit wieder nach Bad Deutsch Altenburg begleiten kann…
Daß der Meister belächelte, weil Margit mich
streichelte und mit mir plauderte, störte uns nicht. Manche Menschen haben ja
keine Ahnung…
8. August
Jetzt bin ich schon eine ganze Woche im Krankenstand.
Ich könnte heulen! Aber heute habe ich eine SMS von Strolchi bekommen:
>>Mein lieber Ennio, ich bin es - Strolchi. Ich
hab dir versprochen, auf unsere Margit gut aufzupassen, und damit sie nicht
depressiv wird, habe ich sie heute nach Maissau in die Amethystwelt
abgeschleppt. Das Maissauer Bergl, vor dem sich ihre Trucker-Kollegen immer
gefürchtet haben, ist entschärft, es gibt eine Umfahrung. Aber zur Amethystwelt
muß man übers Maissauer Bergl fahren! Ich kann dir nur sagen, für unsere Margit
war das Nostalgitis in Reinkultur! Hier hat sie ihren Trucker-Kollegen immer
geholfen. Unten bei der Kreuzung war eine Ampel, und wenn die auf rot stand und
sie stehen bleiben mußten, konnte man zu wenig Schwung nehmen. Klar, daß sie bei
Schneefahrbahn über das kurvige Maissauer Bergl mit ihren Brummern
hängengeblieben sind. Wie man das Problem löst, hat sie von ihrem Papschi
gelernt, damals, lange bevor wir geboren wurden. Die Ampel gibt es heute nicht
mehr.
In der Amethystwelt hat unsere Margit
selbstverständlich nach Amethysten geschürft und auch ein paar hübsche
Steinchen gefunden. Ich zeig sie Dir:
Margits
Beute
Am Rückweg hat sich Margit beim Schmid noch ein
Amethyst-Eis und eine Halbe Soda genehmigt. Natürlich wird das Amethyst-Eis
nicht aus Amethysten, sondern aus Blaubeeren gemacht!
Amethyst-Eis
Sobald Margit ihre Zeche bezahlt hatte, ging es
weiter. Zum Glück hat die das Oldtimer-Museum in Heldenberg nicht bemerkt.
Eigentlich wollte sie sich beim Merkur in Stockerau
Ost noch ein gekühltes Kriminalwasser genehmigen. Stattdessen hat sie
Wunderlinge gekauft. Die schauen so ähnlich aus wie Pfirsiche, es sind auch
Pfirsiche, aber sie schauen ein bisserl anders aus als die sch….laue EU
vorschreibt.
Allmählich ging es auf 15°° Uhr zu. Die Temperatur war
mittlerweile auf 38°C gestiegen. Zwischendurch hatte ich beobachtet, daß
Crash-Eis aus einer Vitrine vor dem Eingang entsorgt worden war. Margit hat das
auch bemerkt, wie denn nicht!
Ennio, Du
kennst doch unsere Margit, der fällt immer eine Verrücktheit ein:
Herrliche
Erfrischung!
Ennio, mein bester Freund und Benzinbruder, brauchst
Du noch einen Kommentar? Wenn unserer Margit einmal kein Blödsinn einfällt,
dann ist sie's nicht! Sie war jedenfalls sehr zufrieden, als sie wieder zu mir
kam! Wir konnten sehr entspannt nach Hause fahren!<<
14.
August
12 Tage, nachdem ich krank geworden war, wurde auch
Strolchi krank. "Mein Kurbelwellensensor ist kaputt", mailte mir mein
Freund und Benzinbruder, "aber Norbert hat sich schon der Sache angenommen!"
"Norbert ist doch kein Mechaniker," wandte
ich ein, "der ist Elektriker, ein Meister in seinem Fach!"
"Norbert kennt viele Leute", beruhigte mich
mein Freund und Benzinbruder Strolchi, "er kennt auch den Mechaniker, der
dich gesund machen wird." Daher also wehte der Wind.
Trotzdem hatten wir die Kacke am Dampfen! Wir machten
uns beide Sorgen um unsere Margit. Ich im Krankenhaus - pardon, in der
Werkstatt, Strolchi krank - ich kenne meine Margit doch schon zu genüge, wenn
wir beide krank sind, ist sie sehr, sehr traurig, um nicht zu sagen, sie dreht
am Stand durch! Zum Glück gibt es aber Claudia und Norbert, Margits beste
Freunde!
Obwohl es eine Hitze hatte, daß der Asphalt Blasen
warf und - pardon - die Hundepisse in den Blasen kochte, telefonierte Norbert
in der ganzen Gegend herum, um den Kurbelwellensensor für Strolchi
aufzutreiben! Und er schaffte es! Am Montag holte er den Kurbelwellensensor ab.
Am Nachmittag kam Martin, seines Zeichens Vater von Claudias Enkelkind Benji,
und begann zunächst einmal Strolchis defekten Kurbelwellensensor auszubauen. Das
war schwieriger als gedacht. Was dann kam - ich wage Strolchis Erklärungen
nicht wörtlich wiederzugeben, ich bin ohnedies schon rot genug! Nur soviel:
Murphys Gesetz war voll in Aktion: Was schief gehen kann, wird auch schief
gehen.
Aber glücklicherweise war Strolchis Operation am
Dienstagabend erledigt, und am Mittwoch konnte er unsere Margit schon nach
Znojmo verschleppen. Schließlich kennt mein Freund und Benzinbruder Strolchi
jede Menge Autos, denen er von seiner Operation erzählen muß!
Zu seinem Leidwesen kam Strolchi nicht oft dazu, an
diesem 19. August 2015 von seiner Operation zu erzählen, der 19.8. ist nämlich
ein geschichtsträchtiger Tag: Am 19.8.1989 fand am Neusiedlersee das
Europapicknick statt, in dessen Verlauf jede Menge DDR-Bürger über Ungarn nach
Österreich abhauten. Das, und hauptsächlich das, war unter den tschechischen
Autos Thema.
Während unsere Margit Strolchi trösten mußte, daß sich
so gar niemand für seine Operation interessiert hatte, hatte Norbert Nägel mit
Köpfen gemacht! Er hatte den Meister besucht und ihn gefragt, warum ich noch
nicht bei meiner Margit sei: "Peter, das ist nicht nett von dir: Da schick
ich dir einen Kunden, und du kümmerst dich nicht!" flaxte Norbert. Der mit
Peter Angesprochene flaxte zurück, versprach aber, sobald mein Riemen
angeliefert war, mich gesund zu machen.
Ja, am gleichen Tag kam mein Riemen, und am Abend konnte ich hören, wie der Meister
meine Margit anrief: "Das Motorrad ist fertig!" Ich konnte nicht
alles hören, was besprochen wurde, nur so viel: Margit würde mich morgen
abholen!
20. August
Norbert hatte meine Margit mit seinem Auto zur
Werkstätte gefahren, kam aber nicht mit, weil Claudia zu Hause schon mit dem
Essen wartete. Margit begrüßte mich überschwänglich, sie streichelte mich,
bevor sie das Geschäftslokal betrat und sich von ihrer Barschaft trennte.
Selbstverständlich zeigte ihr der Meister die Scheibe und den schadhaften
Riemen: Ein Stein oder sonstwas hatte sich in den Riemen gebohrt, und das hatte
so arg weh getan.
Margit hatte gelöhnt und den Grund für meine Krankheit
erforscht, also konnten wir nach Hause fahren!
Morgen darf ich endlich wieder mit meiner Margit nach
Deutsch Altenburg fahren und das neue Straßenstück begutachten…
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